«Er ist derzeit der beste Velofahrer der Welt»

Nino Schurter spricht über seinen grössten Konkurrenten. Und warum seine Tochter gegen ihn Rennen fahren will.

Hier konnte Nino Schurter seine Rivalen in Schach halten: Der Schweizer gewann Gold vor Gerhard Kerschbaumer und Mathieu Van der Poel an der WM 2018.

Hier konnte Nino Schurter seine Rivalen in Schach halten: Der Schweizer gewann Gold vor Gerhard Kerschbaumer und Mathieu Van der Poel an der WM 2018.

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Ihre Tochter Lisa wird im Oktober vier. Weiss sie schon, womit ihr Vater sein Geld verdient?
Sie realisiert immer mehr, dass mein Beruf etwas spezieller ist, und verfolgt die Rennen mittlerweile sehr gerne, vor allem die der Frauen. Dann nennt sie sich jeweils Jolanda und will gegen mich Rennen fahren. (lacht)

Ist sie in Lenzerheide dabei?
Ja, sie hat riesigen Spass am Kid’s Club hier im Valbella Resort und geht in Lenzerheide in die Bikeschule. Für uns als Familie ist das fast wie eine Woche Ferien.

Trotz Weltcuprennen?
Lisa fährt ja nicht mit. (lacht)

Tochter Lisa will schon gegen den Vater antreten: Nino Schurter nach seinem WM-Sieg 2018. Foto: Keystone

Sie wurden in Lenzerheide erst Zweiter, dann zweimal Erster – und vor einem Jahr dann auch Weltmeister. Das Heimpublikum scheint Sie eher zu beflügeln als zu bremsen.
Sicher tut es das. Ich brauche die Stimmung, um alles aus mir rauszuholen, das war früher noch anders. Aber früher hat auch nie eine solche Atmosphäre geherrscht. Letztes Jahr an der WM – das war gewaltig, das war der Höhepunkt. Es zeigte mir, dass sich im Mountainbikesport in der Schweiz etwas Entscheidendes bewegt hat.

Was denn?
Die Zuschauerzahlen an den Rennen sind top, die Stimmung ist fantastisch, und die Liveübertragungen im Fernsehen nehmen zu. Bis letztes Jahr, fand ich, wurden die Leistungen von uns Mountainbikern insgesamt noch nicht genug gewürdigt.

Trotz Ihres Olympiasieges 2016?
Trotzdem, ja. 2016 war ich schon sehr enttäuscht, dass es mir nicht zum Sportler des Jahres gereicht hat. Klar, Fabian (Cancellara) wurde damals Zeitfahr-Olympiasieger, aber wie viele fahren dort wirklich um Gold? Im Mountainbike ist die Dichte an der Spitze viel grösser. Die Wahl war für mich ein Zeichen, dass unsere Sportart noch nicht genug anerkannt ist.

Letztes Jahr wurden – im zehnten Anlauf – nun Sie Sportler des Jahres. Eine Genugtuung?
Dieser Titel hat mich wirklich sehr gefreut, denn ich sehe ihn weniger als persönlichen Erfolg, sondern vielmehr als Signal für unsere Sportart. Es ist ja nie fair, Vergleiche über verschiedene Sportarten anzustellen. Ein Orientierungslauf-Weltmeister leistet ohne jeden Zweifel extrem viel, aber begeistert die Sportart auch die Massen? Mein Titel an der WM 2018 tat das.


Video: Nino Schurter wird zum Sportler des Jahres gewählt

Im zehnten Anlauf hat es geklappt für den Mountainbiker. (Video: SRF)


«Für die schönsten Titel kämpfst du am härtesten», sagten Sie einmal. Wissen Sie noch, wann das war?
Vor London? Oder nach dem Titel 2018?

Nach Ihrer Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres.
Eben. Ganz genau. Deshalb setze ich dieses WM-Gold mit dem Olympiasieg gleich.

Sie haben Julien Absalon als Rekord-Weltmeister überholt und können nun in Lenzerheide zum siebten Mal den Gesamtweltcup gewinnen – auch das eine Marke, die bisher der Franzose alleine innehat.
… zudem fehlt mir noch ein Weltcupsieg, um Absalon auch dabei einzuholen (es steht 32:33).

Ist das der Massstab, wenn man Nino Schurter heisst: dass nicht Siege zählen, sondern Rekorde?
Lange war mir das nicht wichtig, aber inzwischen motivieren mich diese Rekorde.


Video: 65'000 schreien Schurter zum WM-Titel

Ein WM-Gold gleichgesetzt mit dem Olympiasieg: Schurter wird in Lenzerheide zum siebten Mal Weltmeister. (Video: SRF)


Nun ist der junge Niederländer Mathieu Van der Poel Ihr Rivale um die Weltcupkrone. Als er Sie am letzten Wochenende in Val Di Sole mit einem gewaltigen Antritt stehen liess: Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich fühlte mich nicht besonders gut und hätte ohnehin nicht mit ihm kämpfen können. Mir war deshalb wichtiger, den dritten Rang ins Ziel zu bringen.

Aber beeindruckend war es auch für Sie?
Ich habe noch keinen Fahrer erlebt, der so antritt wie er. Das ist eindrücklich, ja. Er kann über 30, 40 Sekunden Vollgas geben, und inzwischen schafft er das auch nach eineinhalb Rennstunden in der Schlussrunde noch. Letztes Jahr konnte ich ihn oft in Schach halten, weil ich nach dem Start hart attackiert habe. Das ist meine einzige Chance. Oder ich versuche, ihn zu Fehlern zu zwingen. Wer solch schnelle Muskelfasern hat wie er, ist meistens in der Ausdauer nicht so stark. In diesem Jahr zeigt sich aber, dass er beides draufhat. Wenn er einen so guten Tag hat wie in Val Di Sole, ist er nicht zu schlagen.

Absalon oder Van der Poel – gegen wen ist es anstrengender?
Es ist einfacher, sich am Gegner festzubeissen und zu wissen, dass man auf einer harten letzten Runde oder im Sprint stärker ist als er. Absalon war noch extremer als ich, er hatte noch langsamere Muskelfasern, war dafür in der Ausdauerleistung besser als Van der Poel oder ich. Solange ich mich an sein Hinterrad hängen konnte, wusste ich, dass ich ihn schlage. Van der Poel macht jetzt dasselbe mit mir. Auch wenn ich – das sehe ich in den Short Races – weiterhin zu den explosivsten Fahrern zähle.

Auch mit 33 noch?
Ich glaube nicht, dass das eine Frage des Alters ist. Van der Poel und ich würden uns auf dieselbe Weise duellieren, wenn wir gleich alt wären. Dass er aber nicht nur auf dem Mountainbike Weltklasse ist, sondern auch im Radquer, und er gleichzeitig mit den weltbesten Sprintern mithalten kann, zeigt einfach, wie gut er ist. Er ist derzeit der beste Velofahrer der Welt.

Passen Sie wegen ihm Ihr Training an?
Es wäre gefährlich und nicht sehr clever, den Fokus auf einen einzelnen Gegner zu legen. Nur schon aus mentaler Sicht. Ich versuche, mich auf meine Entwicklung zu fokussieren – nicht auf seine. Kommt dazu, dass sich bei ihm erst zeigen muss, wie er mit der gesteigerten Erwartungshaltung umgeht.

Wie meinen Sie das?
Bislang waren alle erstaunt, wie er die drei Disziplinen unter einen Hut bringt. Künftig wird es erwartet. Das dürfte etwas bei ihm verändern. Wo immer er startet, gehen die Leute inzwischen von einem Sieg aus. Und das bei sehr wenigen Pausen zwischen den verschiedenen Rennen. Ein Mensch ist aber keine Maschine, irgendwann wird er das spüren. Oder aber er beweist, dass er auch das eindrücklich meistert. Sollte er im September Strassenweltmeister werden, erübrigt sich, was ich jetzt gesagt habe. Und das traue ich ihm zu.

Warum fahren eigentlich Sie kaum je Strassenrennen?
Mir reicht der GP Gippingen zu Trainingszwecken, alles andere ist schon lange kein Thema mehr. Das ist auch eine Frage der Belastung. Ich spüre schnell, wie mein Leistungsvermögen abnimmt, wenn ich zu viel mache.

Also doch das Alter?
Nein, schon als junger Athlet habe ich sofort gemerkt, dass ich an Leistung einbüsse, wenn ich an drei Wochenenden in Folge Rennen fahre. Meine ganze Karriere habe ich versucht, das bei der Planung zu berücksichtigen.

Deshalb verzichteten Sie kürzlich wieder auf die EM, deshalb fahren Sie kaum noch am Swiss Bike Cup?
So schön es beim Weltcup vor heimischem Publikum ist: Bei Events wie dem Swiss Cup fehlen mir manchmal der Anreiz und die Motivation. Der Aufwand, eine Strecke so zu präparieren wie beim Weltcup, wird dort natürlich nicht geleistet, kann gar nicht geleistet werden. Was meine Kraftreserven betrifft, muss ich es mir leisten können, die Anlässe bewusst auszuwählen – oder auszulassen.

Sie verschenken den einen oder anderen Weltranglistenpunkt.
Ich bin schon noch so gut drauf, dass ich auch mit weniger Rennen genug Weltranglistenpunkte hole, um ganz vorne zu sein. Nicht viele Fahrer bestreiten weniger Rennen als ich.

Was bedeutet Tokio 2020 in Ihrer Karriere? Es werden Ihre vierten Spiele sein. Sind es die letzten?
Ja, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Aber meine Ziele sind noch einmal sehr hoch – ich möchte der erste Biker werden, der bei Olympia vier Medaillen gewinnt. Ich kann sicher nochmals um Gold fahren.

Und danach?
Bis Ende 2020 läuft mein Vertrag mit dem Team Scott-Sram, nachher schaue ich weiter. Nicht ausgeschlossen, dass ich noch ein oder zwei Jahre im Weltcup fahre, aber gleich weitere vier? Ich glaube nicht. Wenn ich keine Chance mehr aufs Podest habe, muss ich nicht mehr antreten. Auf der Langdistanz gibt es viele coole Rennen, die mich reizen. Das Cape Epic in Südafrika habe ich mehrfach bestritten, das BC Race in den Rocky Mountains oder Brazil Ride dagegen noch nie. Und auch im Cape Epic gibt es noch viele Rekorde zu brechen. Christoph Sauser und (der Deutsche) Karl Platt haben beide fünf Siege.

Sie zwei.
Ja, schon. Aber Susi war beim ersten Sieg 30 und ist jetzt 42.

Erstellt: 07.08.2019, 17:36 Uhr

Nino Schurter (33)

Der Bündner aus Tersnaus im Val Lumnezia wird seit 2003 von Thomas Frischknecht gefördert, dem Silbergewinner von Olympia 1996. Schurter wurde 2007 Profi in Frischknechts Team Scott und gewann 2008 Olympia-Bronze. Den Medaillensatz komplettierte er 2012 mit Silber und 2016 mit Gold. Er gewann 7-mal die WM und 6-mal den Weltcup, 2018 wurde er Schweizer Sportler des Jahres. Schurter lebt mit seiner Frau Nina in Chur. Das Paar hat eine Tochter, die dreijährige Lisa. (wie)

Zurück bei der Rothornbahn

Zum vierten Mal nach 2015, 2016 und 2017 und ein Jahr nach der WM mit über 65000 Zuschauern und fünf Medaillen für Swiss Cycling macht in Lenzerheide der Weltcup Halt. Den Auftakt macht am Freitagabend das Cross Country mit den Short Track Races, ehe sich am Samstag die Downhiller den Berg hinunterstürzen. Am Sonntag schliesslich steht im Cross Country die Normaldistanz an – mit den Weltcup-Leadern Jolanda Neff und Nino Schurter als Favoriten. (wie)

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