Eine Tour des Regens und des Spektakels

Den Fahrern der Tour de Suisse gebührt ein kollektives Lob.

Überraschender Sieger: Frank Schläck triumphierte an der Tour de Suisse, Lance Armstrong wurde Zweiter.

Überraschender Sieger: Frank Schläck triumphierte an der Tour de Suisse, Lance Armstrong wurde Zweiter. Bild: Reuters

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Es hätte schlimmer sein können. Der Schnee hätte am Donnerstag fallen können, als sie über Susten, Oberalp und Furka fuhren, und nicht gestern in den Alpen. Die Aufhellungen, die an den meisten Orten ein trockenes Etappenfinale ermöglichten, waren bei dieser Wetterlage ein Glück für die Veranstalter und die vielen Zuschauer am Ziel. Ein kleiner Trost für die Fahrer, die sich durch die nasseste Tour de Suisse seit vielen Jahren kämpften. Die mehr litten, als wenn die Sonne geschienen hätte, die härtere Muskeln hatten, sich schlechter erholten, im Rennen mehr riskierten und es nicht leicht hatten, sich gegen Erkältungen zu schützen.

Den Fahrern gehört ein kollektives Lob: Sie trotzten den widrigen Umständen, bissen sich durch, kämpften um Etappensiege und Spitzenplätze in der Gesamtwertung, schonten sich nicht. Sie fuhren so, als gäbe es in zwei Wochen keine Tour de France, auf die sie sich in der Schweiz vorbereiten wollten. Michael Rogers war der Einzige, der auch in Frankreich zum erweiterten Kreis der Favoriten gehört, aber vorzeitig abreiste. Die Fahrer respektierten die Tour de Suisse als das, was sie sein will: ein eigenständiges Rennen, dem ein Platz direkt hinter den drei grossen Rundfahrten gehört.

Besondere Ausgabe mit besonderem Gesicht

Die Tour de Suisse 2010 wird nicht nur als Tour des Regens in die Geschichte eingehen. Sondern auch als eine ganz besondere Ausgabe mit einem besonderen Gesicht: ein Zeitfahren zum Anfang, ein Zeitfahren zum Schluss, eine grosse Alpenetappe und fünf Abschnitte, die klassischen Eintagesrennen glichen. Dreimal wurde auch so wie bei Klassikern gefahren.

Es waren spektakuläre Finale, in denen Favoriten angriffen und sich andere hartnäckig wehrten. Dass die Besten nach den vielen Steigungen das Ziel doch immer wieder gemeinsam erreichten, war ein Makel des Rennens. Zur Ausgewogenheit des Parcours fehlte eine Ankunft am Ende einer mittelschweren oder gar schweren Steigung. So wie es sie im nächsten Jahr im Übermass gibt, wenn Serfaus, Crans-Montana (beide wie 2009) und Malbun auf dem Menü stehen werden, neben einer Etappe mit Ziel in Grindelwald, bei der möglicherweise die Grosse Scheidegg befahren werden wird. Es sind die Etappenorte, die zur Auswahl stehen, die den Parcours prägen. Sie schränken den Veranstalter ein. Doch es lässt sich daraus auch eine Tugend machen: eine Rundfahrt mit einem eigenen Charakter.

Armstrongs verpasste Chance

Was zuletzt passierte, war nicht planbar. Sondern das, was beim Wetter fehlte: Glück. Die Tour de Suisse 2010 wurde zum Rennen, bei dem im abschliessenden Zeitfahren noch einmal alles auf den Kopf gestellt und das erst auf den letzten Kilometern entschieden wurde. Das so spannend war wie die Tour von 2004, als Jan Ullrich dem Schweizer Fabian Jeker den Sieg erst im Schlusszeitfahren von Lugano entriss. Um eine Sekunde.

Diesmal war der 24-jährige Robert Gesink der glücklose Held. Er ging mit 38 Sekunden Vorsprung auf den späteren Sieger ins Rennen, bei der Zwischenzeit waren es noch 4, am Ziel war der beste Bergfahrer der Tour nur noch Fünfter. 12 Sekunden lagen zwischen Fränk Schleck, dem Sieger, und Lance Armstrong, dem Zweiten.

Der Amerikaner verpasste wohl seine zweitletzte Chance, nach seinem Comeback noch einmal ein grosses Rennen zu gewinnen. Vielleicht war es sogar die letzte: Er müsste sich im Zeitfahren schon gewaltig steigern, um bei der Tour de France eine Chance zu haben. Ob er danach seine Karriere fortsetzt, ist mehr als nur fraglich.

Armstrong hätte der 74. Tour de Suisse eine historische Dimension geben können. So blieb es bei einem Rekord für die Statistik: Noch nie war das Gedränge an der Spitze im Schlussklassement so gross, noch nie waren die besten sechs nur durch 27 Sekunden getrennt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2010, 11:36 Uhr

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