Eine Boxlegende pilgert nach Mekka

Der Ex-Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson schreibt das nächste Kapitel der Auferstehung von den Bösen.

«Als Muslim werde ich zu einem besseren Menschen»: Boxlegende und verurteilter Vergewaltiger Mike Tyson.

«Als Muslim werde ich zu einem besseren Menschen»: Boxlegende und verurteilter Vergewaltiger Mike Tyson. Bild: Keystone

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Für den gesellschaftlichen Aufstieg vom Outcast zum Ehrenmann gibt es keine allgemeingültigen Verhaltensregeln. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Das muss auch Mike Tyson, der dieser Tage nach Medina und Mekka reist, gedacht haben.

Aufgewachsen als jugendlicher Krimineller im Scherbenviertel von Brooklyn und später der jüngste Schwergewichts-Weltmeister der Box-Geschichte, begann er, nachdem er 1992 auf der Höhe seines sportlichen Zenits wegen Vergewaltigung einer 18-jährigen Schönheitskönigin ins Gefängnis musste, mit der Suche nach dem Pfad zum Guten. In den drei Jahren in seiner Zelle las er jede Woche ein bis zwei Bücher – von Machiavelli bis Mao Zedong – und empfing Besucher wie die Poetin Maya Angelou, deren Gedichte er auswendig gelernt hatte. Die Entwicklung führte ihn Richtung Religion. Genauer gesagt Richtung Islam. «Als Muslim werde ich zwar sicher nicht einer der Engel im Himmel», sagte er. «Aber ich werde zu einem besseren Menschen.»

Der Ohrbiss

Wir wissen, wie es ausging. Seine Rückkehr in den Ring, für die er mit einer Garantiesumme von 200 Millionen Dollar geködert wurde, kulminierte zwei Jahre nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt auf einem hässlichen Höhepunkt. Da biss Mike Tyson seinem Gegner Evander Holyfield während des Kampfs ein Stück vom Ohr ab. Nicht nur Ringrichter Mills Lane, der das blutige Spektakel abbrach, war sich sicher, dass da «der wahre Charakter eines Menschen ans Tageslicht» gekommen war.

Wie grell der Charakter leuchtet, zeigte sich in rascher Folge. 1999 erhielt Tyson ein Jahr Gefängnis wegen einer Handgreiflichkeit im Strassenverkehr. 2003 musste er persönlichen Konkurs anmelden, weil die Millionen vergeudet waren. Und so lautete sein Fazit 2005: «Ich bin ein Versager.»

Ein «elendes Schwein von Frau»

Das hat aber nie die Faszination der Öffentlichkeit für Tyson abgekühlt, der trotz seiner Dementis wie ein Musterexemplar für eine in westlichen Ländern immer häufiger diagnostizierte Gemütserkrankung wirkt – die bipolare affektive Persönlichkeitsstörung.

Diese Faszination stellte zuletzt Hollywood-Drehbuchautor James Toback unter Beweis. Er drehte den Dokumentarfilm «Tyson», der bei Aufführungen in Cannes und Sundance eine neue Beziehung des verstossenen Helden zum Publikum entfachte. Ein Kritiker stufte das Werk als «bizarres Festival der Liebe» ein. Tyson war anwesend und wurde mit stehenden Ovationen begrüsst. Tobacks Bilder tauchen den gescheiterten und dämonisierten Sportler in ein seltsames Pathos. Der Höhepunkt: eine Abrechnung mit Desiree Washington, der Frau, die er in einem Hotelzimmer in Indianapolis vergewaltigt hatte: Sie sei ein «elendes Schwein von Frau».

Ein Kampftier zu Tränen gerührt

Zurzeit erleben wir das nächste Kapitel der Auferstehung von den Bösen. Am Freitag traf der 44-Jährige in Medina ein, von wo aus er nach Mekka reisen wird. Der Besuch der Pilgerstätten wird von einer kanadischen Missionarsgruppe organisiert. Gleich nach seiner Ankunft machte Tyson einen Besuch bei Dr. Muhammad al-Oqala, dem Präsidenten der dortigen Islamic University. Auch der war von der Werbewirkung einer Begegnung mit dem notorischen Amerikaner so angetan, dass ein Fotograf der «Arab News» den Augenblick festhalten durfte.

Tyson war von seinen ersten Eindrücken überwältigt: «Ich habe ein paar Tränen vergossen, als ich erfuhr, dass ich in einem der Gärten des Paradieses war», sagte er über seinen Besuch in der Prophetenmoschee in Medina.

Erstellt: 05.07.2010, 21:13 Uhr

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