«Ich glaube an harte Arbeit»

Haile Gebrselassie ist nicht nur der beste Läufer der Geschichte, er ist in Äthiopien mittlerweile auch einer der grössten Arbeitgeber. Heute startet er am GP in Bern.

«Ich stehe um fünf Uhr auf, gehe trainieren, laufe bis acht und gehe dann ins Büro»: Haile Gebrselassie an einer Pressekonferenz in Wien. (12. April 2013)

«Ich stehe um fünf Uhr auf, gehe trainieren, laufe bis acht und gehe dann ins Büro»: Haile Gebrselassie an einer Pressekonferenz in Wien. (12. April 2013) Bild: Keystone

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Wenn Sie sich jemandem vorstellen: Sagen Sie, Sie seien Sportler oder Geschäftsmann?
Ich bin immer noch Athlet, ich stelle mich nie als Geschäftsmann vor – noch nicht (lacht). Ich bin seit 26 Jahren Läufer, aber erst seit etwa 15 Jahren Unternehmer. Meinen ersten Lauf absolvierte ich als 14-Jähriger in der Schule. Als Geschäftsmann fing ich klein an, erst vor gut 5 Jahren wurde es wirklich ernst.

Wir haben von zwei Hotels, zwei Kinos, einem Fitnesscenter und mehreren Schulen gehört, die Sie aufgebaut haben und besitzen.
Ja, das Unternehmen von meiner Frau und mir wächst stark. Wir haben etwa 1000 Angestellte, aber Äthiopien kann man nicht mit der Schweiz vergleichen. 100 Leute in der Schweiz kosten viel, die Löhne bei uns sind sehr viel tiefer.

In was investieren Sie aktuell?
In eine Kaffeeplantage. Allein für das Bepflanzen brauchten wir 400 neue Angestellte. Die Plantage ist riesig, 1500 Hektaren, 5 Kilometer lang und 3 breit.

Wie vereinen Sie Sport, Geschäft und Familie miteinander?
Ich stehe um fünf oder halb sechs Uhr auf, gehe trainieren, laufe bis acht, halb neun Uhr, ab neun Uhr bin ich im Büro. Um fünf Uhr gehe ich ins Fitnesscenter, das sich zuunterst in unserem Geschäftshaus in Addis Abeba befindet.

Profisportler behaupten immer, der Unterschied zwischen einem Profi und einem Amateur sei die Zeit, die man zur Regeneration zur Verfügung habe. Sind Sie heute wieder so etwas wie ein Amateur?
Ja, früher nahm ich mir die Zeit zum Ausruhen, heute habe ich sie nicht mehr. Wenn ich hart trainiert habe, komme ich manchmal ins Büro, lege die Füsse auf den Tisch und schlafe 20 Minuten. Das sage ich der Sekretärin auch, damit sie mich in Ruhe lässt. Bei mir gehen die Angestellten ein und aus oder rufen an, wollen reden, diskutieren, erzählen von ihren Problemen, Entscheide müssen gefällt werden. Aber wenn Sie Manager sind, dann sind Sie auch für alles verantwortlich. Aber meine Frau unterstützt mich, vor allem, wenn ich nicht da bin. Wir haben zusammen angefangen, deshalb ist auch sie über alles im Bild.

Als Athlet haben Sie die Welt bereist, haben sich einen Teil der westlichen Kultur angeeignet und versuchen nun, in Ihrem Land etwas zu bewegen. Wie schwierig ist das?
Ich machte mir viele Gedanken darüber, was ich verändern könnte. Aber schauen Sie sich die Infrastruktur, die Ökonomie an, die Sie hier in der Schweiz haben. Nur schon kleine Veränderungen brauchen bei uns Jahre. Es ist nicht einfach, Äthiopien hat so viele Probleme, die lassen sich nicht einfach in kurzer Zeit lösen. Wichtig wäre vor allem, die Mentalität der Leute ein wenig zu ändern, dazu kann ich meinen Teil beitragen.

Wie?
Ich glaube an harte Arbeit, die Leute müssen lernen zu arbeiten. Wenn die Leute bei mir anfangen, sind sie oft langsam, kommen zu spät, beklagen sich darüber, dass es zu viel sei. Ich sage ihnen einfach, sie sollen die Arbeit erledigen. Nach einiger Zeit gewöhnen sie sich an die Bedingungen und arbeiten gut.

Wie kamen Sie als 25-Jähriger auf die Idee, das mit Rennen verdiente Geld so zu investieren, dass Ihre Landsleute davon profitieren?
Europäische und amerikanische Athleten kommen nicht auf diese Idee, weil ihre Länder entwickelt sind. Ich sorgte mich immer ums Land. Du hast zwei Möglichkeiten: Du verlässt es und lebst im Ausland. Oder du versuchst, etwas zu ändern, und lebst weiterhin dort, das probiere ich. Ich will nirgends sonst leben. Mittlerweile gibt es viele Athleten in Äthiopien, die ihr Geld ebenfalls investieren, um das Land vorwärtszubringen, ähnlich, wie ich angefangen habe.

Sie selber rannten noch zur Schule, 10 Kilometer hin, 10 zurück. Ihre eigenen Kinder laufen nicht mehr zur Schule ...
... nein.

Glauben Sie, dass Ihre Kinder ein besseres Leben haben als Sie?
Ja, heute werden sie im Auto gefahren. Keine Frage, sie haben ein besseres Leben. Das betrifft nicht nur meine Kinder. Auf dem Land wurden viele Schulen gebaut, die Wege sind nicht mehr so weit.

Lassen Sie uns über Ihre Karriere sprechen. 2008 liefen Sie den letzten Ihrer 26 Weltrekorde. Haben Sie noch einen in den Beinen?
Vielleicht Masters-Weltrekorde (40- bis 44-Jährige, Anm. der Red.). Ich bin jetzt 40. Ich versuche herauszufinden, wie schnell ich noch sein kann.

Sie sprechen von den Masters. Heisst das: Sie haben Ihren Höhepunkt als Läufer überschritten und akzeptieren das?
Nein! Das akzeptiere ich nicht, ich fühle mich noch immer, als ob ich in den Zwanzigern wäre. Das Alter ist nur eine Zahl. Es hängt davon ab, was du deinem Kopf sagst. Es kommt nicht darauf an, was der Körper sagt.

Und trotzdem haben Sie immer ein Lächeln auf den Lippen.
Sport macht glücklich. Aber glauben Sie nicht, dass Haile ohne Probleme läuft. Ich habe ständig Probleme. Schmerzfrei? Das gibt es vielleicht einmal pro Jahr. Die Natur gibt dir einen Körper, um zu gehen, nicht um zu laufen. Wenn du ein Problem hast, musst du dieses akzeptieren.

Was bedeutet es für Sie zu siegen?
Siegen ist alles für mich (er strahlt).

Was ist das für ein Gefühl?
Schwierig zu beschreiben. Haben Sie in der Schule oder sonst wo je ein Rennen gewonnen?

Wir erreichten gute Resultate, aber keine Siege ...
Ach ... (denkt nach) Also: Wenn ein Club, von dem Sie Fan sind, gewinnt – wie fühlen Sie sich dann?

Gut!
Mehr als nur gut! Und wenn Sie selber siegen, dann ist das Gefühl noch zehnmal besser.

Welches war Ihr emotionalster Sieg?
1995 der Weltrekord über 5000 m in Zürich. Eineinhalb Monate vorher entriss mir Moses Kiptanui den Weltrekord in Rom, ich war sehr verärgert, ich wollte mich rächen. Das Wetter war super, und in Zürich kann man nicht langsam laufen. Das Publikum macht einen verrückt. Es war ein verblüffender Weltrekord, ich war 11 Sekunden schneller.

Wo erleben Sie heute solch intensive Gefühle? Gibt die Geschäftstätigkeit Ihnen auch etwas fürs Herz?
Der Wettstreit in der Geschäftswelt ist derselbe wie im Sport. Du willst auch dort gewinnen. Ein neuer Vertrag, das ist wie ein Sieg in einem Lauf.

Was war für Sie über all die Jahre entscheidend, um sich sportlich dermassen zu behaupten?
Ein Athlet braucht Disziplin, Hingabe und harte Arbeit. Ohne Disziplin haben die Leute keine Hingabe, kein Ziel. Und ohne Ziel ist die harte Arbeit nicht möglich. Und wenn Sie ein Ziel haben, aber nicht diszipliniert sind, ist dieses unerreichbar. Meine drei Grundpfeiler gelten nicht nur für Sportler, sondern für jedermann.

2010 gaben Sie beim New York Marathon auf, erklärten umgehend Ihren Rücktritt und kamen auf den Entscheid bald zurück. Realisierten Sie damals, dass Sie nicht mehr jedes Rennen gewinnen können?
Vielleicht ja. Obwohl ich nicht verlieren will. Als Sportler sagst du dir stets: Es ist möglich, alles zu gewinnen. Aber es war eine neue Situation, eine schwierige. Man muss auch sehen: Kein Athlet kann mit einem Sieg aufhören. Solange du gewinnst, läufst du weiter.

Sie werden wahrscheinlich immer weiterlaufen, weil Sie es so lieben.
Natürlich, was soll ich sonst tun? Darum bestreite ich immer noch Wettkämpfe! Warum studieren Studenten? Weil sie Prüfungen bestehen wollen. Warum trainiere ich hart? Weil ich in Bern einen Wettkampf bestreite. Manchmal sehen mich die Leute im Fitnesscenter, wenn ich auf dem Laufband sehr, sehr schnell laufe. Sie rufen: «Hey, warum läufst du so schnell, das ist doch verrückt?» «Ich muss einfach», sage ich ihnen.

In Äthiopien sind Sie ein Held. Geniessen Sie diese Rolle?
Ich flog mit Ethiopian Airlines nach Frankfurt. Da kam sogar der Captain und wollte ein Foto mit mir. Das ist okay, so mache ich ein Stück weit auch meine Gewinne. Wohl schon jede Kamera in Äthiopien hat ein Bild von mir gemacht. Aber manchmal wird es schon zu viel. Etwa wenn ich mit meiner Frau und den Kindern essen gehe. Sie wollen darum oft gar nicht mehr mitkommen. Aber ich will zu allen freundlich sein.

Bereuen Sie eine Entscheidung in Ihrer Karriere?
Viele Leute sagen, es sei ein Fehler gewesen, 2008 auf den Olympia-Marathon in Peking zu verzichten (wegen der Luftverschmutzung, Anm. der Red.). Ich sehe das nicht so. Ich bereue einzig, dass ich nie zu einem Olympia-Marathon starten konnte (2012 verpasste er die Qualifikation für London). Ich war ja im Vorfeld der Spiele in Peking und musste feststellen, dass die Luftverschmutzung zu stark war für mich. Im Rennen war es dann viel besser – weil wir Athleten die Organisatoren unter Druck gesetzt hatten. Der Klimawandel ist heute überhaupt ein grosses Thema. Länder wie China oder die USA müssen da vorsichtig sein. Merken die das denn nicht? Die ganze Welt ist in Schwierigkeiten. Wir in Äthiopien leiden sehr darunter, wir haben Dürren in einem Landesteil und Fluten in einem anderen. Als ich diesmal in Europa landete, hörte ich: Moskau, 28 Grad. Das geht doch nicht um diese Jahreszeit. In der Schweiz spüren Sie das vielleicht nicht so stark, weil ein gemässigteres Klima herrscht. Aber haben Sie dafür eine Garantie? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2013, 00:07 Uhr

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Der 40-Jährige hat in seiner Laufkarriere alles erreicht: 1996 und 2000 wurde er Olympiasieger über 10'000 m, er ist vielfacher Weltmeister und verbesserte 26 Weltrekorde, zwei davon in Zürich (1995, 97). In seiner langen Liste der Erfolge fehlt nur der Olympiasieg im Marathon. Gebrselassie, der vom holländischen Athletenmanager Jos Hermens vertreten wird, lebt mit seiner Frau Alema und vier Kindern in Addis Abeba. Dort befindet sich auch der Sitz seiner Firma, die rund 1000 Menschen beschäftigt. Er investierte das Geld, das er mit seinen Siegen verdiente, in Hotels, Kinos, Schulen und unlängst auch in eine Kaffeeplantage. (mos)

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