«Ich kann Klitschkos ethisch-moralische Bedenken nicht verstehen»

Der deutsche Box-Experte und Journalist Bertram Job über die Zukunft der Klitschkos, den Kampf am Samstag und die Krise im Schwergewicht.

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Bertram Job, Wladimir Klitschko hat am Samstag deutlich nach Punkten gewonnen. Geht der Sieg in Ordnung?
Ja, aber ich habe ihn nicht ganz so deutlich vorne gesehen. Nach Runden würde ich den Kampf 8:4 für Klitschko werten. David Haye hat letztlich zu wenig gezeigt. Ich habe ihn wesentlich offensiver erwartet. Aber Klitschko hat taktisch klug geboxt und ihm immer den Weg abgeschnitten, damit er sich gar nicht erst entfalten konnte.

Hat Sie der Kampf überzeugt?
Gemessen an den Erwartungen, die im Vorfeld geschürt wurden, war ich sehr enttäuscht. Beide umtänzelten sich und liessen sich nicht aus der Defensive locken – das war für Taktik-Fans bis zu einem gewissen Grad interessant. Im Fussball würde man wohl von einem interessanten 0:0 sprechen. Mich hat auch überrascht, dass der Kampf angesichts von Hayes Pöbel-Vorgeschichte so nüchtern war. Man sah im Ring unglaublich wenig Emotionen.

Haye nannte am Sonntag einen gebrochenen Zeh als einen Grund für die Niederlage, was aber keine Entschuldigung sein soll.
Seine Aussage ist ja schon ein Widerspruch in sich. Ich habe die Fotos der rechten kleinen Zehe gesehen, die Verletzung ist nicht aus der Luft gegriffen. In so einem Fall hat er aber nur zwei Möglichkeiten: Er tritt trotzdem an, aber spricht dann nicht über die Verletzung. Oder er verschiebt den Kampf. Letzteres war für Haye aber keine Option mehr, weil das Mass voll war – er liess schon zweimal Termine gegen die Klitschkos platzen. Bei der dritten Absage hätte es definitiv geheissen, er flüchte vor den Klitschkos.

Was halten Sie von Hayes Provokationen im Vorfeld?
Boxen ist auch Show, das gehört dazu. Haye ist im Privatleben ein anderer Typ. Er hat mit seinen Provokationen die ganze Öffentlichkeitsarbeit für den Kampf übernommen. Deshalb habe ich auch Wladimirs ethisch-moralische Bedenken nicht verstanden.

Haye wollte nach eigenen Aussagen das Schwergewicht «von diesen Langweilern» befreien. Den Klitschkos und speziell Wladimir wird von Kritikern immer wieder vorgeworfen, zu unspektakulär und monoton zu boxen.
Das kann man ihnen nur zum Teil vorwerfen, denn die Qualität im Schwergewicht ist seit Jahren erschreckend schwach. George Foreman oder Joe Frazier wurden beispielsweise durch gute Gegner geprägt, die ihre Karrieren definierten. Den Klitschkos hingegen fehlt es schlicht an passablen Herausforderern, die ihnen alles abverlangen. Darunter leiden ihre Kämpfe. Und dann tun sie im Ring manchmal auch oft nur das Nötigste. Wladimir bringt keine grossen Varianten in Kombinationen und Schlägen.

Wenn Wladimir so berechenbar boxt, weshalb ist der dann so schwer zu knacken?
Wladimir hat ein ausgezeichnetes Distanzgefühl, er lässt nur wenige Attacken zu. Und er versteht es, einen Kampf allein mit seiner Führungshand zu dominieren. Über seine Reichweite hiess es mal, er könne seine Gegner schon treffen, wenn die noch auf ihrem Schemel in der gegenüberliegenden Ecke sitzen. Das bringt es ganz gut auf den Punkt.

Ist das Schwergewicht heute auch stärker geprägt von Taktik?
Ja. Trainer perfektionieren das Defensivverhalten ihrer Boxer. Weil Kämpfe dann oft länger dauern, spielt auch die Kondition eine grössere Rolle. Zudem wird noch stärker auf die Physis geachtet. 190 cm Körpergrösse und mehr als 100 kg Gewicht sind inzwischen Mindestanforderungen. Haye ist mit seinen 96,5 kg im Schwergewicht zu leicht. Deshalb konnten seine wenigen Schläge Wladimir auch nicht erschüttern.

Die Klitschkos besitzen nun alle WM-Gürtel. Stehen sie nun in der Box-Historie auf einer Stufe mit Ali, Foreman oder Tyson?
Zumindest in einigen Jahren wird man sie als Legenden betrachten, die nach dem Rücktritt von Lennox Lewis eine Ära dominierten. Sie müssen sich auch nicht immer dafür entschuldigen, dass sie keine besseren Gegner vor die Fäuste bekamen. Die Klitschkos haben allen eine Chance gegeben und sich auch den gefährlichen Gegnern gestellt. Das muss man würdigen. Mit ihren seriösen, überlegten Auftritten haben sie auch viel fürs Image des Boxsports getan. Wir haben es nicht mit Boxern zu tun, die ständig ausrasten und mit Gefängnisaufenthalten für Schlagzeilen sorgen. Die Klitschkos sind intelligente, erwachsene Menschen.

Wie geht es mit den Klitschkos weiter?
Bis auf weiteres sehe ich weit und breit keinen Boxer, der ihnen gefährlich werden kann. Es finden bereits wieder Qualifikationskämpfe um das Herausforderungsrecht statt - mit Gegnern wie Eddie Chambers oder Tony Thompson. Die Klitschkos haben beide bereits geschlagen! Diese Kämpfe wollen wir nicht noch einmal sehen.

Also sind nach David Haye in absehbarer Zeit keine ernst zu nehmenden Gegner in Sicht?
Kurzfristig sehe ich nur Europameister Alexander Dimitrenko als reizvollen Gegner. Und Odlanier Solis, der sich im März gegen Vitali in Runde 1 verletzte, hätte einen guten Kampf geboten. Für die Zukunft gibt es ein paar Hoffnungsträger, einer ist zum Beispiel Robert Helenius. Er wird aber erst in ein, zwei Jahren soweit sein. Mein Geheimtipp ist Mike Perez. Der in Irland trainierende Kubaner hat eine sehr gute K.o.-Quote. Aber da reden wir über Zukunftsmusik. Zumindest Vitali wird dann wohl bereits im Ruhestand sein.

Das Schwergewicht, die Königsklasse des Boxens, hat in den letzten Jahren viel an Prestige eingebüsst. Weshalb?
Darin widerspiegelt sich vor allem die Krise des Boxsports in den USA. Kämpfer aus den Staaten dominierten einst diese Gewichtsklasse. Doch es fehlt der Nachwuchs.

Weshalb?
Heute wollen sich immer weniger Jugendliche auf den harten und schmerzhaften Sport einlassen. Talentierte Leute können im Basketball oder anderen US-Sportarten schnell passabel Geld verdienen. Boxen hingegen ist ein steiniger und schwieriger Weg. Nur wenige werden am Ende belohnt. Dann kommt hinzu, dass eine Generation von US-Boxtrainern aufgehört hat und keine nachkommen, die Profiboxen lernen. Wir können froh sein, dass mit dem Mauerfall neue Märkte erschlossen wurden und Kämpfer aus der Sowjetunion nachrückten. Sonst wäre das Schwergewicht zu einer völlig erbärmlichen Veranstaltung geworden.

Gewinnen dadurch andere Gewichtsklassen an Bedeutung?
Ja, die Leute wollen vermehrt Kämpfe in unteren Gewichtsklassen sehen, zum Beispiel im Welter- und Supermittelgewicht. Die sind oft besser und auch schneller.

Erstellt: 04.07.2011, 12:51 Uhr

Umfrage

Wladimir Klitschko hat am Samstag gegen David Haye einstimmig nach Punkten gewonnen. Sind Sie mit dem Urteil einverstanden?

Ja, Klitschko ist der klare Sieger.

 
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Ja, aber das Punkturteil ist zu hoch.

 
34.1%

Nein, ich sah David Haye vorne.

 
7.2%

Es war ein Unentschieden.

 
8.0%

1423 Stimmen


Die Klitschkos haben allen eine Chance gegeben und sich auch den gefährlichen Gegnern gestellt: Box-Experte Bertram Job.

Bertram Job

Der deutsche Journalist und Autor Bertram Job (52) ist Autor des Standard-Werks «Boxen» (Feierabend-Verlag). Auf 400 Seiten mit 540 Abbildungen beleuchtet er die Geschichte des Sports, stellt Boxer vor und bietet eine Produktkunde über Handschuhe, Boxerstiefel etc.

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