Grosse und kleine Gigathlon-Helden

Zürich und Umgebung bot den Gigathleten zwei Tage das Terrain, sich auszutoben. Gabriel Lombriser siegte erstmals, Nina Brenn bereits zum sechsten Mal.

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Im strömenden Gewitterregen endete gestern spätabends auf der Allmend Brunau der 14. Gigathlon, der am Samstagmorgen bei Hitze begonnen hatte. Am zweitägigen Event, der die schnellsten und geschicktesten Single-Athleten, Zweier- und Fünferteams im Schwimmen, Laufen, Radfahren und Biken kürt, geht es nicht um Preisgeld, sondern nur um Ruhm und Ehre. Knapp 3000 Breitensportlerinnen und -sportler kämpften auf der wohl grössten Hündelerwiese der Schweiz immer wieder gegen den inneren Schweinehund – die einen erfolgreicher, die anderen immerhin im Wissen, dass das monatelange Training eigentlich zum Ziel führen müsste.

Der Sieger
Perfektes Wochenende
Nachdem Gabriel Lombriser nach insgesamt gut 17 Stunden den letzten Schritt über die Ziellinie demütig und langsam getan hatte, deutete er einen Moment lang an, wie er sich fühlte: ganz gross. Mit dem Zielband mimte er kurz Usain Bolt – in der Blitzpose. Und ein Kollege im fachkundigen Publikum rief ihm zu: «Bisch e Maschine!» Lombriser, der seine Wurzeln im Orientierungslaufen hat, war weder wie ein Blitz noch wie eine Maschine unterwegs gewesen. Aber der 35-Jährige aus Büsserach im Solothurnischen war bereits als Leader in die zweite Hälfte des Wettkampfs gestartet und im Siegen einigermassen routiniert. Er hatte den Gigathlon schon im Zweier- und Fünferteam gewonnen und als Einzelathlet sich dem gestrigen Coup langsam genähert: Dritter, Zweiter . . . und nun oberster Gigathlet. Dass er Vorjahressieger Ramon Krebs ab Mittag nicht mehr fürchten musste, hatte nicht primär mit der eigenen Stärke, sondern vor allem mit dessen Pech zu tun. Krebs war im Vorfeld auf einer Ausfahrt von einem Auto gestreift worden – Folge: Schulterprellung, kein Schwimmtraining mehr möglich. Krebs litt nun wegen muskulärer Verspannungen unter Atemproblemen und gab auf. Lombriser aber sprach vom perfekten Wochenende, «ich hätte nicht gedacht, dass es so gut aufgehen könnte». 38 Minuten hatte er den Zweiten distanziert.

Die Siegerin
Miss Gigathlon
Das Phänomen am Gigathlon aber ist und bleibt Nina Brenn, die 37-jährige Zürcherin, die mit ihrer Familie in Flims lebt. In 18:19:34 Stunden siegte sie zum sechsten Mal – jedes Mal, wenn sie angetreten ist und das Abenteuer beendet hat. Das Erstaunliche an ihrer diesmaligen Leistung – und auch das ist nichts Neues in ihrem Fall: Nur sechs Männer waren schneller als sie. Den ersten Tag hatte Brenn mit einer Stunde Vorsprung abgeschlossen und wollte dann im Siegerinterview gar nicht darauf eingehen. Sie sagte: «Ich habe genügend Respekt vor den anderen Athletinnen, ich habe einfach wieder mein eigenes Rennen ­gemacht.» Dass auch ein wenig Glück zum Triumph gehört, hat auch sie schon erfahren. 2012 musste sie nach einem Sturz aufgeben. Sosehr der Zürcher ­Gigathlon ihr Heimrennen war, so sehr dürfte es der nächstjährige werden: Gründer Peter Wirz plant die 15. Austragung im Bündnerland, Zentralort soll Arosa sein, Partnergemeinde Davos.

Das Wetter
Hitze, Sturm, Gewitter
Täuscht der Eindruck, oder herrscht ­immer am Gigathlon extremes Wetter? 2015 brütend heiss, 2016 kalt, und jetzt, jetzt entlud sich der bleierne Samstag am Abend in einem Gewitter über der Giga-City. Stürmischer Wind hiess: vorübergehend Zelte verlassen, in die Saalsporthalle zügeln. Das hiess für viele aber auch: das Velo raus aus der Bike-Zone und unter die eigenen Fittiche, wenn Hagel droht. Nach einer Stunde war der (harmlose) Spuk vorbei, die Luft abgekühlt, die Rückkehr ins Schlaf­quartier unbedenklich. Dass es sogar solche gab, die von den Massagetischen stiegen, um der knetenden Crew bei der Flucht vor dem Sturm und beim Zusammenpacken der Zelte zu helfen, ist keine Mär. Es war reine Tatkraft.

Die Abwege
Traum und Albtraum
Er war einer der Mitfavoriten, letztlich wurde Michael Ott Siebter. Der Marathonläufer musste erfahren, dass in einem zweitägigen Wettkampf Traum und Albtraum ziemlich nahe beieinanderliegen können. Als er am Samstag in der Wechselzone in Uster in seine Laufschuhe schlüpfen wollte, waren da kein Betreuer und keine Schuhe. Noch immer war sein Helfer auf der ­Suche nach seinem Auto im Zürcher Seefeld, wo die Athleten aus dem Wasser aufs Rad ­gestiegen waren. Sowohl Laufschuhe als auch Bike befanden sich im Auto. Derweil wartete Ott und wartete – und ­-bekam Hilfe von Kollegen. Mit geliehenem Material und Verspätung machte er sich auf den Weg. Und kehrte fast gleichzeitig mit Betreuer und Bike in die Wechselzone zurück. Ein Zweierteam hingegen forcierte geradezu sein Ausscheiden: Um Sekunden zu gewinnen, überquerte eine Läuferin den geschlossenen Bahnübergang beim Triemli – die Rennjury kannte keine Gnade: Ausschluss.

Die Helfer
Zwei bis sechs Hände
Die Rechnung ist, wie eben beschrieben, einfach: Gute Betreuung ist der halbe ­Gigathlon. Der typische Helfer (alle Helferinnen inklusive) ist uneigennützig, geduldig, umsichtig, denkt an alles, hat einen breiten Rücken, eine dicke Haut und kommt ohne Schlaf aus. Auf dem Frottiertuch vor dem Pausenstuhl in der Wechselzone liegt also ein ganzes Buffet: Gels, Riegel, Linzertörtli, Bananen, frische Socken, Schuhe, Handschuhe, Kopfbedeckungen und vieles mehr. Etwa Kontaktlinsen. Auch die müssen einmal montiert oder gewechselt werden. Und wird nach dem Schwimmen und vor dem Laufen am Sonntagmorgen auf der Landi­wiese ein Landjäger zur Stärkung bevorzugt, wird halt ein Landjäger gereicht. Jedem das Seine! Denn, so formuliert es eine Helferin mit Augenzwinkern: «Wenn es läuft, ist es der ­Athlet, wenn nicht, ist es der Betreuer.»

Die anderen Helden
Selbstlos oder mitleidig?
Sie haben die Strecke entlang entscheidend dazu beigetragen, dass letztlich alle zu den Gewinnern gehören konnten. Wie viele waren jenen Bauersleuten auf der Laufstrecke um Uster dankbar, dass da, wo eigentlich ein offizieller Verpflegungsstand hingehört hätte, immerhin ein paar Kübel Wasser zur Kühlung standen? Oder wie mitfühlend handelte jener Anwohner, der einen Athleten mit defektem Rad beobachtete und selbstlos das eigene zur Verfügung stellte? Es sind diese «unsung heroes», die den Gigathlon zum Erlebnis machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2017, 22:47 Uhr

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