«Ich warte auf den ersten Sieg. Er ist nahe»

Der Zürcher Golfprofi André Bossert gehört auf der Europatour der Senioren zu den Top 15. In Bad Ragaz will er diese Woche gewinnen.

«Dies ist ein Höhepunkt für mich»: André Bossert freut sich riesig auf das Heimspiel in Bad Ragaz.

«Dies ist ein Höhepunkt für mich»: André Bossert freut sich riesig auf das Heimspiel in Bad Ragaz. Bild: Keystone

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Während die meisten Sportler mit 50 ein Bäuchlein angesetzt haben und nostalgisch von früher schwärmen, hat für ­André Bossert in diesem Alter eine neue Karriere begonnen. Der bisher einzige Schweizer Turniersieger auf der obersten europäischen Golftour (1995 in ­Cannes) spielt seit 2014 auf der Europatour der Senioren. In seinem Rookiejahr 2014 sammelte der 51-Jährige aus Zollikerberg mit südafrikanischen Wurzeln über 90'000 Euro Preisgeld – das drittbeste Total seiner Karriere.

Was bedeutet Ihnen die neue ­Karriere auf der Seniorentour?
Viel, gerade angesichts meiner Verletzungsgeschichte (der Rücken, Red.). Ich sagte immer: Ich komme zurück, und dafür gab ich alles. Mit 45 musste ich einsehen, dass es nicht mehr für die Europatour reicht. Da entschloss ich mich, auf die ­Seniorentour zu warten. Hier bin ich nun, und es ist fantastisch – wie ich es mir erhofft hatte. Ich hatte eine gute erste Saison (13. im Gesamtklassement), kann mithalten und meine Karriere verlängern, nach der Enttäuschung mit der Verletzung.

Sind die Rückenprobleme, die Sie von 1997 bis 2000 von der Golftour fernhielten, verschwunden?
Ja. Dabei sagten damals alle, ich müsse aufhören, ich hätte keine Wahl. Doch ich suchte und suchte und liess mich am Schluss in England operieren, und die Operation gelang. Ich schaffte es zwar nicht mehr permanent zurück auf die Europatour, aber ich hatte doch einige Highlights seither, konnte 2005 das British Open in St. Andrews bestreiten und gewann ein Turnier der Challenge-Tour.

Sind die Unterschiede zwischen der Profi- und der Seniorentour gross?
Das Lustige ist: Viele der Spieler sind jetzt wieder die gleichen wie in den sechs Jahren, als ich auf der Tour war. Und alle sind noch sehr konkurrenzfähig und seriös, mit wenigen Ausnahmen. Auch Montgomerie, der einst ganz oben war, gibt immer noch alles, genau wie Woosnam. Und ich sah Larry Mize, einen früheren Masters-Sieger, so intensiv am Schwung arbeiten wie ein Junior. Die Atmosphäre ist allerdings etwas entspannter als früher. In Bad Ragaz etwa gibt es keine Absperrseile, die Zuschauer können mit uns laufen. Und die Spieler sind lockerer, zugänglicher.

Wie ist das sportliche Niveau?
Wir schlagen dank der neuen Techno­logie den Ball noch gleich weit wie früher – ausser jene, die über 60 sind. Aber ­natürlich schlägt die neue Generation den Ball viel weiter, das kann man nicht vergleichen. Früher gelangen mir 63er- und 64er-Runden. Da muss ich schauen, dass ich das noch schaffe, auch wenn es möglich sein sollte.

Wie gross ist der Aufwand, um mit 51 Leistungssport zu betreiben?
Ich bin immer noch Vollzeit dabei. Der Zeitaufwand ist sogar eher grösser geworden. Aber ich muss stärker darauf achten, dass mein Körper fit bleibt. Der Fokus beim Trainieren liegt mehr auf dem Physischen als auf der Technik. Zum Glück habe ich auch in diesem ­Bereich sehr gute Partner.

Was trauen Sie sich noch zu?
Ich merke, dass ich zu den Top 20 gehöre und einer von denen bin, die ­gewinnen können. Ich warte auf den ­ersten Sieg, das ist dieses Jahr das Ziel. Er ist nahe, ich hatte schon einige Chancen, und davon habe ich gelernt.

Ihr Fernziel ist die Qualifikation für die Champions Tour der USA. Wie können Sie dieses erreichen?
Ich muss an der Qualifying School Ende Jahr zu den Top 6 gehören, das ist der einzige Weg. Die Champions Tour ist eine ziemlich geschlossene Gesellschaft, die suchen keine Leute. Sie wollen ihre Champions präsentieren, die fünf oder mehr Turniere gewonnen haben. Für den Rest gibt es nur wenige Plätze. Letztes Jahr wurde ich Zwölfter, nach vier Runden fehlten vier Schläge. Dafür habe ich nun die Chance, jeweils am Montag Qualifikationen für einzelne Turniere zu bestreiten, da werden vier Plätze vergeben. Das habe ich zweimal gemacht, aber nicht geschafft. Ich werde es noch weitere zwei-, dreimal versuchen.

Das dürfte ins Geld gehen.
Sicher. Und auch der körperliche Einsatz ist hoch: Das Fliegen ist hart, mit dem Jetlag. Du kannst nicht am Wochenende in die USA reisen und am Dienstag wieder in Europa spielen.

Wie kommen Sie finanziell durch?
Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich immer noch gute Sponsoren habe. Ohne sie geht es nicht. Es bleibt schon etwas übrig, zumal ich letztes Jahr auch genug Preisgeld verdiente. Nun habe ich aber für sechs Wochen wieder einen Caddy dabei, das ist auch ziemlich teuer.

Was unterscheidet die Europatour von der Champions Tour?
In Europa haben wir nur noch etwa zehn Turniere mit je etwa 400'000 Euro Preisgeld. Dauernd wird reduziert, das ist unsere grösste Sorge; vor fünf Jahren gab es noch viel mehr Anlässe. In den USA gibt es über zwanzig Turniere mit 1,8 bis 3,5 Millionen Dollar Preisgeld. ­Allerdings kann man auch in Europa gut verdienen, wenn man zu den Top 10 gehört, und die Konkurrenz ist hier kleiner. Ich wäre in Europa sehr zufrieden, wenn wir zwanzig Turniere hätten. Aber zehn im Jahr sind für mich zu wenig.

Wie planen Sie längerfristig?
Ich denke, dass ich noch etwa zehn gute Jahre vor mir habe. Für mich ist es wichtig, dass ich in den nächsten vier Saisons auf die US-Tour komme, sonst wäre ich dort kaum mehr konkurrenzfähig.

Nun steht Bad Ragaz an. Dort wurden Sie 2014 bei der Premiere 32. Was bedeutet Ihnen dieses Turnier?
Dies ist ein Höhepunkt für mich. Ich spiele zu Hause, viele Verwandte und Bekannte sind da, auch meine Frau und meine achtjährige Tochter. Dafür erwarte ich viel von mir, aber damit muss ich ­zurechtkommen. Ich versuche, es entspannt anzugehen. Man darf hier nicht in die Bäume spielen und muss die Putts versenken, dann ist man vorne dabei.

Erstellt: 02.07.2015, 16:14 Uhr

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