Er will den Mount Everest der Schwimmer bezwingen

Im Juli will Ernst Bromeis den Baikalsee in Sibirien durchschwimmen. Vorbereiten tut sich der Engadiner im Walensee. Auf einen Sprung ins Wasser mit dem Abenteurer.

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Wir stehen im Wasser, knietief. Die Wellen, lieblich vom Schiff aus, sie sind da unten plötzlich kalt und echt. Aber schwimmen, doch, das geht schon. Wir sind im Walensee, viel, zu viel Schnee schimmert noch von den Churfirsten über uns. Neben mir steht Ernst Bromeis, 51 Jahre alt, Ultraschwimmer.

Für ihn ist es ein Dienstagmorgen wie so viele andere. 9 Grad zeigt das Thermometer im Wasser. «Die ersten 30 Sekunden sind hart», ruft er ganz vergnügt. Dann tauchen wir ein, Zug rechts, Zug links, Luft holen, weiterziehen. Kälte bohrt sich in die Stirn, jagt den Puls hoch, Wellen schlagen uns ins Gesicht. Die ersten 30 Sekunden sind hart.

30 Sekunden, ein Klacks für Bromeis, wenn man bedenkt, dass er in diesem Sommer während 60 Tagen durch den kalten Baikalsee schwimmen will. Und zwar der Länge nach: 800 Kilometer, von Süd nach Nord, ohne Begleitboot, nur mit Hilfe an Land. Die Tage zählen will er nicht. «Die Zeit ist mir egal. Ich muss Freundschaft schliessen mit dem See, ich muss mit ihm leben lernen.»

Reise zum ältesten See der Erde

Die Reise nach Sibirien, zum ältesten See der Erde, zu diesem 30'000 Quadratkilometer grossen Binnenmeer, sie beginnt für Ernst Bromeis auch hier, in Quinten am Walensee. Wir legen eine Pause ein, klammern uns an die Felsen am Ufer. Über uns die Berge, unter uns ein dunkler Schlund. Steil fällt die Böschung ab.

Hier hat der Engadiner den idealen Ort für die Vorbereitung gefunden, sein kleines Refugium. Mit dem strassenlosen Ufer, dem wilden Wasser, der tiefen Temperatur ist der Walensee auf dieser Seite ein Baikalsee im Kleinformat, eine Trainingswanne.

In diesen Wochen vor seinem Abenteuer fährt Bromeis immer wieder hierher, geht in Walenstadt ins Wasser, schwimmt nach Quinten, trinkt einen Kaffee, schwimmt zurück. Sechs Kilometer hin, sechs zurück. «Aber heute ist es mir zu kalt», sagt er, bevor wir uns noch ein paar Meter weiter durch die Fluten quälen.

Der Blick geht nach unten, in die Seele des Sees

Was Bromeis wagt, ist gross. Selbst für einen wie ihn. 2014 hat er den Rhein von der Quelle zur Mündung durchschwommen, davor 200 Bündner, dann die grössten Schweizer Seen. Er ist in seiner Sparte ein Ausnahmeathlet, doch für dieses Abenteuer muss er neue Wege gehen. «Ich weiss noch nicht genau, was das mit mir macht», sagt er. «Schwimmerisch weiss ich, dass ich es drauf habe. Aber im Kopf weiss ich nicht, was sein wird.»

Bromeis wird viel allein sein. Kein Problem für ihn, denkt sich, wer diesen Prototypen eines Schwimmers vor sich hat, der im Freibad seine Bahnen zieht und Kacheln zählt. «Grauenhaft», sagt Bromeis, ohne zu lächeln. Er war nicht immer schon ein Schwimmer, er ist zu einem geworden. Dort, wo er herkommt, in Ardez im Unterengadin, da schwimmt kaum einer. Wasser ist dort vor allem Schnee, oft ist es zu kalt, oder die Seen sind zugefroren.

«Der Baikalsee ist der Mount Everest der Schwimmer.»Ernst Bromeis

Erst im Sportstudium in Basel hat Bromeis zum Schwimmen gefunden. Und auch da hat er die Zeit im Wasser zunächst nur als Disziplin, als Teilstrecke begriffen. Bromeis war im Spitzensport tätig, bei den Triathleten von Swiss Olympic, wo er auch Sven Riederer trainierte. «Da ging es um Rekorde, um die beste Zeit. Wasser war ein Gerät, wie das Fahrrad, wie die Laufschuhe.»

Das Gefühl, dass ihm dabei etwas fehlt, wurde Bromeis nie los. Auch später nicht, als er sich in der Kommunikation versuchte, als Eventmanager, oder bei Radio Rumantsch. Das Wasser floss, aber Bromeis noch nicht mit ihm. In seinem Buch «Jeder Tropfen zählt» beschreibt er, wie er für sich erkannte, als Schwimmer etwas Aussergewöhnliches kreieren zu müssen.

Erst wollte er einmal um die Welt schwimmen

Bromeis wollte um die Welt schwimmen, suchte nach Wasserwegen, die ihn um den Globus führen würden. Er merkte, wie komplex das werden, wie lange ihn das von seiner Familie weg führen würde. Doch die grossen Süsswasserflächen der Welt haben ihn nie losgelassen. «Und der Baikalsee», sagt Bromeis, «das ist der Mount Everest der Schwimmer.»

Zurück im Walensee, wir schwimmen wieder ein paar Züge. Langsam wird erkennbar, was sich unter uns so tut. Mattschwarz schimmern die Felsen im dunklen Grün des tiefen Sees. Man sieht kaum etwas – und kann doch erahnen, was sich darunter noch alles verbirgt. Es ist, was Bromeis den Blick in die Seele des Sees nennt.

Fast zärtlich klingt es, wenn er vom «Lej» spricht, dem See in seiner zweiten Muttersprache Romanisch. Ein jeder habe seinen Charakter. «Genfersee und Bodensee sind verwandt, der Walensee hat nichts mit ihnen zu tun, der Zürichsee ist etwas ganz anderes.» Der See, das Wasser, die Tiefe, all das sei dem Menschen lange fremd gewesen, erzählt er, und das Fremde sei verteufelt worden, mit Sagen, mit schaurigen Erzählungen.

«Komme ich als Kolonialist und erobere diesen See?»Ernst Bromeis

Es wird nachvollziehbar, warum der Baikalsee für Ernst Bromeis eine Art heiliger Gral ist. Und nicht nur für ihn. Der See zieht allerhand Volk an, viele von ihnen Schamanen, auf der Suche nach spiritueller Energie. Auf der Halbinsel Olchon werden die meisten fündig, sie verehren den See als heiliges Meer, sein Wasser als lebenserhaltendes Elixier.

Gezehrt vom totalen Atheismus der Sowjet-Zeit haben die Schamanen die Gegend regelrecht mit Kraftorten übersät. Im Oktober war Ernst Bromeis für erste Abklärungen vor Ort, fuhr mit einem Fischer aufs Wasser, tauchte ein, tastete sich heran. «Mein Respekt ist riesig.»

Auch das habe ihn davon abgehalten, mit einem Begleitboot zu schwimmen. «Das ist für mich eine Frage des Auftritts. Komme ich als Kolonialist und erobere diesen See? Oder gehe ich da hin, rede mit den Leuten, will wissen, wie der See ist – und wage mich dann an ihn heran?»

Er ist gekonnt darin, Dinge mit Bedeutung aufzuladen

Die Expedition in dieser ursprünglichen Form hat ihren Preis. Bromeis wird ein Floss hinter sich herziehen, etwa zehn Kilo schwer, mit einem kleinen Zelt, mit Kleidung, Essen für einige Tage. Es gibt neuralgische Stellen in der Expedition. Bromeis schwimmt am äusseren, abgeschiedeneren Ufer. Da sind Abschnitte, kaum erschlossen, auf denen ihm seine Begleiter an Land nicht folgen können.

Einmal gilt es, ein Flussdelta von der Grösse des Bodensees zu durchqueren, vier, fünf Tage wird er auf sich alleine gestellt sein. Generell will er sechs Stunden schwimmen und 18 Stunden essen, trocknen, schlafen. Zwischen 15 und 20 Kilometer legt er so pro Tag zurück. «Ich habe zwei Probleme: Unterkühlung und Gewichtsverlust.» Die Wassertemperatur im aktuell noch gefrorenen See wird sich zwischen 10 und 15 Grad bewegen.

Bromeis schwimmt in diversen Schichten von Neopren, und wenn man sagt, seine Anzüge kaufe er nur massgeschneidert, so ist das zwar genau so, aber dennoch anders als bei vielen anderen gemeint. Das zweite Problem, den Energie- und Gewichtsverlust, kann Bromeis nur bedingt in den Griff bekommen. Er wird abnehmen, pro Woche ein bis zwei Kilo, am Ende könnten es acht bis zehn sein.

Seine Mission ist grösser als der Baikalsee

Wir sind zurück im Trockenen und auf der Schifffahrt erzählt Bromeis von einer Mission, die grösser ist als die im Baikalsee. Der Mann ist gekonnt darin, Dinge mit Bedeutung aufzuladen. Schwimmen ist für ihn nicht nur Bewegung im Wasser, und Wasser ist für ihn nicht nur Trinkgut und Ressource, sondern Teil dieser Mission. Seit zehn Jahren ist er als Wasserbotschafter unterwegs.

Die Welt als Planet kann er zwar nicht umschwimmen, aber er kann zu ihr über seine Faszination sprechen. Das tut er, wo immer er kann. Am WEF oder für die Kantonalbank, in der Hotellerie oder an der Diplomfeier, am Charity Anlass im Dolder Grand, an einer Versammlung der BDP. Und wann immer möglich steigt Bromeis mit den Kunden ins Wasser. «Das wirkt, das weckt Bewusstsein.»

Diverse Unternehmen finanzieren seine Expedition, vom Systemhersteller zur Wasseraufbereitung bis zur Uhrenmarke. Und inwiefern geht es ihm dabei um Rekorde? Er winkt ab. Unter den Rekordjägern der Ultraschwimmer zählt mehr das ununterbrochene Schwimmen, einige haben den Baikalsee in seiner Breite durchquert. Aber längs? «Ich wüsste von niemandem», sagt Bromeis und sagt grinsend: «Für mich ist es das erste Mal.»

Ein Notfall in der Wildnis? Das ist Teil des Reizes

Bedeutungsauflader Bromeis pflegt die Abenteuerromantik. In seinem Buch schreibt er einmal vom «Krebsgeschwür der Sicherheit», das die meisten davon abhalte, das zu tun, was sie wirklich wollten. «Mein Lebenskonzept ist ein Abenteuer», gibt er zu, für seine Frau und seine drei Kinder sei das eine Herausforderung.

Was passiert etwa, wenn er ernsthafte Probleme hat, bei der Querung des riesigen Deltas, Stunden und Meilen entfernt von Hilfe und Zivilisation? «Ich weiss es nicht. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das nicht auch ein Teil des Reizes ausmacht.»

Noch eine Radtour mit der Familie. Noch ein paar Trainings im Walensee. Ein, zwei letzte Vorträge – bevor er abfliegt, spricht er vor der SP in Sissach. Und dann, ein paar Tage vor dem Start im Juli, taucht er ab. Erst mental, in seinem Kopf der See, nur das, bis er irgendwann tatsächlich in ihm schwimmt.

Erstellt: 05.05.2019, 15:28 Uhr

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