Eine Weltenbummlerin, gestrandet in Zürich

Brankica Mihajlovic hätte bei Omsk in Russland Volleyball spielen sollen. Stattdessen tritt sie heute für dessen Gruppengegner Volero zur Champions League an.

Wieder eine neue Ausrüstung: Brankica Mihajlovic im Volero-Trainer. Foto: Meienberg

Wieder eine neue Ausrüstung: Brankica Mihajlovic im Volero-Trainer. Foto: Meienberg

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Da sitzt sie also wieder. In diesem Restaurant in Oerlikon. Das einst, unweit ihrer Wohnung am Max-Bill-Platz, ihre zweite Heimat gewesen war. Wo sie Stunden mit ihren Teamkolleginnen verbracht und sich jeden Tag verpflegt hatte. Noch immer hängt da an der Wand in einem Holz­rahmen das Shirt mit der Nummer 12. In der Lounge von Volero. «Offenbar ­mögen sie mich hier», sagt Brankica ­Mihajlovic und lacht. Zwischen 2009 und 2011 hat sie dieses Shirt getragen.

Sie fühlt sich hier willkommen. ­Zurück zu sein, findet sie trotzdem ­«komisch». Kein Wunder, hätte die 2012 ­gestartete Reise doch noch längst nicht nach Zürich führen sollen.

Als 20-Jährige und nach fast drei Saisons bei Volero war die Serbin von Clubpräsident Stav Jacobi losgeschickt worden. Um die halbe Welt: Sie spielte bei Hyundai Hillstate in Südkorea, bei Cannes in Frankreich, bei Unilever Rio de ­Janeiro in Brasilien. Und in diesem Jahr hätte die nächste Station folgen sollen. Im Mai war sie sich mit dem russischen Spitzenclub Omsk einig, der der zweite Gegner der Zürcherinnen in der Champions League sein wird. Dort trainiert oder gar ­gespielt hat sie aber nie. Der Verein bezahlte ihr den Lohn nicht.

Rückkehr kommt gelegen

So ist sie vor drei Wochen, nach der WM in Italien, eben bei Volero gestrandet, wo sie noch bis 2015 unter Vertrag steht. Und gute Aussichten hat, diesen zu verlängern. Hier hat sie auch eine Lizenz gelöst, die sie sowohl zur Teilnahme an der Schweizer Meisterschaft als auch an der Champions League berechtigt. Zu lange hier spielen solle sie aber nicht, stellt ­Jacobi klar, der viele seiner Spielerinnen in den unterschiedlichsten Ligen untergebracht hat. Schliesslich hat er sein Team längst geformt. Und für Mihajlovic ist darin eigentlich kein Platz, hat er die Aussenposition mit Dobriana Rabadzhieva und Natalja Mammadowa doch bereits mit Ausnahmespielerinnen besetzt.

Ganz ungelegen kommt ihm die unerwartete Rückkehr aber nicht, weil sich Mammadowa nach ihrer Schulteroperation noch immer auf dem Weg zurück befindet. So dürfte Mihajlovic heute beim Champions-League-Auftakt in der Saalsporthalle gegen das polnische Wroclaw (Breslau) auf dem Feld stehen. Nach äusserst kurzer Eingewöhnungszeit. Etwas, woran sich Mihajlovic aber gewöhnt hat. «Ich habe es nie als Bürde angeschaut, mich in ein neues Team zu integrieren, mich an einen neuen Stil, einen neuen Trainer anzupassen. Sondern als Herausforderung und weitere Erfahrung», sagt die 23-Jährige.

Der Drang weiterzureisen

Bald dürfte sie diese Erfahrung wieder einmal machen. Jacobi ist intensiv auf der Suche nach einem nächsten Club für Mihajlovic. Sie sträubt sich nicht dagegen: «Hier habe ich meine Profikarriere gestartet, hier ist mein Zuhause, hier kenne ich das ganze Umfeld gut. Aber ich möchte noch mehr sehen als das.» Das Vagabundenleben hat es ihr an­getan: «Ich bin noch jung, bin nicht ­verheiratet, habe keine Kinder. Und mir gefällt es, immer wieder für andere Teams zu spielen, verschiedene Länder kennen zu lernen und neue Freundschaften zu knüpfen.»

Ihrem Drang weiterzureisen zum Trotz, versucht sie, sich so gut wie möglich auf die bevorstehenden Aufgaben mit ihrem alten neuen Club einzustellen.

Die sind alles andere als einfach, glaubt zumindest Jacobi. «Wir wurden einer der zwei stärksten Gruppen zu­gelost», sagt er. Omsk und Eczacibasi Istanbul sind Spitzenclubs, zum Start steht Volero allerdings kein Team mit grossem Namen gegenüber. Wroclaw ist der Zweite der polnischen Meisterschaft und Neuling in der Königsklasse – für die Zürcherinnen ist es die siebte Kampagne in den letzten neun Jahren. Sie müssen diesen Gegner zweimal bezwingen, wollen sie die Gruppenphase überstehen. Damit hätten sie noch nicht einmal ein Minimalziel erreicht. Jacobi will ins ­Final Four einziehen, in das Turnier der besten vier Teams – erstmals aus eigener Kraft. Bei der Teilnahme 2007 war Volero als Gastgeber gesetzt, seither scheiterte es dreimal an der letzten Hürde.

Sollte der Equipe der Coup gelingen, wäre Brankica Mihajlovic wohl höchstens als Zuschauerin dabei. Die Weltenbummlerin zieht es weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 21:12 Uhr

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