Eine Schraube, locker

Der Japaner Kenzo Shirai war die grosse Attraktion am Swiss Cup. Weil er Turnen leicht erscheinen lässt.

Einer für neue Massstäbe: Kenzo Shirai schraubt sich vor dem Kampfgericht im Hallenstadion durch die Luft. Foto: Reto Oeschger

Einer für neue Massstäbe: Kenzo Shirai schraubt sich vor dem Kampfgericht im Hallenstadion durch die Luft. Foto: Reto Oeschger

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Fluch und Segen ist er zugleich, der kleine Kerl. Segen, weil er mit seiner ­Artistik, Rasanz und Kraft ein Augenschmaus ist an den Geräten. Weil er die Schwerkraft, den natürlichen Feind jedes Turners, mit schierer Leichtigkeit ausser Kraft setzt. Weil er – und das ist der Fluch – Kunstturnen einfach aussehen lässt. Das ist es aber nachweislich nicht. Ein Turner könnte sich sonst die mindestens 30 Stunden schenken, die er jede Woche in der Trainingshalle verbringt.

Nein: Turnen ist nicht einfach, es ist eine zünftige Schinderei. Nur sieht man das Kenzo Shirai nicht an. Federleicht wirkt er, unangestrengt, entspannt beinahe, in einer eigenen Welt. Ob nun im Teamfinal der WM gegen den ewigen ­Rivalen China oder während des Paarwettkampfs Swiss Cup im Hallen­stadion. Die Unruhe breitet sich eher um ihn herum aus: Der 18-jährige Japaner ist eine der aufregendsten Attraktionen dieses Sports, der kommende Superstar, der Mann für die Zeit nach Überflieger Kohei Uchimura.

Das Erbe von Tsukahara

Was den schüchternen Teenager aus ­Yokohama so besonders macht: Wie kein Zweiter beherrscht er die Kunst, Schrauben zu drehen. In unerreichter Geschwindigkeit und Kadenz. Und nicht einfach einfach. An der WM 2013 war er der erste Turner überhaupt, dem an ­einem Gerät eine Vierfachschraube ­gelang, ein Salto mit vierfacher Drehung. Es trug ihm am Boden die Goldmedaille ein und dem Element seinen Namen. In diesem Jahr reichte er den «Shirai» am Sprung nach: eine rückwärts gesprungene dreifache Schraube.

Sie gehört seit vielen Jahrzehnten zum Standardrepertoire eines Spitzenkunstturners, die Schraube. Gezeigt wird sie mit Ausnahme des Pferdpauschens inzwischen an jedem Gerät, an der Reckstange ebenso wie auf dem Schwebebalken. In einfacher Ausführung ebenso wie in Kombination mit Salti. Im Tsukahara, einem der berühmtesten Elemente überhaupt, ist die Schraube das Entscheidende: Sie macht aus dem gewöhnlichen Doppelsalto ein Element, das jahrelange Übung erfordert. Aus dem Durchschnitts­turner einen Spitzenathleten. Mitsuo Tsukahara, zwischen 1968 und 1978 mehrfacher Olympia- und WM-Medaillengewinner, hat den Turnsport mit seinem Element geprägt.

Steingruber hats erfunden

Indem Giulia Steingruber am Boden einen Tsukahara präsentiert, hebt sie sich von der Masse ab: Einen solchen beherrschen nur die wenigsten Turnerinnen. Und als sie im Herbst 2011 auf die Idee kam, als Balkenabgang einen Auerbachsalto einzustudieren, war es erst die eingebaute Schraube, die daraus eine Weltneuheit machte. Der Abgang wird seither als «Steingruber» im Kampfrichtercode festgehalten. Dafür hatte sie vor ein paar Monaten vorübergehend die Fähigkeit verloren, Schrauben zu drehen. In mühseliger Aufbauarbeit musste sie sich diese wieder aneignen.

Die Tradition japanischer Erfindungskunst wiederum lebt im jungen Schraubenwunder Kenzo Shirai weiter. Besser noch: Er setzt neue Massstäbe. Im Hallenstadion zeigt er an seinem Paradegerät Boden nicht nur die Vierfachschraube, sondern auch den dreifachen Tsukahara, einen geschraubten Dreifachsalto. WM-Gold 2013 und Silber 2014 an diesem Gerät gewann er mit jeweils über 20 Schrauben. In 90 Sekunden. Anderen wird ­allein vom Zusehen schwindelig. Dass er in Zürich im Halbfinal scheitert, liegt weniger an ihm als an seiner Partnerin Mai Murakami, die am Barren patzt.

Shirais besonderes Talent entwickelte sich erst mit der Pubertät, «als ich muskulöser und schwerer wurde», erzählt er. Dann sei es aber von selbst gekommen: Als er vor rund vier Jahren die Dreifachschraube beherrschte, wagte er sich eben an die vierfache Ausführung heran. Und nun sagt der Feinmotoriker: «Ich glaube, dass auch eine Fünffachschraube möglich ist.» Der Schweizer Nationaltrainer Bernhard Fluck staunt: «Mit seinem Bewegungsgefühl ist er ein einzigartiger Turner, ein Phänomen.» Wenn Shirai die Fünffachschraube nicht gelingen sollte: wem denn sonst?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 22:55 Uhr

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Der Swiss Cup 2014

Der Swiss Cup 2014 Die Turnveranstaltung des Jahres im Zürcher Hallenstadion.

Giulia Steingruber

«Ein Schockmoment»

O weh: Giulia Steingruber. Foto: Keystone

Man könne, hat ihr Trainer Zoltan Jordanov einmal gesagt, Giulia Steingruber mitten in der Nacht wecken, und sie würde den Tschussowitina springen können. So sehr beherrscht sie ihren Paradesprung. Und nun ausgerechnet im Finaldurchgang des Swiss Cups dieses Malheur: Mit dem linken Fuss rutschte sie über das Ende des Sprungbretts hinaus, schlug mit der Stirn hart auf dem Sprungtisch auf und wurde über das Gerät katapultiert. Ein unkontrollierter Vorwärtssalto statt eines Tschussowitina – die 6200 Zuschauer hielten den Atem an. Während ihr Sprunggelenk bandagiert wurde, kullerten Steingruber Tränen über die Wangen.

Ob sich der (leise) Verdacht eines Bänderrisses bewahrheitet, wird eine Untersuchung in den kommenden Tagen zeigen. Zweimal schon hat sie sich an den Bändern des linken Fussgelenks verletzt, zuletzt vor gut zwei Jahren. Ein Missgeschick wie dieses sei ihr noch nie passiert, sagte sie, entsprechend erschrocken sei sie, als es geschehen sei. Von einem «Schockmoment» sprach sie.

Das Team Schweiz 1 kam so natürlich für den Tagessieg nicht infrage: Steingruber und Capelli blieb Rang 4 und ein Preisgeld von 7500 Franken. Es gewann das russische Paar Daria Spridonowa/Nikita Ignatjew, das im Final die Ukraine mit Barren-Weltmeister Oleg Verniaiew knapp bezwang. Und die beiden reagierten wenigstens nach aussen hin mit Humor auf den Fauxpas der Organisatoren, als bei der Siegerehrung statt der aktuellen eine frühere russische Nationalhymne gespielt wurde. (wie)

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