«Ich mache Erfahrungen, für die andere Leute viel Geld bezahlen»

Der 21-jährige Schwingerkönig Kilian Wenger spricht vor dem Unspunnenfest über sein neues Leben als öffentliche Person. Und was dabei besonders schwierig ist.

«Ich will irgendwann eine Familie haben. Aber nicht heute und auch nicht morgen»: Kilian Wengers Blick in die Zukunft.

«Ich will irgendwann eine Familie haben. Aber nicht heute und auch nicht morgen»: Kilian Wengers Blick in die Zukunft. Bild: Markus Hubacher

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Herr Wenger, welche Eigenschaften muss ein guter Schwingerkönig haben?
Kilian Wenger: Grundsätzlich kommt ein Schwinger beim Volk sowieso gut an. Das Wichtigste ist, dass er er selbst bleibt. Dann spielt es keine Rolle, ob er eher ein Plauderi oder zurückhaltend ist. Bleibt er er selbst, akzeptiert ihn das Volk.

Sind Sie Sie selbst geblieben?
Absolut. Aber natürlich haben sich einige Dinge verändert.

Konkret?
Ich kann nicht mehr unerkannt durchs Bälliz gehen oder in einen Laden. Und ich muss vermehrt aufpassen, was ich sage.

Wie sieht es in Ihrem Innern aus?
Da bin ich immer noch derselbe.

Was hat Ihnen bei Ihrem «neuen» Leben zu Beginn am meisten Mühe bereitet?
Am schwierigsten war es, mit 20 Jahren von einem Tag auf den anderen eine öffentliche Person zu sein und alles können zu müssen – zum Beispiel Nein sagen.

Geht das jetzt besser?
Es gibt Leute, die mit einem Nein Mühe haben. Beispielsweise muss ich an einem Schwingfest nun öfters mit aufgesetztem Tunnelblick durch die Leute gehen, weil ich vor einem Gang schlicht nicht 15 Minuten lang Autogramme geben kann. Ich denke, die Zuschauer sollten dies akzeptieren, dennoch hiess es zuweilen, der Schwingerkönig gebe sich nicht sehr volksnah. Aber ich habe Prioritäten gesetzt: Das ist zum einen meine Lehre und zum anderen das Unspunnenfest. Wenn ich mich auf diese Sachen konzentrieren will, bleibt daneben nicht viel Platz.

Sie wirken im Umgang mit Medien gewandter als noch vor einem Jahr. Absolvierten Sie ein Medientraining?
Nein, nie. Es ist einem ja selber auch nicht recht, wenn man Interviews gibt und jeder Journalist einem die Würmer aus der Nase ziehen muss. Da sagt man besser mal ein bisschen mehr.

Wie ist es für Sie, vor einer Kamera zu stehen?
Das geht mittlerweile gut, wenn ein Beitrag aufgezeichnet wird. Am schlimmsten sind für mich Liveinterviews, bei denen Hunderte von Leuten zuschauen. Da bin ich schon sehr nervös.

Es gibt Journalisten, die Angst vor Ihnen haben.
Vor mir? Ist das wahr?

Ja, weil Sie so wenig sagen. Worüber sprechen Sie denn gerne?
Ich bin auch unter Kollegen eher der ruhige Typ. Ich bin keiner, der prahlt.

Was beschäftigt Sie?
In welcher Hinsicht?

Abseits des Sägemehls.
In den letzten zwölf Monaten habe ich mich voll mit der Schwingerei beschäftigt. Da gibt es keinen Platz für Hobbys. Aber für meine Zukunft ist das positiv. Ich lerne viel über Marketing und den Umgang mit Medien. Das sind Erfahrungen, für die andere Leute viel Geld bezahlen.

Dann gibt es keinen Kilian Wenger ausserhalb des Sägemehls.
Doch, im Herbst, wenn die Saison vorbei ist. Dann möchte ich vor allem geniessen.

Was?
Ich gehe mit Kollegen in die Ferien, in den Süden. Mehr verrate ich nicht.

Was bringt Sie aus der Balance?
In schwingerischer Hinsicht?

Generell.
Wenn ich etwas vergesse.

Wie beispielsweise ein Flugticket
(lacht) Genau, Sempach Matthias und ich hatten im Trainingslager auf Gran Canaria das Zimmer geteilt und die Rückflugtickets dort auf dem Nachttisch vergessen. Wir bemerkten es erst am Flughafen und telefonierten ins Hotel, aber die Putzfrau hatte die Tickets bereits weggeworfen. Da sind wir kurzzeitig ins Schwitzen geraten.

Sie leben mit den Schwingerkollegen Ruedi Roschi und Markus Isler in einer WG. Gibt es einen Ämtliplan?
Nein. Aber es klappt auch ohne ganz gut. Wenn wir alle daheim sind, meist samstags, putzen wir zwei Stunden. Wir sind alle zwanzig gewesen und wissen, was Sauberkeit ist.

Sie haben einmal zugegeben, eitel zu sein. Wie lange sind Sie vor diesem Termin vor dem Spiegel gestanden?
Nicht lange, ich habe kurzes Haar. Die Frisur sitzt bald einmal.

Und sonst?
Was halt so dazugehört.

Das wäre in Ihrem Fall?
Körperpflege allgemein, Eincremen auch, und Kleider.

Sie sind zum begehrten Werbeobjekt geworden. Wer entscheidet, welche Partnerschaften eingegangen werden?
Mein Manager Beni Knecht zeigt mir die Vor- und Nachteile eines Sponsors auf. Am Schluss entscheide ich, ob ich Botschafter einer Marke werden will.

Sie haben mit Jörg Abderhalden TV-Spots für die Migros gedreht. Konnte er wirklich alle Kerzen selber ausblasen?
Er hatte schon Hilfe, wurde mit einem Föhn unterstützt. Auf Youtube gibt es ein witziges «Making of» des Spots zu sehen.

Als Schwingerkönig erhalten Sie viele Einladungen. Welche Erlebnisse sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?
Dass ich an der Tour de Suisse in einem Direktionsfahrzeug mitfahren durfte. Die Weltcuprennen in Adelboden und Wengen als VIP zu verfolgen, dies war auch amüsant. Oder mit meinem Sponsor Adidas in Zermatt mit dem Helikopter auf den Gornergrat zu fliegen. Das war eines der schönsten Erlebnisse.

Und das Training beim Hockeyclub Davos...
...das war auch tipptopp! Dort hat es wirklich tolle Typen dabei. Ich wurde von HCD-Marketingchef Marc Gianola eingeladen. Er schrieb, wir seien ja beide Schweizer Meister, und fragte, ob wir nicht mal zusammen trainieren könnten (lacht).

Und wie wars?
Ich habe über das Leben der Profisportler gestaunt. Die kommen morgens um acht, trinken Kaffee und gehen auf den Hometrainer. Später beginnt das Training. Dann haben sie Sprungschule, am Nachmittag gehen sie aufs Bike und abends aufs Eis. Daran könnte ich mich auch gewöhnen.

Wäre das nicht einseitig?
Nicht, wenn man den typischen Instinkt des Sportlers hat – und den Willen zum Erfolg.

Was treibt Sie an: der Ruhm oder das Geld?
Der Wille, erfolgreich zu sein, sicher nicht das Geld.

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Tagesablauf aus?
Um Viertel nach sechs stehe ich auf, um sieben beginne ich mit der Arbeit, und abends gehe ich ins Training. Am Mittwochmorgen habe ich Schule. Der Mittwochnachmittag ist für Sponsoren und Medien reserviert.

Das klingt stressig.Wann gehen Sie denn abends schlafen?
Eben manchmal zu spät (schmunzelt). Aber mir genügen sechs Stunden Schlaf.

Warum macht einer, der sechsstellige Beträge verdient, trotzdem noch eine Lehre als Zimmermann?
Wenn ich etwas anfange, dann führe ich es auch zu Ende. Ausserdem gefällt mir die Lehre.

Es ist Ihre zweite Lehre. Warum lernen Sie Zimmermann?
Wenn man jung ist, muss man viel lernen und verschiedene Sachen ausprobieren. Mein jetziger Lehrmeister war mein Jungschwingerleiter. Als ich sagte, ich wolle nach der Metzgerlehre eine zweite Ausbildung machen, sagte er, bei ihm wäre ab August 2009 eine Stelle frei. Zum Entscheid beigetragen hat auch, dass ich noch etwas machen wollte, bei dem ich ein bisschen herumkomme. In der Metzgerlehre war ich stets am gleichen Ort.

Weshalb lernten Sie eigentlich Metzger?
In dieser Lehre habe ich meine wichtigste Lebenserfahrung gemacht. Ich hatte dort ein eigenes Zimmer, musste am Morgen früh aus dem Bett und musste täglich hart arbeiten.

Dies beantwortet die Frage aber noch nicht.
Ich ging schnuppern, hatte dort gute Meisterleute, und es gefiel mir sofort. Den Entscheid habe ich keine Sekunde bereut. Zudem esse ich sehr gerne (lacht). Als Metzger weiss man, woher das Fleisch kommt, versteht, was alles nötig ist, bis es auf dem Teller landet.

Können Sie es auch zubereiten?
Das ist nicht ganz ohne. Wir hatten zwar auch Kochkunde, aber das hat mich nicht gross interessiert.

Wie sehen Ihre beruflichen Pläne aus?
Im Juli 2012 schliesse ich meine Lehre ab. Von Juli bis November will ich die Lastwagenprüfung machen, das reizt mich sehr.

Und wie siehts mit einer eigenen Familie aus?
Ich will irgendwann einmal Familie haben. Aber nicht heute und auch nicht morgen.

Zu Ihrer nahen Zukunft: Sind Sie fürs Unspunnenfest bereit?
Ja! Ich hatte ein paar gute Trainings auf der Engstlenalp, wir waren auch auf einem Klettersteig. Ich bin weder besser noch schlechter «zwäg» als letztes Jahr. Ich warte nun auf den Tag X und hoffe, dass alles passen wird.

Hat Sie die im Frühling erlittene Daumenverletzung in Ihrer Vorbereitung behindert?
Überhaupt nicht. Ich war vor der Verletzung in sehr guter Form. Im Nachhinein betrachtet war die Verletzung aber vielleicht gar nicht so schlecht.

Weshalb?
Ich hätte zwei Schwingfeste mehr bestritten, zwei Feste mit noch mehr Rummel, noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Ablenkung.

2011 gibt es keinen überlegenen Schwinger. Welches sind Ihre stärksten Konkurrenten im Hinblick auf das Unspunnenfest?
Der Favoritenkreis ist sehr gross, die Spitze breit. Jeder Topschwinger kann an einem mittleren Schwinger scheitern. Die Topfavoriten sind für mich Sempach Matthias und Stucki Christian aus meinem Teilverband. Es gibt aber auch einen Forrer Arnold, einen Grab Martin...

...und einen Wenger Kilian.
(lacht) Ja, den gibt es auch. Ich hoffe, dass auch er um den Sieg mitschwingen kann.

Wie wichtig ist es, dass die Berner nicht nur auf Siegesanwärter, sondern auch auf ein breites Mittelfeld zählen können?
Am Unspunnen-Schwinget ist das etwas vom Wichtigsten, weil das Fest, anders als das «Eidgenössische», nur einen Tag dauert und man sich keinen Aussetzer leisten kann. Wir haben viele unbequeme Athleten für die Schwinger der anderen Teilverbände.

Die meisten erwarten fürs Anschwingen das Königsduell: Arnold Forrer gegen Kilian Wenger.
Ich würde es nicht verstehen, wenn es anders wäre.

Wie würden Sie gegen Forrer schwingen?
Sicher nicht kopflos. Er ist ein angriffiger Schwinger, ein Spektakel ist programmiert. Wir haben noch überhaupt nie zusammengegriffen, ich bin gespannt.

Gibt es im Schwingen eigentlich legale Tricks?
Eigentlich nicht. Aber ich versuche bei einem Kampf immer, als Erster in der Ringmitte zu stehen.

Jörg Abderhalden kennt «Nöldi» Forrer bestens – hat er Ihnen Tipps gegeben?
Nein, nicht unbedingt. Ich habe Videoanalysen studiert und ehemalige Schwinger befragt. Ich weiss, was auf mich zukommt.

Dass der dreifache Schwingerkönig Abderhalden künftig Ihre Trainingsgruppe unterstützt, hat in der Szene viele Reaktionen ausgelöst – auch negative. Waren Sie überrascht?
Ich hätte nicht erwartet, dass es so breit diskutiert wird. Aber wenn ich als junger Schwinger von einer Person profitieren kann, dann ist es von Jörg. Nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch in jenen Bereichen, die sich abseits des Schwingplatzes abspielen. Ich freue mich, mit ihm einige Trainings zu bestreiten.

Abderhalden war schon immer Ihr Idol, dann haben Sie ihn aufs Kreuz gelegt. Können Sie immer noch zu ihm aufschauen?
Auf jeden Fall. Natürlich war es speziell, den Dominator der letzten 10 Jahre zu besiegen. Jörg hat Unglaubliches erreicht – auch in seinem Beruf. Er wird für mich immer das Vorbild bleiben.

Erstellt: 29.08.2011, 11:53 Uhr

Unspunnenfest

Am kommenden Sonntag findet in Interlaken das Unspunnenfest statt. Es ist für die Schwinger in diesem Jahr der Saisonhöhepunkt. Kilian Wenger, amtierender Schwingerkönig, zählt zu den Topfavoriten. Das Unspunnenfest findet nur alle sechs Jahre statt.

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