Er wurde vom Abgestraften zum Leistungsträger

Die Nationalteamkarriere des Schweizer Kreisläufers Alen Milosevic schien einst früh beendet – nun ist er eine Teamstütze.

Einer der Schweizer Teamleader: Alen Milosevic.

Einer der Schweizer Teamleader: Alen Milosevic. Bild: Keystone

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Er sass verletzt in Leipzig vor dem Fernseher und wurde unruhig. Denn seine Mannschaft spielte in Novi Sad und geriet in Rückstand. Alen Milosevics Gemütslage besserte sich nicht, als das Handicap der Schweizer in Hälfte zwei auf sechs Tore anwuchs. Er hoffte – und seine Teamkollegen steigerten sich tatsächlich. Die 30:31-Niederlage am 16. Juni 2019 gegen Serbien war wie ein Sieg. Sie bedeutete Platz 2 in der Gruppe und die definitive EM-Qualifikation.

Einige Jahre zuvor wäre es ­Milosevic wohl so ziemlich egal gewesen, was die Handball-Nationalmannschaft gerade anstellte. Er war 2014 suspendiert worden und hatte sich danach selber aus dem Team zurückgezogen. «Die Sache ist inzwischen abgehakt», sagt der Kreisläufer. 20 Jahre früher wäre ihm das nicht passiert, was heute im Zeitalter von Social Media und Handys allzu schnell geschieht. Vor ziemlich genau sechs Jahren waren Milosevic und einige Nationalteamkollegen im Ausgang in Schaffhausen, im Übermut gabs in der tiefen Nacht Szenen, die ungut ­waren – und ein Bild davon schaffte es bis in den Boulevard: Milosevic mit heruntergelassenen Hosen. Was den damaligen Nationaltrainer Rolf Brack in Rage brachte, zwei Spielsperren waren die erste Sanktion.

Früher brachte er 119 Kilogramm auf die Waage

Der Zwischenfall schien die Nationalteamkarriere Milosevics beendet zu haben, bevor sie richtig ­begonnen hatte. Doch schon zwei Jahre später, als Michael Suter zum Nationaltrainer ernannt wurde, bahnte sich eine Änderung an. ­Etwas vom Ersten, was Suter nach seiner Wahl tat, war ein Anruf beim Kreisläufer. Aber es dauerte bis 2018. Dann kehrte Milosevic für die EM-Qualifikation zurück. Und überzeugte in den beiden ersten Spielen. Beim 28:31 in Kroatien schoss er fünf, beim wegweisenden 29:24 über Serbien vier Tore.

«Was Andy mit dem Kreisläufer macht, das ist einmalig.»Alen Milosevic über Andy Schmid

(Fast) immer angespielt von Andy Schmid. «Es gibt diverse gute Spielmacher im Welthandball, aber was Andy mit dem Kreisläufer macht, das ist einmalig», sagt der 30-jährige Berner. «Meistens ist es Schmid, der einen Spielzug ansagt, manchmal mache auch ich ihn auf etwas aufmerksam. Aber er spielt noch immer mit so viel Intuition, da ist es gut, wenn du ihn stets beobachtest.» Denn plötzlich kommt ein Ball. Und wenn er zu Milosevic kommt, dann bedeutet das auch meistens Tor. Er ist die klare Nummer eins am Kreis. Sie hätten schon in der ersten ­Nationalteamphase zusammengespielt, «und wir haben einiges dazugelernt». Mit ­seinen 1,91 m und 107 Kilogramm ist Milosevic eine äusserst wichtige Stütze in der Defensive.

«Heute fühle ich mich gut und ­beweglich», sagt «Milo». Das war nicht immer so. In den Anfängen seiner Karriere wog er 118, 119 ­Kilogramm. «Nicht alles war Muskelmasse», erklärt er mit einem ­Lächeln. Eine Schulterverletzung war Anlass zu einem Umdenken. In Sachen Ernährung hat er einiges ausprobiert, «seit zwei, drei ­Jahren stimmt der Plan». Er ernährt sich kohlenhydratarm.

Milosevics Plan stimmt allerdings nicht nur bei der Ernährung, sondern auch in seiner Karriere. Vor dem Saisonstart hat er seinen Vertrag in Leipzig um drei Jahre bis 2023 verlängert, er ist einer der Captains des Bundesligateams.

«Es ist ein Klein-Parisund bildet seine Leute»

«Mein Leipzig lob’ ich mir! Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute.» Dieser Satz aus Goethes «Faust» passt auch zu Milosevic. Er schwärmt: «Leipzig lebt und wächst.» Er hat sich zusammen mit seiner Frau entschieden, in Leipzig zu bleiben, auch nach dem Karriereende. Milosevic plant dann weiter im Handball tätig zu sein, zum Beispiel in Sachen Ernährung oder Fitness. Seine Frau arbeitet in der Stadt, die rund 600 000 Einwohner zählt, in einem Spital als Operationsschwester. «Die Lebenskosten hier sind deutlich tiefer als im Westen», sagt Milosevic. Er war bereits in der 2. Bundesliga Profi, sein Lohn ist mit jeder Vertragsver­längerung besser geworden. «Ich kann gut davon leben – und noch etwas auf die Seite legen.»

«Wir mussten seither nicht einmal um den Klassenerhalt zittern.»Alen Milosevic

Dabei war es eigentlich purer Zufall, dass er in Sachsen gelandet ist. Er wollte unbedingt ins Ausland, im Herbst 2013 kam dann dieser Anruf. Der SC DHfK Leipzig war interessiert, der Sportclub der Deutschen Hochschule für Körperkultur aus der 2. Bundesliga. Aushilfe war gesucht. ­Milosevic griff zu – und kam nie mehr weg. In der Saison 2014/15 stieg Leipzig in die 1. Bundesliga auf. «Und wir mussten seither nicht einmal um den Klassenerhalt zittern.»

Der SC DHfK Leipzig galt einst als der erfolgreichste Handballclub der DDR. Die Leipziger gewannen 1966 gegen Honved ­Budapest den Europacup der Landesmeister. Paul Tiedemann war damals der Beste – und führte als Trainer die DDR 1980 zum Olympiasieg. Deutschlands Handball hofft heute wieder auf einen früheren DHfKler: Unter Coach Christian Prokop stiegen Leipzig und Milosevic in die 1. Bundes­liga auf, heute ist Prokop Bundestrainer.



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Erstellt: 12.01.2020, 12:32 Uhr

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