«Es ist, als ob man einem die Seele amputiert»

Die Schweizer Extremsportlerin Evelyne Binsack kannte Ueli Steck seit 20 Jahren. Ein Gespräch über den Schock, die Leidenschaft – und Ängste von Extremsportlern.

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Am Sonntagmorgen klingelt bei Extremsportlerin Evelyne Binsack das Telefon, am Apparat eine Kollegin – und Überbringerin einer schlimmen Nachricht. Binsack, selbst leidenschaftliche Bergsteigerin, erfährt vom Tod ihres alten Weggenossen und Freundes Ueli Steck. «Eine Katastrophe, mittlerweile konnte ich mich aber etwas fassen,» schildert sie im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Die 49-Jährige beschreibt, warum sie das Unglück so schwer trifft – und spricht über ein Leben am Limit, Leidenschaft als Lebenselixier. «Ich kannte Ueli schon seit 20 Jahren», erzählt Binsack. Mit dem Berner verband sie die gemeinsame Begeisterung für Abenteuer und den Alpinismus – und eine Freundschaft, geprägt von gegenseitiger Anerkennung und «sehr, sehr grossem Respekt».

«Ein riesengrosser Verlust»

«Wir kommen aus dem gleichen Eck, wir sind zusammen geklettert, wir waren gemeinsam auf Partys«, erzählt die 49-jährige Extremsportlerin. «Später haben wir uns dann beide in unterschiedliche Richtungen spezialisiert. Sein neues Projekt habe ich mit grosser Spannung verfolgt.»

Das Unglück am Mount Everest trifft Binsack persönlich schwer: «Es ist ein riesengrosser Verlust – ein Verlust für den Alpinismus, ein schwerer persönlicher Verlust, ein unfassbarer Verlust vor allem auch für seine Familie. Ich bin in Gedanken bei seiner Frau.»

Es geht nicht um den Kick

Wenngleich jeder Extremsportler wisse, das so etwas geschehen könne, bleibe es unfassbar. Was bewegt einen Menschen, die eigenen Grenzen immer wieder herauszufordern? Binsack wagt einen Erklärungsansatz: «Ohne diese Leidenschaft kann man nicht leben. Es ist, als ob man einem die Seele amputiert, wenn man dem nicht nachgehen kann. Und ohne diese Leidenschaft kann man solche Höchstleistungen gar nicht vollbringen.»

Video – 82 Viertausender in zwei Monaten: Die erfolgreichsten Momente des Tempo-Alpinisten Ueli Steck. (Video: Tamedia mit Material von Facebook/Ueli Steck und Samcam.film)

Selbst, wenn ein Sportler sich gewissenhaft vorbereite, mental und physisch sehr stark sei, versuche, das Risiko minimal klein zu halten, verbleibe immer ein Restrisiko. Das bringe selbstverständlich Angstgefühle mit sich. «Hoffentlich passiert nichts, hoffentlich geht alles gut – dieser Gedanke begleitet mich auf meinen und den Touren meiner Freunde und Sportler-Kollegen jeden Tag», beschreibt Binsack. «Ich bin auch nur ein Mensch, habe Ängste, innere Kämpfe – mit dieser Zerrissenheit muss ich als Extremsportlerin leben.»

Wo das Unglück geschah

Alpinist Steck wollte am Tag des Unfalls ein selten begangenes Gelände an der Westseite des Mount Everest erkunden. Er rutschte dabei offenbar aus und stürzte einen Abhang hinunter. Über die Hintergründe will die erfahrene Bergsteigerin Binsack nicht spekulieren, vorstellbar sei für sie, dass Steck das Gelände besser kennen lernen und die beste Route für seinen Rekordversuch ausfindig machen wollte.

Das Schweizer Fernsehen ändert aufgrund des tödlichen Unglücks heute kurzfristig das Programm: SRF 1 strahlt ab 18.50 Uhr eine Spezialausgabe von «G&G Weekend» aus. Evelyne Binsack wird gemeinsam mit Moderator Dani Fohrler im Studio auf die aussergewöhnliche Karriere Stecks zurückblicken. «Für mich ist es eine persönliche Verarbeitung, da heute Abend hinzugehen», sagt Evelyne Binsack.

(jdr)

Erstellt: 30.04.2017, 14:22 Uhr

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