«Ich bin eben der Stucki – ein Riesentier»

Christian Stucki steht seit Wochen im Rampenlicht – nicht nur, weil er als Aspirant auf den Titel des Schwingerkönigs gilt. Der 25-Jährige spricht im Interview über seine Gegner, Roger Federer, den Rummel und sein Gewicht.

Will König werden: Christian Stucki, hier am Schwarzsee Schwingen im Juni.

Will König werden: Christian Stucki, hier am Schwarzsee Schwingen im Juni.

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Sind Sie am Dreikönigstag bereits oft König geworden?
Christian Stucki: Einige Male mit Sicherheit – es war jeweils ein ausgeglichenes Rennen zwischen meiner Schwester, dem Vater und mir.

Und wer wird am Sonntag in Frauenfeld König?
Das Feld ist enorm breit, viele können sich den Titel holen. Ich denke dabei an Matthias Sempach und Philipp Laimbacher. Auch Kilian Wenger hat die Fähigkeiten dazu. Bei Arnold Forrer weiss ich nicht, ob er fit ist – bei Jörg Abderhalden dasselbe. Wenn die beiden zwei gute Tage haben, sind sie nicht zu unterschätzen. Auch der Nordwestschweizer Christoph Bieri hat bisher stark geschwungen.

Sie haben bei der Aufzählung Christian Stucki vergessen ...
... ich erwähne mich selbst sehr selten. Ich weiss, um was es in Frauenfeld geht – deshalb muss ich mich nicht in den Himmel heben.

Wie sind Sie mit Ihrer bisherigen Saison zufrieden?
Sie war nicht schlecht, aber auch nicht überzeugend. Beim Seeländischen oder am Schwarzsee habe ich gezeigt, dass ich gar nicht so schlecht «zwäg» bin, wie viele behaupten. Und die Schwägalp war noch nie mein Lieblingsfest. Ich bin zuversichtlich.

Vor zwei Wochen sagten Sie nach dem Schwägalp-Fest, sie seien noch nicht in Topform. War dies ein Bluff oder die Wahrheit?
Man soll die Karten nicht immer offen auf den Tisch legen. Nur so viel: Ich habe gut trainiert und kann mit Selbstvertrauen ans Eidgenössische.

Wäre ein zweiter Platz in Frauenfeld für Sie eine Enttäuschung?
Klar wäre es schade, aber an solch einem Fest muss alles stimmen. Ein zweiter Platz an einem Eidgenössischen wäre sicher gut – aber natürlich nicht so schön wie der Königstitel. Verpasse ich ihn, geht allerdings keine Welt unter.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Schwingerkönig Jörg Abderhalden?
Ich kenne ihn sehr schlecht, privat schon gar nicht. Das Toggenburg ist auch etwas weiter weg von Schnottwil (lacht). Wir sind nicht die dicksten Freunde.

Am Samstag kommt es gleich im Anschwingen zum Duell Abderhalden gegen Stucki ...
... ich weiss ... ... und mit welcher Taktik werden Sie antreten?
Ich bin gut vorbereitet. Aber in erster Linie geht es darum, nicht gleich auf den Rücken zu fliegen.

Sie waren in den letzten Wochen in den Medien stark präsent. Hat sich dadurch Ihr Umgang mit Aussenstehenden verändert?
Ich denke nicht. Ich bin gegenüber den Medien recht offen – ansonsten hätte ich Ihnen einen Tag vor der Abreise nach Frauenfeld wohl kaum dieses Interview gewährt (lacht). Ich versuche, so viel wie möglich zu machen. Es ist schliesslich auch für den Sport, für das Schwingen. Mittlerweile kennt mich die halbe Schweiz, ich werde von vielen Leuten angesprochen. Aber ich verhalte mich normal, grüsse und bin stets bereit für ein kurzes Gespräch. Das ist kein Problem.

Das «Eidgenössische» ist zurzeit in aller Munde. Es wird rege diskutiert, wieso wer Schwingerkönig wird. Nerven Sie diese Debatten?
Ich bin natürlich auch nicht jeden Tag gleich gut gelaunt. Aber es ist erträglich. Ich bin kein Roger Federer – geht er auf die Strasse, entsteht sofort eine Massenansammlung. So ist es bei mir nicht. Und zudem ist das Ganze in einigen Tagen vorbei, dann wird es wieder ruhiger.

Sie lassen sich auch kurz vor den Kämpfen kaum aus der Ruhe bringen. Während sich andere zurückziehen, gibt Christian Stucki vor den Gängen Autogramme.
Ein Autogramm ist nie ein Problem, ausser wenn ich schon halb im Sägemehlring stehe. Ich brauche das vor den Gängen, brauche die Gespräche mit anderen Leuten. Es ist ein etwas anderer Weg der Konzentration.

Was bringt Ihnen die Zusammenarbeit mit Konditionstrainer Fabian Lüthy?
Viel Freude, gute Trainings, mehr Power.

Trainieren Sie im Vergleich zum Vorjahr nun weniger, aber gezielter?
(Lacht) Ich würde sagen, mehr und gezielter. Es wird sich zeigen, ob es etwas genützt hat.

Vor acht Monaten waren Sie in Japan beim Sumo-Ringen. Hat Ihnen diese Aktion neben dem PR-Effekt etwas genutzt?
Sportlich lassen sich kaum Parallelen zum Schwingen ziehen. Aber zu Beginn blickten wir auf die Sumo-Ringer, wie sie aufeinander losgingen. Dann dort in den Ring zu steigen und hinzustehen, das hat Überwindung gekostet. Diese Art, dem Zweikampf gegenüberzutreten, war eine wichtige Erfahrung. Ich würde es wieder machen, allein nur, um die Stadt Tokio zu erleben.

Die Bilder von Ihnen samt Sumo-Gürtel stiessen bei der Schwingerzunft auf wenig Gegenliebe.
Ich mache, was ich will – und nicht, was andere als gut empfinden. Ich war dort und hatte Spass, das zählt. Manchmal spricht aus den Leuten auch etwas Neid.

2004 wurden Sie als 19-Jähriger beim Schwingfest in Luzern zum Publikumsliebling. 2010 wollen alle «den Stucki am Boden sehen», wie Sie kürzlich erklärten. Wieso diese Wandlung?
Ich bin eben der Stucki – ein Riesentier. Optisch erinnern meine Kämpfe deshalb an David gegen Goliath – und die Leute helfen oft dem Kleineren. In Luzern war ich der junge, freche Emporkömmling, der Stefan Fausch ins Sägemehl drückte und Arnold Forrer beinahe umspitzte. Das war für die Leute ein Highlight. Mittlerweile bin ich der Gejagte, nicht mehr der Jäger. Kilian Wenger ist heute beliebt, 19-jährig – wenn er 25 ist und zahlreiche Feste gewonnen hat, könnte es ihm ähnlich ergehen. Die grosse Ausnahmeerscheinung ist Hans-Peter Pellet: Seit ich schwinge, war und ist er immer der Publikumsliebling.

Was entgegnen Sie jenen, die sagen, der Stucki entspräche nicht dem Idealbild des Spitzensportlers und eines Schwingerkönigs?
Ich bin, wie ich bin. Ich muss niemandem entsprechen, ich bin der Stucki, und der ist so schwer, wie er ist. Das kann man nicht okay finden, das könnte man ändern, aber ich fühle mich so wohl, wie ich bin. Wenn ich dann nicht mehr schwinge, wäre es aber sicher besser, wenn ich das Gewicht etwas reduzieren könnte.

Früher war Ihr Gewicht für Sie ein Segen, ist es jetzt eher ein Fluch?
Jein. Für den Gegner ist es sehr schwer, mich überhaupt zu bewegen. Und gegen die kleineren Schwinger hatte ich schon früher Mühe gehabt. Ich brauche vielleicht etwas mehr Puste als andere, aber das geht schon.

Sie wurden unlängst im Rahmen der Doku-Serie «Die Bösen» im Schweizer Fernsehen begleitet und entsprechend noch populärer. Sind Sie zufrieden mit dem Bild, welches via Medien von Ihnen vermittelt wird?
Ich fand gerade diese Doku-Serie sehr authentisch. Du kommst bei den Leuten besser an, wenn du natürlich bist. Ich habe jedenfalls mehrheitlich positive Rückmeldungen erhalten.

Man sah Sie in Sumo-Montur, beim Surfen, beim Essen. Viele Sportler schwören auf Privatsphäre, Sie anscheinend nicht.
Ich habe mein Zuhause, dort bin ich ungestört. Es ist ja nicht so, dass mir überall Groupies auflauern würden. Hätte ich eine eigene Familie, wäre mir das Privatleben wichtiger. Aber mir ist es egal, dass mein Leben im Moment eine Art Reality-Soap ist.

Wird oder ist Christian Stucki der Schwingerstar, der keiner sein will?
Manchmal geniesse ich die Auftritte in den Medien, manchmal möchte ich ein gewöhnlicher Schweizer Bürger sein, der anonym bleiben kann. Durch den gestiegenen Bekanntheitsgrad gingen manche Türen auf, andere haben sich geschlossen.

Das Detailhandelsunternehmen Lidl ist Ihr Hauptsponsor – vermarktet werden Sie von der Firma IMG. Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Geld spielt mir keine grosse Rolle. Ich war bei IMG acht Monate unter Vertrag und hatte noch nicht einmal meine Kontodaten angegeben. Dies zeigt, dass die Bedeutung für mich nicht so hoch ist. Ich schwinge aus Freude, nicht wegen des Geldes.

Als Schwingerkönig würden Ihnen weitere Sponsoring-Türen geöffnet. Wäre es für Sie eine Option, in Zukunft allenfalls als Halbprofi tätig zu sein?
Das möchte ich nicht. Jeder andere muss schliesslich auch arbeiten. Ich arbeite gerne. Mein Pensum beträgt 80 Prozent, von den Stunden her ist es mehr, aber das ist kein Problem, weil mein Arbeitgeber sehr flexibel ist. Sie sind erst 25-jährig. Welche Träume hat Christian Stucki?
Ich möchte auf das Eidgenössische 2013 in Burgdorf hinarbeiten und im Hornussen mit Bern-Beundenfeld nochmals Schweizer Meister werden. Privat ist es mein Ziel, einmal eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen. Aber das kann noch warten, vorerst möchte ich noch schwingen – und die Weltkugel erkunden.

Erstellt: 20.08.2010, 18:57 Uhr

Christian Stucki schielt zur Krone: «Ich habe gut trainiert und kann mit Selbstvertrauen ans Eidgenössische gehen.» (Bild: Andreas Blatter)

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Zur Person

Der 25-jährige Schnottwiler gehört zu den imposantesten Erscheinungen im Schwingsport. Christian Stucki ist 1,98 Meter gross und rund 150 Kilogramm schwer. Er arbeitet als Chauffeur im 80-Prozent-Pensum. Bei den letzten zwei «Eidgenössischen» war der 60-fache Kranzgewinner als bester Berner klassiert. 2010 gewann er das «Seeländische» und den Schwarzsee-Schwinget. Er gilt neben Matthias Sempach als aussichtsreichster Berner Schwingerkönigsanwärter.

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