Für zwei Minuten eins sein

Steve Guerdat reitet am CSI Zürich ohne Goldpferd Nino des Buissonnets. Er träumt vom Grand Slam mit ihm.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es mag für Veranstalter und Zuschauer enttäuschend sein, dass Steve Guerdat beim CSI von Zürich, der morgen im Hallenstadion beginnt, ohne sein Olympiasiegerpferd Nino des Buissonnets antritt. Doch erstens ist der Jurassier aus Herrliberg dank der Schimmelstute Nasa trotzdem gut beritten, denn mit ihr gewann er vor zwei Jahren in Zürich den Grand Prix. Und zweitens hat er gute Gründe für den Verzicht. Nino braucht eine Pause, und die war längst geplant.

Guerdat sagt: «Ich fühle mich geehrt, dass Nino und ich uns gefunden haben und ich ihn reiten darf. Ich erwarte nicht, dass ich in meiner Karriere ein zweites solches Pferd haben werde. Ich möchte, dass wir auch in zwei oder drei Jahren noch erfolgreich sein können, ich möchte mit ihm 2016 in Rio dabei sein. Und deshalb geht er bei weniger Concours an den Start als die meisten anderen Top-Pferde.» Seit dem Olympiasieg, so rechnet Guerdat vor, hat Nino nur 18 Turniere bestritten. Im Durchschnitt eines pro Monat. Und doch in den beiden letzten Jahren 1,45 Millionen Franken verdient.

Die Hallensaison, die für den braunen Franzosen mit drei zweiten Plätzen in Weltcupspringen und dem Grand-Prix-Sieg in Genf so brillant begann, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit abgeschlossen. Der Weltcup zählt für Guerdat nicht mehr zu den Zielen. Er hat mit Nino anderes vor.

Schwieriger als im Tennis

Das eine Ziel sind die Welt-Reiterspiele im Spätsommer in Caen in der Normandie. Das andere ist eine Art Leihgabe des Tennis, nennt sich Grand Slam und wird von seinem Privatsponsor Rolex ausgeschrieben. Drei der bestdotierten Turniere gehören dazu, Aachen, Calgary und Genf. Grand-Slam-Sieger darf sich nennen, wer drei Grosse Preise dieser Turniere nacheinander gewinnt. Als Bonus gibt es dafür eine Million Euro.

Mit seinem Sieg in Genf hat Guerdat den ersten Schritt getan. Jetzt wagt er, vom Ganzen zu träumen. «Obwohl es praktisch unmöglich ist», wie er sagt. «In 200 Jahren gelingt das vielleicht dreien. Nino und ich sind eines der wenigen Paare, die es schaffen können. Warum also nicht probieren?» Guerdat ist nicht wegen des Sponsors von der Idee des Grand Slam begeistert. Sondern weil er überzeugt ist, dass die Herausforderung grösser ist als in jeder anderen Sportart. «Tennisspieler können Fehler machen und trotzdem gewinnen, ein Usain Bolt ist nicht zu schlagen, wenn er in Form ist», sagt er. «Bei uns ist alles vorbei, wenn eine Stange am Boden liegt, und bei uns sind es immer zwei, denen ein Fehler passieren kann.» Wie etwa bei den Europameisterschaften, als er auf Bronzekurs war und Nino in der letzten Kombination stehen blieb. Ohne Vorankündigung, einfach so. Ohne dass sich Guerdat eines Fehlers bewusst war, ohne dass er dem Pferd einen Fehler hätte anlasten wollen. Ein wenig Übermotivation, ein zu hoher Sprung am ersten Oxer, «und dann war er zu nahe am nächsten Sprung». Auch eine Verweigerung ist bei Nino möglich, Guerdat weiss es, «er tut es manchmal auch bei einem Sprung von 1,35 m».

Geniale Pferde sind nicht einfach. Auch die Besten holen die Reiter immer wieder auf den Boden zurück. «Deshalb stehen wir Reiter auch mit beiden Füssen auf dem Boden und sind ganz normale Leute.» Das mit dem «hohen Ross» ist eine Falschmeldung. Wenn Guerdat trotzdem davon träumt, mit Nino den Grand Slam gewinnen zu können, so liegt das an der Magie dieses Pferdes. Guerdat findet es «Quatsch», wenn von Springvermögen, Kraft und Stil geschwärmt wird. «Das haben alle», sagt er. Den Unterschied mache anderes aus. «Die Einstellung und dass wir zusammenpassen», sagt er. «Wenn wir im Parcours sind, gibt es kein er und ich, in diesen zwei Minuten sind wir eine Einheit mit dem gleichen Ziel.» Es ist der Traum des Reiters. Weshalb man wohl auch von Traumpaaren spricht: Willi Melliger und Calvaro, John Whitaker und Milton, Hugo Simon und E.T.Nino wird also am Wochenende nicht durch das Hallenstadion galoppieren, sondern durch die Wälder beim Rütihof hoch über dem Zürichsee streifen, zwei bis drei Stunden pro Tag, im Schritt und im Trab. «Er braucht nicht viel Arbeit, aber viel Bewegung», sagt Guerdat. «Und wenn er dann wieder springt, dann hat er Lust und ist frisch.»

Nino und der Milliardär

Nino des Buissonnets gehört Urs Schwarzenbach, dem Milliardär und Besitzer des Dolder Grand. Zusammen bilden die beiden die Basis von Steve Guerdats Unternehmung. Schwarzenbach beherbergt ihn im Rütihof, stellt Stallungen, Halle und alles, was zu einem modernen Pferdesportparadies dazugehört, zur Verfügung, dazu auch eine Wohnung mit Sicht auf Sattelplatz und Pferde. Nino sorgt dafür, dass die Kasse gefüllt wird. Die Hälfte der Preisgelder, die er herausspringt, gehört dem Reiter.

In Guerdats Stall stehen 13 Pferde, die Besten gehören Schwarzenbach, einige auch ihm selbst. Sie brauchen Futter, Tierarzt, Hufschmied, Zahnarzt, Transport, Ausbildung und Pflege. Preisgelder sind ein wichtiger Teil der Einnahmeseite, «ein bisschen Pferdehandel» bringt finanzielle Sicherheit, und dank seinem Status als Olympiasieger hat Guerdat zwei renommierte Sponsoren: Rolex und Honda. Wäre er nicht alle Sorgen los, wenn Nino verkauft und er am Erlös beteiligt würde? Wie viele Angebote hat er aus dem arabischen Raum erhalten? Guerdat lacht: «Für die Araber ist er kein Thema, die kämen mit ihm nicht über 1,30 Meter. Sie brauchen einfache Pferde. Mit denen haben sie anfänglich auch Erfolg, weil diese noch das tun, was sie unter ihren ehemaligen Reitern gelernt haben. Doch schon nach kurzer Zeit hört man nichts mehr von ihnen.» Das gilt auch für die olympischen Bronzegewinner aus Saudiarabien.

Breites Team im Rücken

Guerdat beschäftigt fünf Angestellte, die von ihm bezahlt werden: Sie heissen Heidi, Mari, Emma, Simon und Istvan, pflegen die Pferde, reiten sie aus, arbeiten mit ihnen. Sein Bruder Yannick, «ein Komplize in allen Lebenslagen» (Website), kümmert sich um Sponsoren und füllt die Agenda, Mutter Christiane («Supporterin der ersten Stunde») sorgt sich um das Internet. Vater Philippe, einst selber Spitzenreiter und zurzeit Trainer der Belgier, so sagt der Sohn, sei nicht mehr der Trainer und rede ihm sportlich auch nicht drein, sei vor allem der Vater, «und der ist immer wichtig». Die Finnin Heidi Mulari arbeitete schon in Holland bei Jan Tops mit ihm zusammen und folgte ihm 2007 nach Herrliberg. Mit ihr, so schwärmt er, gebe es «blinde Zusammenarbeit». «Ich weiss, was sie will, sie weiss, was ich will, da müssen wir gar nicht reden. Da stimmt jedes Detail.»

In noch höheren Tönen lobt er Thomas Fuchs, seinen Trainer: «Er ist der Beste, den man in unserem Sport finden kann. Als Pferdemann, Trainer und Mensch. Möglich, dass er als Reiter fast zu genial war. Die grössten Künstler haben auch nicht immer die grössten Erfolge. Wenn es im Reiten einen Gott gäbe - er hiesse Thomas Fuchs.»Mit Thomas Fuchs, der für ihn schon Nino entdeckt und ihn Schwarzenbach schmackhaft gemacht hatte, teilt er auch einen kleinen achtjährigen Hengst mit dem schönen Namen Kavalier. Der erinnert ihn ein wenig an Nino und könnte sein Nachfolger werden. Die beiden sind Halbbrüder. Der gemeinsame Vater heisst Kannan und ist ein berühmter Vererber.

Erstellt: 23.01.2014, 07:21 Uhr

Artikel zum Thema

Zahltag für den Olympiachampion

Der am CHI Genf mit 650'000 Franken dotierte Grand Slam wird eine Beute von Steve Guerdat und seinem Top-Pferd Nino des Buissonets. Mehr...

Guerdat gewinnt Grand-Slam-Springen in Genf

Reiten Der erstmals am CSI Genf ausgetragene und mit 650'000 Franken dotierte Grand Slam wird eine Beute von Steve Guerdat und seinem olympischen Gold-Pferd Nino des Buissonets. Mehr...

Steve Guerdat wieder Weltcup-Zweiter

Reiten Wie in der Vorwoche in Oslo klassiert sich Olympiasieger Steve Guerdat mit Nino des Buissonnets auch im zweiten Weltcup-Springen in dieser Saison in Helsinki auf dem zweiten Platz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Blogs

Geldblog So vermeiden Sie ATM-Frust im Ausland

Mamablog Bin ich jetzt der Mann? 

Die Welt in Bildern

Monsunregen: Nach heftigen Regenfällen müssen die Menschen im Kurigram-Distrikt in Bangladesh auf Booten ausharren, lediglich die Hausdächer ragen aus dem Hochwasser. (17. Juli 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/Barcroft Media/Getty) Mehr...