Ein Sprung aus Ariella Kaeslins Schatten

Giulia Steingruber verpasst in Tokio an ihrem Paradegerät zwar eine WM-Medaille, Rang 5 im Sprungfinal beweist aber, dass die 17-Jährige aus Ariella Kaeslins Schatten treten kann.

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Unruhig rutschte Ariella Kaeslin auf ihrem Tribünenplatz vor und zurück. Die einstige Schweizer Überturnerin hatte auf ihrer Ferientour quer durch Asien in Tokio Halt gemacht, um ihrer einstigen Teamkollegin im Sprungfinal der WM moralisch beizustehen. Als aktive Turnerin war die Luzernerin vor Nervosität jeweils kaum zu bändigen gewesen. Gestern als Zuschauerin war das nicht anders. Aus einem gepolsterten Lehnstuhl im Metropolitan Gymnasium fieberte sie dem grossen Auftritt von Giulia Steingruber entgegen.

Als zweitletzter Springerin im Gerätefinal war der 17-jährigen Ostschweizerin bewusst gewesen, dass sie nach ihrem Auftritt mindestens Zweite sein musste, um den Medaillentraum zu realisieren; nach ihr war noch die stärker eingestufte Oksana Tschussowitina an der Reihe. Und nach den vier Minuten, die etwa vergehen zwischen dem ersten Sprung und der Notenvergabe nach dem zweiten, war klar: Steingruber verpasste ihr Ziel. Weder denkbar knapp noch ernüchternd deutlich. Sie wurde Fünfte mit ordentlichen, aber eben nicht ausserordentlichen Sprüngen. Beim ersten verliess sie die Landezone, beim zweiten fehlte ihr die Höhe.

«Ich bin sehr zufrieden mit diesem Resultat»

Um 0,216 Punkte sprang sie am Podest vorbei. Trotzdem nahm sie Nationaltrainer Zoltan Jordanov kurz darauf lachend in den Arm, auch Steingruber strahlte und sagte: «Ich bin sehr zufrieden mit diesem Resultat.» Nach dem 6. Platz vor einem halben Jahr an der EM in Berlin (wo sie übermotiviert im Final gestürzt war) war dieser 5. Rang ein weiterer Beweis ihres aussergewöhnlichen Könnens. Felix Stingelin, Chef Spitzensport im Schweizerischen Turnverband (STV), hatte ja unlängst festgehalten, er erachte das Erfolgspotenzial bei Steingruber noch höher als einst bei Kaeslin.

Der Gossauerin wird es mit solchen Vergleichen freilich nicht einfach gemacht. Sie lässt sich davon aber auch nicht irritieren. Sondern wird nur weiter geduldig darauf hinweisen, dass sie eben nicht ihrer einstigen Teamgefährtin nacheifern, sondern ihren eigenen Weg gehen werde. Den «Giulia-Weg». Und dass der erhoffte Exploit nun auch an der WM ausgeblieben ist, hat weder mit der gesteigerten Erwartungshaltung zu tun noch mit der veränderten Situation, seit ein paar Monaten nicht mehr im Schatten der zurückgetretenen Kaeslin zu stehen – sondern als Teamleaderin im Rampenlicht.

Die verpasste Medaille liess sich ganz profan begründen: Steingruber war nicht in Topform. Die anhaltenden Rückenschmerzen und Fussprobleme hatten sich in Japan nicht wie gewünscht verflüchtigt, Jordanov rapportierte ungenügende Trainingsleistungen im Vorfeld der WM gerade am Sprung, und zwei Tage vor dem Wettkampf zog sich die Turnerin eine Fersenprellung im ohnehin lädierten rechten Fuss zu. «Es kam insgesamt etwas viel zusammen», erklärte ihr Trainer. Steingruber selbst wollte dies «nicht als Ausrede brauchen». Schliesslich wusste sie: Auch so wäre sie fähig gewesen für das Podest.

Das Turnjahr 2011 geht für Steingruber ohne Medaille an internationalen Titelkämpfen zu Ende, trotzdem bezeichnet sie es als «perfektes Jahr» nach zwei EM-Finals im Frühling und nun zwei WM-Finals. So scheint es nur eine Frage der Zeit, bis sie die Podeststufen erreicht. Konkret: eine Frage von sieben Monaten. Als zweitbeste Europäerin in Tokio würde sie an der EM Mitte Mai in Brüssel zu den Anwärterinnen auf Gold zählen – sofern sie sich zu einer Teilnahme entschliesst. Noch vorher versucht sie im Januar am Testwettkampf in London, sich als Einzelturnerin für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, nachdem das Team dies in Tokio verpasst hat.

Mit einer Schraube mehr auf Olympiamedaillen-Kurs

Das dürfte eine Formsache sein, Steingruber hat die Selektionskriterien von Swiss Olympic längst erfüllt. Zudem ist sie nicht nur eine ausgezeichnete Springerin, sie erreichte in Tokio auch Rang 16 im Vierkampf. Natürlich liegt der Fokus aber auf ihrem Paradegerät, seit einigen Monaten versucht sie, ihren zweiten Sprung schwieriger zu gestalten. In Tokio zeigte sie einen Tsukahara gestreckt mit ganzer Schraube. Bis Januar 2012 will sie eine weitere ganze Schraube angehängt haben.

Ihren Ausgangswert würde das um 0,8 Punkte erhöhen. Allein damit hätte sie gestern Silber gewonnen hinter der erst 15-jährigen Amerikanerin McKayla Maroney. Die Grande Dame Tschussowitina hingegen, die gestern Silber und damit 20 Jahre nach ihrer ersten die elfte WM-Medaille gewann, hätte sie bezwungen. Dass die Deutsche mit 36 Jahren immer lauter an Rücktritt denkt, belegt erst recht: Die Zukunft kann Giulia Steingruber gehören.

Erstellt: 16.10.2011, 11:37 Uhr

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