Heim-WM soll den Ball in der Romandie ins Rollen bringen

Im Unihockey findet mit dem Frauenturnier erstmals eine WM in der Westschweiz statt. In dieser Region wartet der Sport auf den Durchbruch.

Trotz heimischem Boden in ungewohnter Umgebung: Flurina Marti führt das Schweizer Nationalteam auf die grosse Bühne in Neuenburg (Foto: Claudio Thoma/Freshfocus)

Trotz heimischem Boden in ungewohnter Umgebung: Flurina Marti führt das Schweizer Nationalteam auf die grosse Bühne in Neuenburg (Foto: Claudio Thoma/Freshfocus)

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Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Lugano? Oder das Eidgenössische Hornusserfest auf der Zürcher Allmend? Beides zwar nicht unvorstellbar, aber beides nicht sehr wahrscheinlich.

In Neuenburg hat am Wochenende die Unihockey-Weltmeisterschaft der Frauen begonnen. Für die Stadt und die Region ist die Austragung der WM eine ­Premiere. Noch nie fand in der Schweiz ein Unihockeyanlass dieser Dimension ausserhalb der Deutschschweiz statt, wo mit Bern, Zürich, ­Winterthur und Chur die grossen Zentren liegen. Es sind die ersten Titelkämpfe in der Schweiz seit 2011, als das Frauenteam in St. Gallen nur Vierter wurde.

Nach zwei Siegen der Schweizerinnen stimmt die Stimmung in Neuenburg. (Bild: Claudio Thoma/Freshfocus)

Es fehlen grosse Vereine als Zugpferde

Nur 4 von 44 Vereinen aus den beiden höchsten Ligen der Männer und Frauen stammen aus der Westschweiz. Alle spielen in der Nationalliga B. «Der Region fehlt die Präsenz in der Nationalliga A, es fehlen die Zugpferde», sagt Sascha Kolly von Floorball Fribourg, dem einzigen Club mit einem Männerteam in der NLB. Diese Zugpferde hätten andere Sportarten. «In der Westschweiz spielen im Volleyball und ­Basketball viele Teams in der Spitze mit. Das ist unsere grosse Konkurrenz», erklärt Denis Marendaz, der Co-Präsident von UC Yverdon.

«Wir haben einfach auch ein Problem mit der Infrastruktur. Es ist sehr schwierig, gute Hallen zu finden.»Denis Marendaz, Co-Präsident UC Yverdon

Offizielle Zahlen bestätigen dies. Aus dem letztmals 2014 vom Bundesamt für Sport publizierten Kinder- und Jugendbericht geht hervor, dass bei 13 Prozent der 10- bis 14-Jährigen in der Deutschschweiz Unihockey die beliebteste Sportart sei, während ein Vergleichswert für die französische Schweiz gar nicht erst aufgeführt wurde. Bei den 15- bis 19-Jährigen gaben in der Westschweiz immerhin 3 Prozent Unihockey als beliebteste Sportart an. Zwar gilt Unihockey mit rund 32 500 ­Lizenzierten als Nummer 2 bei den Teamsportarten in der Schweiz. Doch nur 10 Prozent ­davon spielen bei einem Verein in der Romandie. «Vor zehn ­Jahren verfügten Genf und Lausanne über gute 1.-Liga-Mannschaften, haben es dann aber verpasst, ihre Nachwuchsabteilungen zu fördern und in diese zu investieren, um noch mehr Juniorinnen und Junioren zu ­gewinnen», sagt Kolly.

Unterstützung von den Gemeinden gibt es kaum, ihnen fehlen die Mittel. Marendaz sieht die Lokalpolitik aber in der Verantwortung. «Wir haben einfach auch ein Problem mit der Infrastruktur. Es ist sehr schwierig, gute und vor allem genügend grosse Hallen zu finden, sei es für Trainings oder Meisterschaftsspiele.»

«In der Region Deutschfreiburg schaut jeder Verein lieber für sich.» Heino Dietrich, Präsident Aergera Giffers

Neben Defiziten in der Nachwuchsarbeit ortet Heino Dietrich, Präsident des Frauen-NLB-Teams Aergera Giffers, das Problem auch woanders: «Es gibt jede Menge Vereine in der Westschweiz, nur machen diese alle ihr eigenes Ding. Wir haben in den letzten Jahren fünf Anläufe genommen, um mit anderen Clubs Kooperationen einzugehen. Doch hier in der Region Deutschfreiburg ist das im Frauen-Unihockey fast nicht möglich. Jeder Verein schaut lieber für sich selber.»

Der Entscheid als starkes Zeichen fürs Unihockey

Allseits sehr begrüsst wird dagegen der Entscheid des Verbandes, die Frauen-WM in einer unihockeymässig strukturschwachen Region durchzuführen. «Der klare Entscheid für Neuenburg ist ein starkes Zeichen für Unihockey in der Romandie», sagt Marendaz, der sich von dieser WM auch neuen Zulauf in seinem Verein erhofft. Mithelfen, den Boom zu entfachen, soll auch der Umstand, dass erstmals im öffentlichen französischsprachigen TV auf RTS Deux Unihockeyspiele zu sehen sind.

Neben dem primären Ziel von Swiss Unihockey, diese Sportart in der Romandie beliebter zu machen, sprechen noch andere Gründe für Neuenburg, beispielsweise die Infrastruktur. Die beiden Hallen, Patinoire du Littoral und La Riveraine, liegen nur fünf Gehminuten voneinander entfernt, in der Maladière, dem Fussballstadion von Neuchâtel Xamax gibt es weitere Trainingsmöglichkeiten.

Die ersten beiden Gruppenspiele der Schweizerinnen waren gut besucht. (Bild: Keystone)

Dennoch sagt Reto Gyger, Projektleiter der Heim-WM: «Bei der Vergabe nach Neuenburg waren wir uns des ­Risikos des Standorts bewusst. Wir wissen auch, dass die Anreise beispielsweise aus Bern psychologisch länger dauert als nur 50 Minuten.» In den kommenden Tagen wird sich zeigen, wie viele Zuschauer und Fans aus der Deutschschweiz den Weg an den Neuenburgersee finden werden. Mehr als 600 ehrenamtliche Helfer des lokalen Vereins FSG Corcelles-Cormondrèche haben im Vorfeld rund 13 000 Stunden Freiwilligenarbeit investiert, um die WM zu einem Fest werden zu lassen.

Euphorie dank eines überraschenden Sieges

Nicht nur der gute Start der Schweizerinnen ins Turnier mit einem standesgemässen 12:1-Sieg gegen Deutschland am Samstag, sondern auch der nicht zu erwartende Erfolg gegen Finnland dürfte helfen, eine Euphorie zu entfachen. In einer Partie, von der Nationaltrainer Rolf Kern im Vorfeld als einer «spannenden Affiche» sprach, riefen die Schweizerinnen eine hervorragende Leistung ab. Dank eines unermüdlichen Einsatzes des gesamten Teams wurden die Favoritinnen 7:4 geschlagen. Der erste Sieg gegen die Finninnen seit über zwei Jahren konnte nach einer durchzogenen Vorbereitung mit nur einem Sieg in 13 Länderspielen alles andere als erwartet werden. Dank des Efforts können die Schweizerinnen mit grosser Wahrscheinlichkeit den Schwedinnen in einem möglichen Halbfinal aus dem Weg gehen. Aber auch ein Halbfinal gegen die körperlich robusten Tschechinnen würde viel Spannung versprechen.

Reichen solche schönen Tore an der Heim-WM, um die Romandie näher ans Unihockey zu bringen?

Spannend ist aber noch ein anderer Aspekt. Wie stark wird sich der Schub dieser Weltmeisterschaft in den nächsten Jahren auf die Entwicklung des ­Unihockeys in der Westschweiz tatsächlich auswirken?


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Erstellt: 09.12.2019, 13:28 Uhr

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