Everest, Ärmelkanal, Kaffeelikör – der total verrückte Triathlon

Rob Lea hat in sechs Monaten den Mount Everest bestiegen, den Ärmelkanal bewältigt und die USA per Velo durchquert. Und geheiratet.

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Rob Lea hatte gerade seinen rechten Knöchel operiert, lag im Spitalbett und wusste: Rennen sollte er künftig besser nicht mehr. Was also sportlich leisten? Der Amerikaner und Multiathlet entschied sich, durch den Ärmelkanal zu schwimmen. «Everest der Schwimmer» wird dieses Dauercrawlen über 35 Kilometer genannt. Als Lea diese Bezeichnung las, fand er: Warum nicht auch noch gleich richtig auf den Everest, das Dach der Welt (8848 m) steigen? Als er herausfand, dass bereits acht Männer schon einmal beides vollbracht hatten, entdeckte er diesen Dreh: Keiner hatte diese Tortur innert eines Jahres geschafft.

Und weil Lea, früher einer der besten Amateur-Triathleten des Landes, nun einmal Dreikämpfe liebt, sagte er sich: Dann radle ich gleich noch quer durch die USA. «Ultimativer Welttriathlon» taufte der 38-Jährige aus Park City sein Projekt. Anfang Oktober, ein knappes halbes Jahr, nachdem er auf dem Everest gestanden hatte, rollte er nach vier Wochen und rund 5500 Velo-Kilometern in New York ein – und radelte noch drei Tage weiter, weil er auf Rhode Island im Haus von Freunden ein paar Tage ausspannen kann.

In einer Welt, die an verrückten Sportleistungen ohnehin schon reich ist, hat Lea noch eine Schippe draufgelegt. Dabei wirkt der Mann keineswegs so, als müsste er eine Midlifecrisis überwinden. Er scheint ganz einfach Spass zu haben, stundenlang zu frieren wie am Everest oder von Dutzenden von Quallen behelligt zu werden. Als ihn nämlich im Wasser mehrere Stunden die Quallen plagten, habe er das auf eine fast schon masochistische Art begrüsst. Es habe ihm, der sich 12 Stunden bei 16 Grad im Wasser aufhielt, die Monotonie genommen. Denn schützen darf sich ein Schwimmer nicht, soll die Durchquerung zählen. Ein Anzug ist verboten.

13 Kilos anfressen

Die wohl kritischste Phase aber erlebte Lea beim Fläzen auf dem Sofa. Bei einer Grösse von 1,86 m wiegt er normalerweise um die 88 Kilo. Die rund 40 Tage in der tibetischen Höhe liessen sein Gewicht allerdings purzeln. Er verlor 10 Kilo. Im Wasser sind Fettpolster bei diesen Temperaturen jedoch unabdingbar. Ansonsten drohen ohne Anzug massive Unterkühlung und Aufgabe. Da er bereits sechs Wochen nach dem Everest ins Wasser stieg, musste sich Lea rasch Gewicht anfressen. 13 Kilo brachte er schliesslich hin.

Um auch ja zuzunehmen, verzichtete er im letzten Monat vor dem zweiten Teil seines Triathlons gar auf Training. Ein Alkohol- und Pizzasponsor garantierten ihm täglich massiv Kalorien. Bis zu 10'000 pro Tag habe er sich einverleibt, sagt er. Ein Mann, der sich wenig bewegt, braucht pro Tag rund ein Fünftel. Er habe quasi konstant gegessen, vieles mit Vollrahm angereichert, beschreibt Lea. 7 Liter Rahm verbrauchte er über fünf Wochen – und schenkte sich so manchen White Russian ein, diesen Cocktail auch aus Wodka und Kaffeelikör, wie ihn der Dude im Kultfilm «The Big Lebowski» so liebt.

Wie ein Sportler bei seinem athletischen Höhepunkt sehe er ja nicht gerade aus, witzelte Lea darum, kurz bevor er mit Schmerbauch in seiner knappen Badehose ins Wasser sprang. «Optimist» hiess das Boot, das ihn begleitete und in dem seine Partnerin Caroline Gleich sass, eine Profi-Skitouren-Athletin.

Der Antrag auf 8188 m

Vor knapp fünf Jahren hatte er Gleich in einem Restaurant kennen gelernt, nachdem sie im Lokal einen Tweet abgesetzt und er noch vor Ort reagiert hatte. «Hoffentlich ist das kein Freak», sagte sich Gleich und begann Lea sofort zu daten. Weil sich das Paar für Gleichberechtigung (und Klimaschutz) starkmacht, hielt sie um seine Hand an – auf 8188 m.

Gleich hatte Leas Mutter um Erlaubnis gefragt, ihren Sohn heiraten zu dürfen. Und auf dem Cho Oyu, dem sechsthöchsten Berg der Welt, kniete sie also im vergangenen Herbst nieder, er nahm an. Auch auf dem Everest stand das Powercouple gemeinsam, und nach dem 12-Stunden-Schwumm durch den Ärmelkanal heirateten die beiden.

Um das junge Eheglück bei der Radschinderei durch die USA nicht zu strapazieren, entschied sich Lea, mehrheitlich allein zu fahren – und die Nacht in Motels zu verbringen. Das Gepäck hatte er also dabei, duschte sich jeweils in den Radkleidern, womit er den täglichen Waschgang raffiniert optimierte. Dass er die vier Monate davor kaum auf dem Rad gesessen hatte, bereitete ihm keine Sorgen. Er habe sich über viele Jahre eine derart gute Basis erarbeitet, dass der Körper schon wisse, was er leisten müsse, wenn er gefordert sei.

Das eigenwillige Training

Ganz ohne spezifische Vorbereitung aber wagte sich Lea nicht ans Abenteuer: Viel Zeit verbrachte er vor dem Everest-Start in den Bergen rund um seinen Wohnort mit Ski-Touren, schnallte sich als Krafttraining gerne auch einen Rucksack gefüllt mit Wasserbehältern an. Dazu radelte und schwamm er mehrmals die Woche, badete in eisigen Gewässern damit sich Körper und Geist an die Kälte im Ärmelkanal gewöhnten.

Obschon er auch auf die Hilfe kleinerer Sponsoren und Gönner zählen konnte, finanzierte der Immobilienhändler sein Projekt mehrheitlich selber. So war er niemandem Rechenschaft schuldig, zumal er keinerlei kommerzielle Absichten hegte. Er gönnte sich schlicht eine Auszeit der besonderen Art. Andere reisen, leben im Ausland oder bauen ein Haus (was er auch noch tat). Rob Lea absolvierte seinen ultimativen Triathlon, weil er findet: Soll doch jeder nach seiner Façon glücklich werden. Und glücklich – sowie deutlich schlanker – wirkte er nach der abschliessenden Radtortur wirklich. Mit einem Grinsen hält er sein Velo in die Höhe, im Hintergrund die Skyline von New York, und man glaubt fast, Frank Sinatra singen zu hören: «I did it my way.»

Erstellt: 21.10.2019, 17:10 Uhr

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