«Ich bin doch keine Marionette»

Der Nordostschweizer Arnold Forrer zählt am Unspunnen-Schwinget zu den stärksten Kontrahenten der Berner. «Ich muss genug stark sein, um jeden zu nehmen», sagt der 32-Jährige.

Extrovertiert und unkompliziert: Arnold Forrer, Schwingerkönig 2001, sitzt auf der Terrasse seines Eigenheims  oberhalb von Stein im Toggenburg.

Extrovertiert und unkompliziert: Arnold Forrer, Schwingerkönig 2001, sitzt auf der Terrasse seines Eigenheims oberhalb von Stein im Toggenburg. Bild: Andreas Blatter

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Kommt es am Unspunnen-Schwinget im ersten Gang zum Königsduell Forrer - Wenger?
Arnold Forrer: Ich rechne fest damit. Wir sind die einzigen noch aktiven Schwingerkönige und haben noch nie gegeneinander geschwungen. Aber die Einteilung mache nicht ich.

Sie haben mit Kilian Wenger 2011 kein gemeinsames Fest bestritten. Wie bereiten Sie sich auf den möglichen Vergleich vor?
Schwingen ist populär, mittlerweile kann man sich viele Aufzeichnungen von Gängen im Fernsehen und im Internet ansehen. Aber wir wissen sowieso, wie der andere schwingt. Ich bin gespannt, wie gut mir Wenger in die Finger passt. Es wird sicher keinen langweiligen Kampf geben.

In dieser Saison fehlt der Überschwinger. Demnach ist die Ausgangslage für den Saisonhöhepunkt vom Sonntag offen.
Vor einigen Wochen hätte ich darauf noch anders geantwortet. Aber mittlerweile muss ich sagen, dass die Ausgangslage tatsächlich offen ist – fünf bis sechs Schwinger können gewinnen.

Und wie hätten Sie es vor ein paar Wochen formuliert?
Ich hatte einen sehr guten Saisonstart, schwang bis zum «Innerschweizerischen» überzeugend. Danach begann es zu harzen. Eine Zerrung hier, eine Quetschung dort – dann reicht es nicht mehr.

Sie jassen gerne. Welches ist im Hinblick auf den Unspunnen-Schwinget Ihr Trumpfbuur?
Der Trumpfbuur nützt gar nichts, wenn Slalom gespielt wird (lacht).

Rechnen Sie mit einem Slalom?
Am «Eidgenössischen» zog Wenger durch, am «Kilchberger» hatte Christian Stucki einen Lauf. Aber wer weiss, wie es am Unspunnen läuft? Der Start wird entscheidend sein. Ich versichere Ihnen: Zwischen Kilian Wenger und mir wird es keinen Gestellten geben.

Wenger hat in dieser Saison ein Kranzfest gewonnen, aber vier Gänge verloren. Waren Sie darob überrascht?
Ehrlich gesagt: nein. Ich weiss, wie es ist, im Jahr nach dem Titelgewinn anzutreten. Für Kilian war es eine neue Ausgangslage. Am «Eidgenössischen» hatte jeder gedacht, er werde diesen «Büebel» aus dem Weg räumen –und jeder kam schliesslich unter die Räder. Nun schwingen Wengers Gegner defensiv; er muss mehr Risiken eingehen, ist anfälliger auf Konter, anfälliger auf Niederlagen.

Für Wenger hat sich das Leben nach dem Königstitel total verändert. War dies bei Ihnen 2001 auch der Fall gewesen?
Natürlich. Plötzlich wird man von allen Seiten angefragt und eingeladen. Es hat viel Schönes, aber auch einige Schattenseiten.

Wird der heutige Schwingerkönig im Vergleich zu Ihrem Triumph stärker wahrgenommen?
Es ist extremer geworden. Wegen der verstärkten Werbe- und Medienpräsenz wird der Bekanntheitsgrad gesteigert. Auch ich hatte viel um die Ohren, im Gegensatz zu Wenger aber niemanden, der für mich Nein sagte. Deshalb habe ich zu Beginn alles mitgemacht. Nun mache ich nur noch, was mir Spass bereitet.

Was hat Ihnen der Königstitel in finanzieller Hinsicht genützt?
Logisch habe ich profitiert – aber niemals in jenem Ausmass, wie dies nun bei Wenger der Fall ist. Er wird in zwei Jahren so viel verdienen wie ich während meiner Karriere. Es gibt zurzeit einige Schwinger, die mehr verdienen als ich. Aber das ist mir wurst.

Viele Schwinger arbeiten heute nicht mehr zu 100 Prozent. Begrüssen Sie diese Entwicklung?
Ich möchte einfach nicht, dass wir plötzlich Profis haben, die mehr trainieren und alles abräumen können. Was einige Spitzenschwinger nämlich oft vergessen – bei mir war dies früher übrigens auch der Fall –, ist: Der Schwingsport lebt nicht nur von den Spitzenathleten, sondern auch von jenem Schwinger, der den Kranzausstich verpasst und nach vier Gängen duschen geht. Der hat Onkel oder Arbeitgeber, die Schwingfans sind, Feste besuchen, Preise spenden. Diesen Schwinger brauchen wir genauso wie den attraktiven Spitzenschwinger.

Sie gelten als Typ, der das Herz auf der Zunge trägt und seine Meinung unverblümt äussert – auch in der Öffentlichkeit. Denken Sie nie über mögliche Konsequenzen Ihrer Äusserungen nach?
Im Schwingen ist es so, dass der Schwinger immer zu allem Ja und Amen sagen sollte. Das passt mir nicht, wir haben gegenüber dem Verband auch Rechte. Ich bin doch keine Marionette, kein Gladiator, der vor Leuten kämpft und am besten den Mund hält. Wenn ich etwas als ungerecht empfinde, sage ich das auch. Ob mir diese Eigenschaft schadet, ist mir egal.

Wie beurteilen Sie das Verhalten des Eidgenössischen Schwingerverbands in Bezug auf die zunehmende Kommerzialisierung?
(Überlegt) Ich kann die Befürchtungen des Verbandes durchaus nachvollziehen – nur dessen Vorgehensweise ist manchmal falsch, und stösst auf Unmut. Die beste Lösung habe auch ich noch nicht gefunden. Klar ist zum Beispiel: Es muss geregelt sein, dass jeder Schwinger mindestens 60 Prozent arbeitet. Schauen Sie sich die Fussballer an: Die denken oft nicht an Ausbildung und Zukunft, spielen lieber Playstation zwischen den Trainings. Mit 30 kommen der Kreuzbandriss, das Karrierenende und offene Zukunftsfragen. Dann werden sie im Verein irgendwie beschäftigt – klappt das nicht, müssen wir die faulen Hunde bezahlen.

Haben Sich die Wogen in Ihrem Streit mit dem Verband wegen der Werbeabgaben geglättet?
Im konkreten Fall ja. Grundsätzlich finde ich die 10-Prozent-Abgaberegel auch nicht schlecht. Aber ich habe Mühe damit, den Betrag dem ESV abtreten zu müssen. Ich würde ihn lieber meinem Verband (dem Nordostschweizerischen, die Red.) abgeben, weil der auch etwas für mich macht. Zudem ist nicht ersichtlich, wohin unsere Gelder beim ESV fliessen.

Wie meinen Sie das?
Von den Geldern ist sicher nicht alles in die Jungschwingerförderung geflossen. Aber jetzt muss ich aufpassen, was ich sage, sonst gibt es wieder Probleme (lacht).

Jörg Abderhalden hat sich unlängst vom ESV abgekapselt. Verstehen Sie seinen Entscheid?
Es sind zwei verhärtete Fronten, zwei sture Köpfe treffen aufeinander, dazu noch aus derselben Familie (ESV-Obmann Ernst Schläpfer ist Abderhaldens Götti/ die Red.) – keiner kann mehr zurück, keiner will sich eine Blösse geben. Es ist einfach schade, wenn der Schwingsport darunter leidet. Jörg hat vom Schwingen enorm profitiert, es würde ihm nicht schaden, seine 10 Prozent abzugeben. Aber ich kenne die Details nicht und bin froh, diskutiert der Verband mit ihm, so werde ich in Ruhe gelassen (lacht).

War es in Anbetracht der Umstände von Wengers Team ein kluges Unterfangen, Abderhalden als Coach ins Boot zu holen?
Es war von beiden Seiten nicht sehr clever. Es ist nicht gut, wenn im Bernbiet Trainingsgrüppchen entstehen. Zudem will man Jörg auch in unserem Verband einbinden – damit habe ich Mühe, wir machen uns lächerlich. Das wäre, wie wenn Christian Gross Basel und Zürich trainieren würde.

Abderhalden kennt Sie bestens. Wird er Kilian Wenger fürs Unspunnenfest Tipps geben?
Jörg ist bekannt dafür, dass er seine Ziele ehrgeizig verfolgt. Wenn er mit dem Team Wenger den Titel holen will, wird er alles preisgeben. Aber wissen Sie: Das ist mir egal. Meine Devise ist: Ich muss genug stark sein, um jeden Gegner zu nehmen, der mir zugeteilt wird.

Erstellt: 31.08.2011, 14:31 Uhr

Zur Person

Als der Journalist anruft, um die verspätete Ankunft mitzuteilen, sagt Arnold «Nöldi» Forrer: «Lass dir Zeit, ich mache gerade eine Trainingseinheit auf dem Velo.» Er scheint geahnt zu haben, dass seine Gäste nicht zur vereinbarten Zeit eintreffen würden. Weil sein Haus im toggenburgischen Stein schwer zu finden sei, passiere dies fast immer, meint Forrer.

Im Gespräch wirkt der 102-fache Kranzgewinner und Sieger von 35 Kranzfesten umgänglich und aufgeschlossen. Er rückte vor zehn Jahren mit dem Triumph am «Eidgenössischen» in Nyon ins Rampenlicht, als ihm ein gestellter Schlussgang mit seinem ewigen Rivalen Jörg Abderhalden zum Königstitel reichte.

Forrer ist 32-jährig und arbeitet als Käser. Nach dem «Eidgenössischen» 2013 in Burgdorf will er seine Karriere beenden. (phr)

Einschätzung von Niklaus Gasser

Niklaus Gasser (Belp) triumphierte 1987 als letzter Berner am Unspunnen-Schwinget. Der 50-Jährige beurteilt die Berner Konkurrenten vor dem Saisonhöhepunkt.

«Nöldi Forrer ist für die Berner Equipe der gefährlichste Gegner. Forrer wirkt enorm kräftig und robust. Er ist eine Kämpfernatur, die nie aufgibt, selbst dann nicht, wenn alles gegen sie spricht. Der Leader der Nordostschweizer hat die Qualitäten, um jeden Gegner zu bezwingen. Er kämpft mit einfacher Technik, seine besten Schwünge sind der Kurz, Gammen und Lätz. Im Sägemehl ist Forrer ein Draufgänger. Er agiert mit viel Risiko, meist wendet er die Alles-oder-nichts-Taktik an. Forrer zählt seit vielen Jahren an jedem Fest zu den Favoriten. Langsam aber sicher spürt er jedoch die körperlichen Abnutzungserscheinungen. Oft plagt er sich mit kleinen Verletzungen herum, das war auch diese Saison der Fall. Dass der Unspunnen-Sieger nur an einem Tag und in sechs Gängen ermittelt wird, kommt ihm sicher entgegen.» (Aufgezeichnet: phr)

Arnold «Nöldi» Forrer (194 cm/118 kg) gewann heuer drei Kranzfeste.

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