«Es braucht manchmal eben einen Tritt in den Hintern»

Die 20-jährige Giulia Steingruber bezahlte für den schnellen Erfolg, ihr Körper rebellierte gegen Stress und Belastung. Vor der WM in Nanning (China) erforderte dies Massnahmen.

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Europameisterin ist sie, zweifache ­sogar, auf dieser Stufe zählt sie bereits zur absoluten Spitze. Eine WM-Medaille hingegen fehlt Giulia Steingruber. Noch, zumindest. Fünfte war sie 2011 und Vierte 2013, beide Male am Sprung, ­ihrer Lieblingsdisziplin – folgt nun an der WM in Nanning die erste Medaille?

Die Titelkämpfe im Süden Chinas sind ein erster Schritt auf dem Weg nach Rio 2016. Und in dieser Beziehung hegt Steingruber nicht nur persönliche ­Ambitionen. Ihr Traum wäre es, die Olympiaqualifikation mit dem Team zu realisieren. Eine Abwechslung für sie, die sonst als Einzelkämpferin für die Schlagzeilen und den Applaus sorgt.

Giulia Steingruber, wie gern stehen Sie im Mittelpunkt?
Nicht wahnsinnig gern. Ich bin eine Person, die sich lieber zurückzieht, als in den Vordergrund drängt.

Wie schwierig war es, als Sie ­trotzdem plötzlich gefragt waren?
Gewöhnungsbedürftig. Bei mir kam das auf einen Schlag, als ich an der EM 2011 in den Sprungfinal kam. Plötzlich interessierten sich die Menschen für mich. Ich kam mir vor, als sei ich ins kalte ­Wasser geworfen worden.

So haben Sie immerhin schnell schwimmen gelernt …
Ich wusste aber am Anfang wirklich nicht, wie ich damit umgehen soll. Das ist eine Sache der Erfahrung.

Als Turnerin stehen Sie naturgemäss im Mittelpunkt: Wenn Sie turnen, schaut Ihnen das Publikum zu. Das ist auch in tieferen Kategorien so. Hat Ihnen das nicht geholfen?
Das lässt sich nicht vergleichen. Wenn ich turne, bin ich auf mich konzentriert, will ich meine Leistung abrufen und die bestmögliche Übung zeigen. Ich bin selbstbewusst, habe Spass und bin stolz, und ich muss versuchen, all das dem ­Publikum zu vermitteln.

Sie exponieren sich.
Ja, und das mache ich sehr gern. Aber das hört in diesem Moment auf, wenn ich das Podium verlasse. Als Privatperson will ich nicht exponiert sein und so wenig wie möglich von mir preisgeben.

Mussten Sie lernen, Nein zu sagen?
Ja, ganz extrem. Lang habe ich vor ­allem darauf geschaut, dass es für alle anderen stimmt. Erst dann kam ich. Und ich sagte häufig einfach einmal Ja und habe im Nachhinein erkannt: Ich hätte Nein sagen sollen. Das ist inzwischen anders. Jetzt weiss ich genau, wann genug ist. Dazu musste ich aber erst meine Grenzen kennen lernen.

Früher wusste man, wer Ihr Freund ist, und Sie erzählten die Familiengeschichte mit Ihrer behinderten Schwester Désirée. Das würden Sie heute nicht mehr tun?
Ich stehe zu hundert Prozent zu meiner Familie, aber es geht niemanden etwas an, was bei uns zu Hause passiert. Heute würde ich versuchen, das noch stärker herauszuhalten. Zum Beispiel zur Frage, ob ich einen Freund habe – dazu äussere ich mich nicht mehr.

Haben Sie das mit Ihren Eltern besprochen, oder wer sonst ist in dieser Angelegenheit Ihr Ratgeber?
Die Eltern geben mir Tipps, überlassen die Entscheidung aber mir, wie viel ich von mir preisgeben möchte. Und für mich ist klar: Mich soll man als Turnerin kennen, und das Private gehört nicht zum Turnen.

Hat Sie die Fülle von Anfragen und Terminen, von Pflichten und Training manchmal auch ­überfordert?
2012 ganz besonders, im halben Jahr vor den Olympischen Spielen. Es war von ­allem zu viel, mir wuchs alles über den Kopf. Ich bekam Stressekzeme an den Armen. Da griffen meine Eltern ein und meldeten mich von der Schule ab (der Wirtschaftsmittelschule). Sie mussten mich schützen. Sie merkten: So geht es nicht weiter.

Mittlerweile haben Sie die Schule wieder aufgenommen, absolvieren im Fernstudium die Matur. Warum?
Ich trainiere 30 Stunden pro Woche, ­daneben machte ich nichts, vor allem nichts für den Kopf. Und nur ein Englischkurs füllte mich dann doch nicht aus. Also haben wir uns das Fern­studium angesehen, das mir ein Freund empfahl. Mir hat es sofort gefallen, es verlangt Selbstdisziplin, und das war genau, was ich wollte. Es läuft gut. Ich gehe jetzt sogar gern zur Schule.

Das war vorher nicht so?
Überhaupt nicht. Es braucht manchmal eben einen Tritt in den Hintern (lächelt). Damit ich mich besser konzentrieren kann, habe ich mich bei Facebook abgemeldet. Ich habe gemerkt, dass ich mich sehr stark verzettle, ich starre ständig auf mein Handy und lese die doofsten Meldungen fünfmal. Das braucht es doch nicht. Bevor ich mich mit dem ­Leben anderer Menschen befasse, ­fokussiere ich gescheiter auf mich.

Wie weit war auch die Blockade Ihres Körpers eine Frage der Überbelastung, die Ihnen nach der EM in Sofia im Mai widerfahren war?
Ich weiss nicht. Ich bin in dieser Zeit nach der EM schon an meine Grenzen gestossen, aber die Lust am Turnen habe ich nie verloren. Was mir passiert ist, war keine mentale Blockade, ich brachte es einfach nicht mehr fertig, Schrauben zu drehen. Es war ein koordinatives Problem. Ich habe das Gespür für die Schraube verloren und den Mut. Ich wusste während der Bewegung plötzlich nicht mehr, wo oben und ­unten war. Also habe ich jedes Mal den Körper zu früh geöffnet. Beim Sprung bin ich deswegen ein paar Mal heftig auf den Rücken gestürzt. Das war nicht ungefährlich.

Die Fähigkeit zu verlieren, ­Schrauben zu drehen, muss für eine Turnerin beängstigend sein.
Es war sehr unangenehm. Plötzlich hatte ich Angst vor der Schraube. Also habe ich herumstudiert, aber das machte es natürlich nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ich war total verloren. Bevor ich Anlauf nahm, wusste ich genau, was zu tun war. Kaum war ich aber auf dem Sprungtisch, machte ich alles falsch. Ich konnte nicht einmal mehr den Tschussowitina.

Ihren Paradesprung, den Sie fast wie im Schlaf beherrschen und mehrere tausendmal ­gesprungen sind?
Wie weg war er. Nach einer Schraube (von insgesamt anderthalb) habe ich ­jedes Mal aufgemacht.

Wie gingen Sie damit um?
Ich musste die Angst überwinden, denn eines war ja klar: Wie der Tschussowitina geht, das weiss ich. Die Koordination wollte einfach nicht klappen. Da kamen die Sommerferien zur rechten Zeit. Nachher konnte ich mir die Koordination wieder antrainieren.

Wie?
Wie früher. Mit einer Schraubenschulung. Halbe Schrauben, ganze Schrauben, anderthalb. Jeden Tag. Ich habe ganz neu begonnen. Inzwischen ist von der Blockade nichts mehr zu spüren.

Gerieten Sie dadurch in Trainingsrückstand hinsichtlich der WM?
Nein, ich glaube nicht. Die Basisarbeit hat nicht allzu lang gedauert, und ich habe bald wieder begonnen, am Sprung die Doppelschraube zu üben.

Sie sprechen vom Jurtschenko, Ihrem zweiten Sprung. Wie weit ist er gediehen?
Ich springe ihn täglich, meistens noch in die Schnitzelgrube. Den Sprung kann ich, aber es war wichtig, ihn so oft wie möglich zu turnen. Nur durch eine hohe Anzahl von Trainingssprüngen kommt das Selbstvertrauen. Mein Gefühl sagt mir, dass mir dieser Wiederaufbau der Schraubenbewegung nach der Blockade entgegenkam. Ich fühle mich besser ­vorbereitet als vor der WM vor einem Jahr und bin meinem Trainer dankbar, dass er geduldig mit mir geblieben ist.

Wie wichtig ist dieser Trainer, Zoltan Jordanov, für Ihre Karriere?
Sehr natürlich. Ich verbringe so viel Zeit in der Trainingshalle, und wir haben schon ziemlich viel zusammen erlebt. Ihm verdanke ich meine Erfolge als ­Turnerin, er spielt eine grosse Rolle.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu ­Jordanov verändert?
Anfangs waren wir wie Katze und Hund und hatten es nicht speziell gut miteinander.

Sie waren ein Rebell?
Eine Zeit lang schon. In der Pubertät halt (lacht), ich war sicher keine Ein­fache. Als ich von Gossau nach Magglingen kam und mein Mami nicht immer nach mir schauen konnte, habe ich das ausgenützt. Ich ging nicht rechtzeitig ins Bett, war am nächsten Tag müde – und wurde durch eine Verletzung bestraft. So war das manchmal. Selber schuld. Daraus habe ich immerhin etwas gelernt. Ich war aber wohl zu Hause schlimmer als in der Halle. In der Halle konnte ich meine Energie ausleben.

Anzumerken ist Ihnen und Ihrem Trainer: Mittlerweile verstehen Sie sich bestens.
Wir waren jetzt schon so oft miteinander unterwegs und haben so viel zusammen erlebt, dass wir uns gut kennen. Ich bin auch ein bisschen erwachsener geworden und kann mich gut mit ihm verständigen und unterhalten.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie an die WM?
Der Fokus gilt zuerst der Qualifikation. Für das Team ist dieser Tag sehr wichtig. Sturzfrei durchzukommen, das wäre das Ziel. Als Einzelturnerin habe ich den Mehrkampf-, den Sprung- und den Bodenfinal im Visier. Aber von Rängen oder gar Medaillen will ich jetzt noch nicht sprechen. Warten wir die Qualifikation ab.

Haben Sie Ihre Übung ­nochmals ­erschwert?
Auf die WM hin habe ich nicht aufgestockt. Ich habe am Barren das eine oder andere Element gelernt, aber es hat für diese WM noch nicht gereicht. Nachher nehme ich das Training aber wieder auf, für 2015 will ich die Übungen ganz klar erschweren. An allen Geräten. Das nächste Jahr ist sehr, sehr wichtig. An der WM kann man sich direkt für die Olympischen Spiele qualifizieren …

… dazu brauchen Sie aber, ­einfach gesagt, eine WM-Medaille …
Genau, und wer will das nicht (lächelt). Es werden also alle auf dem höchsten ­Niveau turnen.

Wie steil ist der Weg nach Rio?
Der Weg wird steiler und steiler. Im nächsten Jahr haben wir eine EM, die Europäischen Spiele und die WM – das wird hart und streng. Es gibt kaum eine Phase, sich zu erholen. Ich bin aber froh, dass ich diesen Weg in Angriff nehmen darf. Es ist eine Herausforderung.

Rio 2016 haben Sie längst als Karriere­höhe­punkt definiert. Was schaut dabei am Ende ­idealerweise heraus?
Eine Medaille. So einfach ist das (hält inne). Das wäre ein Traum. Es wird aber sauschwer.

Erstellt: 02.10.2014, 23:13 Uhr

Männer

Auf schmalem Grat

Es war weniger ein Schock, eher ein ­reinigendes Gewitter. Vier Wochen sind sie her, die Schweizer Meisterschaften in Widen, und was da geschah, ist in trüber Erinnerung. Der Reihe nach stürzten die Turner von den Geräten, drei-, vier-, fünfmal. Der Anlass zählte zur Hälfte zum Qualifikationsprozess für die WM in Nanning, man konnte dies also als missglückte Hauptprobe betrachten. Wie es Nationaltrainer Bernhard Fluck tat. Der Absturz zeigte auch, wie schmal im Kunstturnen der Grat ist.

An den Ambitionen für Nanning hat dieser Absturz nicht viel verändert, er hat vielmehr den Fokus nochmals geschärft. Rang 12 soll es im Teamwettkampf werden, um die Grundlage zu schaffen, in einem Jahr in Glasgow um das Olympiaticket zu kämpfen. Ausserdem will der STV zwei Mehrkämpfer in den Final bringen. Drei Kandidaten hat er dazu: Schweizer Meister Eddy Yusof aus Bülach und die beiden Aargauer ­Oliver Hegi und Christian Baumann.

Für Yusof bedeutet die WM-Teilnahme einen weiteren Schritt auf seinem Weg an die Spitze. Als Riesentalent gilt er seit geraumer Zeit, doch erst seit September gehört er auch geografisch zum Nationalkader – in Magglingen. Zuvor hatte er im Zürcher Regionalzentrum trainiert – wegen des Potenzials des 20-Jährigen hatte ihm der STV diese Ausnahme­regelung zwei Jahre lang zugestanden.

Oliver Hegi wiederum war im vergangenen Mai um acht Tausendstel an EM-Bronze am Reck vorbeigeschrammt. «Ich trauere dieser Medaille nicht nach», sagt er allerdings, «sondern sehe Rang 4 als Indikator, dass ich mit den Besten mithalten kann.» Fluck findet, dass Hegi momentan gar das grösste ­Potenzial all seiner Turner habe, er fordert vom 21-Jährigen aber, dass er sich zunächst voll dem Team unterordnet. Dass die Schweiz am Montag am Pferd beginnen muss, erachtet Hegi selbst als Vorteil: Das Zittergerät ist neben dem Reck sein liebstes. (wie)

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