Familienbande statt Gladiatorenkampf

Dobriana ­Rabadzhieva ging durch die harte Schule ­Aserbeidschans. Mit Volero will die Bulgarin in die Achtelfinals der Champions League.

Als Rabadzhieva (23) nach Zürich kam, war sie «völlig baff» ob der Fürsorge ihres neuen Teams. Foto: Doris Fanconi

Als Rabadzhieva (23) nach Zürich kam, war sie «völlig baff» ob der Fürsorge ihres neuen Teams. Foto: Doris Fanconi

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Dobriana Rabadzhieva schüttelt noch immer leicht den Kopf, wenn sie an ihre Ankunft im Sommer denkt. An die Mitarbeiter ihres neuen Volleyballclubs ­Volero, die sie abholten. An die ersten Tage im neuen Umfeld. Die 23-Jährige sagt: «Ich war völlig baff.» Der Grund: ein ungewöhnlicher. Die Leute seien «so kind» gewesen, so nett also, «und immer da, wenn man sie brauchte». Die Bulgarin ist anderes gewohnt. Aus ihrer Heimat. Vor allem aber aus Aserbeidschan.

19 war sie, als sie zu Rabita Baku kam. Dem dortigen Spitzenteam. Einem der Clubs, die dem Staat gehören. Dem nur Titel gut genug sind. Wo der Umgangs­ton, die Sitten rau sind. Wer nicht spurt, wird ausgemustert. Wer nicht erfolgreich ist, sowieso. «Es sind Gladiatorenkämpfe. Die grossen Bosse sitzen auf der Tribüne und schauen zu, wie sich die Spielerinnen unten im Ring bekämpfen.» So schildert es Dragutin Baltic, Voleros Trainer und selber vier Jahre lang in Aserbeidschan engagiert. Er sei der einzige ausländische Trainer, der sich so lang in der ersten Liga habe halten können, sagt der Slowene. Oft sei das Personal ausgewechselt worden, wenn nötig über Nacht.

Volero verpflichtete sie mit 17

Jetzt geniesst er die Zeit bei Volero. Genauso, wie es Rabadzhieva tut. «Wie in einer Familie» sei es hier, sagt sie. Und lacht herzhaft, wie sie das oft tut. Dann deutet sie mit dem Daumen über ihre Schulter nach hinten. «Und so etwas habe ich zuvor auch noch nie gesehen.» Hinter ihr im Restaurant des Zürcher Clubs sitzt Volero-Präsident Stav Jacobi beim Mittagessen. Er plaudert mit Alessia Rychljuk, einer seiner Starspielerinnen. «Dass sich ein Präsident zu uns an den Tisch setzt und mit uns spricht, das ist ganz neu für mich.» Dann dreht sie sich um und ruft: «Hei Präsident! Du ­behauptest immer, ich spreche so viel. Wer redet mehr, ich oder du?» Jacobi ruft zurück: «Du!» Rabadzhieva lächelt.

Sie hat eine besondere Beziehung zum 47-Jährigen. Wie die meisten Spielerinnen hier. 17-jährig war sie, als der gebürtige Russe ihr Talent erkannte. «Er half mir, aus Bulgarien rauszukommen. Die Clubs dort verlangen für junge, gute Spielerinnen viel Geld», erklärt die 1,90 grosse Aussenangreiferin. Jacobi bezahlte. Und nahm sie für fünf Jahre unter Vertrag. Für Volero gespielt hat Rabadzhieva in jener Zeit aber nie. ZSKA Sofia, Conegliano (It), Rabita Baku und Galatasaray Istanbul waren die Clubs, an die sie ausgeliehen wurde. Nun sah ­Jacobi die Zeit gekommen, sie in sein Team zu integrieren – und sie den nächsten Fünfjahresvertrag unterschreiben zu lassen. Das Ziel bis 2016 ist nichts ­weniger als der Gewinn der Champions League. «In dieser Saison wollen wir erst einmal ins Turnier der besten vier Teams kommen», sagt Rabadzhieva.

Die Zürcherinnen haben nach zwei Siegen beste Aussichten, zumindest in den Achtelfinal, das Playoff 12, einzuziehen. Heute kommt mit Eczacibasi Istanbul allerdings der grosse Favorit in die Saalsporthalle. Rabadzhieva gibt sich unaufgeregt: «Wir überlassen ihnen ­sicher nicht den Sieg.»

1500 km für Volero - Düdingen

Vielleicht kann sie dabei ja auf Unterstützung aus der Heimat zählen. Es wäre nicht das erste Mal. Eineinhalb Wochen ist es her. Volero traf in der Meisterschaft auf Düdingen. Ein wenig glamouröses Duell in der Halle Im Birch. Und doch war dies Anlass für 16 bulgarische Fans, 1500 Kilometer Weg auf sich zu nehmen, um Rabadzhieva spielen zu sehen. Sie flogen nach Mailand und fuhren mit Mietautos weiter. «Ich war so unglaublich überrascht», sagt sie und erklärt: «Es gibt einen harten Kern, der besucht mich und Nationalspieler Matey Kaziyski jeweils bei unseren Clubs. Sie lieben einfach Volleyball und mögen uns.» Das Pech war nur: Rabadzhieva wurde geschont.

Heute stünden die Chancen besser, das grosse Idol spielen zu sehen. Mit ­ihrer neuen Familie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2014, 19:51 Uhr

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