Frische Socken machen Seriensieger

Um den Gigathlon zu dominieren, reicht Training alleine nicht aus. Es braucht auch viel Material und Planung.

Gegen 40'000 Franken dürfte das Material wert sein, das Ramon Krebs für die je zwei Rad- und Laufdisziplinen sowie fürs Schwimmen einsetzt. Fotos: Danielle Liniger

Gegen 40'000 Franken dürfte das Material wert sein, das Ramon Krebs für die je zwei Rad- und Laufdisziplinen sowie fürs Schwimmen einsetzt. Fotos: Danielle Liniger

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Ein Gigathlon braucht Platz. Auch zu Hause. Wenn Ramon Krebs eine Aus­legeordnung des Materials macht, welches er am 7. Juli zum diesjährigen Gigathlon nach Zürich schaffen wird, braucht es dafür die ganze Garageneinfahrt vor seiner Wohnung in Münsingen. Das passt: Das Material hat problemlos den Wert eines Mittelklassewagens, Krebs schätzt 35'000 bis 40'000 Franken. Ganz genau weiss er es nicht – der Gigathlon-Seriensieger wird gesponsert.

Wer siegen will, benötigt teure Velos und Zubehör – und dazu viel Fleissarbeit. Im Training wie in der Vorbereitung des Wettkampfs. So führt Krebs mehrere Excel-Listen bei der Planung eines Gigathlons. Diese sind Stützen und Versicherung für den Athleten selber. Aber auch für seine Betreuer. Jeder ­Single-Athlet hat am Gigathlon eine bis zwei Personen, die sich bei den Wechseln um ihn kümmern.

Infografik: Die Gigathlon-StreckenGrafik vergrössern

Diese Übergänge sind so etwas wie die sechste Disziplin, gerade wenn es um den Sieg geht und jede Minute zählt. An zwei Tagen gilt es, zehn Strecken zu absolvieren, stets mit wechselnder Sportausrüstung. «Da lässt sich mit ­guter Planung definitiv etwas heraus­holen», sagt Krebs. Entsprechend minutiös plant er. Im Vorfeld bereitet er acht Plastiktüten vor – eine pro Wechsel.

Bei Krebs’ langer Packliste fallen mehrere Dinge auf – etwa, dass er trockene Füsse schätzt. In der Wechselzone lässt er sich von seinen Supportern jedes Mal frische Socken reichen. Und eine neue Sonnenbrille. Acht Sonnenbrillen? «Ich habe einen guten Sponsor», sagt er und lacht. «Wenn man schwitzt, tropft es rein» – das mag er nicht. Beim Laufen bevorzugt er sehr dunkle Gläser – «so fühlt sich die Hitze etwas weniger heiss an.» Auf dem Bike benutzt er hellere Gläser – um die Konturen besser zu sehen. Und auf dem Rennvelo eine randlose – um auch in geduckter Position keine eingeschränkte Sicht zu haben.

Kühlung von der Tankstelle

Besondere Vorkehrungen bedarf es fürs Schwimmen: Vaseline für den Hals, damit der Neoprenanzug nicht scheuert. Sowie Plastiksäcke und Babypuder, um überhaupt in diesen reinzukommen. Das ist an sich schon ein Kunststück, sind die Schwimmanzüge doch sehr eng geschnitten. Die Herausforderung wird am Gigathlon noch grösser, weil im Gegensatz zu einem Triathlon das Schwimmen nicht immer als erste Disziplin ansteht. Die Athleten müssen sich also verschwitzt in den Anzug kämpfen. Eine diffizile Angelegenheit, da der Neopren schnell einmal reisst. Entweder man stülpt sich daher Plastiksäcke über Füsse und Hände, um in die Ärmel und Beine zu schlüpfen. Oder streut Babypuder hinein, der den Schweiss etwas neutralisiert.

Bei der Ernährung macht Krebs keine Experimente, er benutzt die Marke, welche am Gigathlon allen Teilnehmern abgegeben wird, isst Energiegels und -riegel. «Auch wenn die Riegel unter Belastung schwierig zu kauen sind: Es lohnt sich, dafür mal zwei Minuten etwas Gas wegzunehmen – genug zu essen, ist ­extrem wichtig.» Auf grössere Experimente, also Spaghetti oder ähnliches, was durchaus in den Gigathlon-Wechselzonen zu sehen ist, lässt er sich nicht ein. «Dafür ist der Wettkampf über zwei Tage dann doch zu kurz.» Besondere ­Efforts sind zudem nötig, sollte das Wetter sehr heiss werden. Bei seinem ersten Sieg in Aarau 2015 hatte Krebs vorab ­organisiert, dass seine Betreuer in einer nahen Tankstelle im Kühlraum eine spezielle Kühlweste hinterlegen konnten.

Wenn es das Reglement zulässt – Krebs muss das noch abklären –, würde er heuer gerne zwei Velos in die Wechselzone stellen: «Sollte ich alleine voraus sein, würde ich mich fürs Zeitfahrvelo entscheiden. Sollten wir eine Gruppe sein, fürs Rennvelo, da im Gigathlon das Fahren im Windschatten erlaubt ist», sagt der 33-Jährige.

Geheimrezept Schlaf

So offen Krebs über seine Planung und sein Material Auskunft gibt, so verschlossen wird er, wenn das Gespräch auf die Regeneration kommt, die Zeit zwischen den beiden Wettkampftagen. «Da habe ich ein paar Geheimrezepte – alles Dinge, die wissenschaftlich untersucht sind, aber alle im bezahlbaren Rahmen. Es gibt viele günstige, alltägliche Dinge, die helfen», sagt er nur.

Für die Zeit nach der Ziellinie stellt er einen klaren Plan auf, ein Betreuer ­achtet darauf, dass dieser auch eingehalten wird. Einen Ratschlag hat Krebs dann doch noch – und der führt zurück zum Anfang: «Sei gut vorbereitet. Denn je besser du vorbereitet bist, desto ­früher kommst du ins Bett. Und der Schlaf ist immer noch die beste Regeneration.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 18:28 Uhr

Der Gigathlet

Ich müsste doch jetzt trainieren

Es bleibt eine letzte, hoffnungsvolle Nachfrage: «Was meinen Sie konkret mit erhöhtem Puls – ganz locker trainieren geht trotzdem?» Nun wird der Sportarzt deutlich: «Kein Sport. Eine Woche kein Sport. Der Puls steigt bereits, wenn Sie die Treppe nehmen. Mehr darf nicht sein.»

Erkältungen kennt jeder, der das ganze Jahr über draussen trainiert. Mich erwischt es meist dann, wenn die Gefahr gebannt scheint, die Temperaturen schon wieder steigen. Es sind noch ein paar Tage bis zum Zürich Marathon, als da eines Morgens plötzlich dieses so ungute wie bekannte Gefühl im Hals herrscht. Kann ich so starten? Nein, niemals. Am nächsten Tag: Doch, ist schon viel besser. Engelchen und Teufelchen liefern sich ein Duell. Ersteres gewinnt. Oder ist es Letzteres? Jedenfalls ist der Marathon vor der Hälfte zu Ende: kraftlos, fröstelnd mit dem Zug zurück zum Start. Auskurieren, das wird schon wieder. Doch es wird nicht. Der Husten bleibt, die Nase zu. Gopf. Ich müsste doch jetzt trainieren, Kilometer sammeln. Laufen, Velo fahren, biken, schwimmen! Die Strecken rekognoszieren.

Doch der Sportarzt sagt stopp. Immerhin, die Zwangspause, einmal akzeptiert (geht das überhaupt?), hat es auch schöne Seiten. Plötzlich sind da täglich freie Stunden. Mehr Zeit zum Spiel mit den Kindern. Im Bett sich noch einmal drehen. Kein Zeitdruck beim Familienausflug. Bis mir ein Sportler begegnet, der genüsslich seiner Passion nachgeht. «Du wirst sehen, die Pause wird dir guttun», hat ein Freund gesagt. Die Zweifel hat er nicht aus meinem Kopf vertrieben. Zwei Monate bleiben. (ebi.)

Sportredaktor Emil Bischofberger bestreitet im Juli den Gigathlon und berichtet über den Weg dahin.

Ramon Krebs (33) gewann die Gigathlons 2015 und 2016.

Ramon Krebs' Packliste

Für den ganzen Tag


  • Triathlonhose und Triathlonoberteil

  • GPS-Uhr

  • 8 Paar Socken (frische für jede Disziplin)


Für das Schwimmen

  • Neoprenanzug

  • Babypuder und Plastiksäcke (um in den Anzug zu schlüpfen)

  • 2 Schwimmbrillen

  • Vaseline (gegen das Scheuern am Hals)


Für das Laufen

  • 3 Paar Schuhe

  • Mütze

  • 4 Sonnenbrillen


Für das Radfahren

  • Rennvelo

  • Triathlonvelo

  • 4 Ersatzlaufräder

  • Radschuhe

  • Velocomputer

  • Velohelm

  • 2 Brillen


Für das Biken

  • Bike

  • 2 Ersatzlaufräder

  • 2 Brillen

  • Handschuhe

  • Satteltasche mit Reparaturkit


Für die Ernährung

  • Gels und Riegel

  • Evtl. kleine Sandwiches

  • Banane

  • Guetzli

  • Cola

  • Colostrum (verbessert die Verdauung)


Für Schlechtwetter

  • Warme Handschuhe

  • Überschuhe

  • Regenjacke


Gesamtwert Material

  • 35'000 bis 40'000 Fr.

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Monatlich und in loser Folge berichtet Tagesanzeiger.ch/Newsnet über das Werden des Gigathlons, die Vorbereitung der Athleten und das Pröbeln mit dem Material.

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