«Ich werde Chrigu auch ein Müntschi geben»

Sein erstes Wort war «Muni», sein nächstes Ziel ist Argentinien. Am Tag nach seinem Triumph spricht Schwingerkönig Matthias Sempach in Alchenstorf über den riesigen Druck und die Gedanken vor dem Schlussgang.

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Woran haben Sie am Montagmorgen beim Aufwachen als Erstes gedacht?
Matthias Sempach: Dass ich noch zwei, drei Stunden länger schlafen möchte (schmunzelt). Die Nacht war mit drei Stunden Schlaf recht kurz gewesen. Nach dem Aufstehen schaute ich mir nochmals meine acht Gänge an.

Der erste Gedanke war also nicht: «Wow, ich bin Schwingerkönig»?
Nein. Ich merke erst seit dem Mittag (Montag, die Red.), was wirklich geschehen ist.

Wie viele Gratulationen haben Sie erhalten?
Unzählige SMS, viele Mails, und auf Facebook hat Matthias Sempach mittlerweile über 25'000 Likes – diese Zahl hat sich innerhalb von 24 Stunden verzehnfacht. Im Briefkasten lagen fünf nicht abgestempelte Briefe, im Dorf hängen überall Gratulationsplakate und -tücher. Es ist gewaltig.

Bei unserem letzten Besuch erklärten Sie, dass Sie im Wohnzimmer noch einen Esstisch gebrauchen könnten. Nun gab es am «Eidgenössischen» keinen Tisch, dafür den Siegermuni...
...ich bin trotzdem zufrieden (lacht). Irgendwann einmal werde ich mir sicher noch einen Esstisch erschwingen.

Werden Sie den Siegermuni behalten oder ihn gegen die rund 22'000 Franken eintauschen?
Der Entscheid steht noch aus, er fällt mir schwer. Es war ein sehr spezielles Fest, von A bis Z; ich hatte mir derart stark gewünscht, den Königstitel zu holen. Einen solchen Muni werde ich vielleicht nie mehr gewinnen.

Das Wort «Muni» hat für Sie sowieso eine spezielle Bedeutung.
Ja, es war das erste Wort, welches ich als Kind sagen konnte: «Munimuni». Kühe und Munis waren meine Leidenschaft. Nachdem meine Eltern mit dem Buure aufgehört hatten, wurde das Schwingen zur Leidenschaft – bis heute ist das so geblieben.

Sie bezeichnen den Gewinn des Königstitels als Bubentraum. Wann haben Sie erstmals vom Sieg an einem Eidgenössischen geträumt?
Als 8-Jähriger. Ich war danach ein angefressener Schwinger, nun habe ich mein Ziel erreicht. Das ist das höchste der Gefühle.

Und nach dem Triumph konnten Sie nicht nur die Ehrendamen küssen – Sie wurden auch von Christian Stucki geküsst.
Ich werde Chrigu auch einmal ein Müntschi geben. Im Ernst: Einen solch fairen Verlierer hat man selten gesehen. Wir verstehen uns sehr gut, die Duelle sind immer umkämpft. Am Kilchberg-Schwinget 2008 hatte er das bessere Ende für sich. Damals gratulierte ich, nun war es umgekehrt.

Nach dem Kampf reagierten Sie sehr emotional...
Auch nach dem Kilchberg-Schwinget weinte ich, damals aus Enttäuschung. Es schadet nicht – ich muss mich für meine Emotionen nicht schämen.

Was ging Ihnen vor dem Schlussgang durch den Kopf?
Ich hatte meine Emotionen stets im Griff, ging meinen Weg, den ich am Samstag eingeschlagen hatte. Ich wollte jederzeit fokussiert schwingen, keine Risiken eingehen. Im Verlauf des Gangs spürte ich, dass Stucki etwas die Energie fehlte, dass er zuvor die härteren Gänge absolviert hatte. Da wurde mir bewusst, dass ich auch einen Angriff riskieren könnte.

Nach dem siebten Gang lagen Sie mit 1,5 Punkten Vorsprung eigentlich uneinholbar in Führung. Dann kam der Entscheid, ausschwingen zu lassen. Dies bedeutete, dass Stucki Sie mit zwei Maximalnoten doch noch hätte vom Thron stossen können. War der Entscheid des Einteilungsgerichts vertretbar?
Ja, man musste ausschwingen. Solange die Möglichkeit besteht, dass vor dem Schlussgang mehr als ein Schwinger auch König werden kann, muss man diese nutzen. Das war für mich kein Problem.

Haben Sie sich mit Stucki vor dem Schlussgang unterhalten?
Nach dem fünften Gang merkten wir im Berner Lager, dass es wohl bald zu Berner Paarungen kommen könnte. Danach wurde weniger gesprochen, und man ging sich etwas aus dem Weg.

Sie erwähnten, Sie seien während des Fests wie in einer Röhre gewesen.
Mein Wohnort liegt unweit vom Festgelände, mein Oberarm ist auf dem Plakat des Festes zu sehen, ich wollte unbedingt in Burgdorf Schwingerkönig werden. All dies führte dazu, dass der Druck, der auf mir lastete, riesengross war. Ich wollte mich von nichts und niemandem ablenken lassen, stets konzentriert bleiben, weder links noch rechts und nie zu weit nach vorne schauen.

Hat es Sie einmal gestört, dass ausgerechnet Ihr Oberarm auf dem Werbeplakat zu sehen war?
Nein. Eigentlich bin ich kein Fan von Tätowierungen. Aber das Plakat mit meinem Arm und dem Logo des «Eidgenössischen» gefällt mir immer besser. Es könnte sein, dass ich mir diese Tätowierung tatsächlich einmal stechen lasse.

Kilian Wenger meinte scherzhaft, sein Oberarm sei kräftiger und grösser.
Das stimmt, sein Bizeps ist beeindruckender. Aber ich habe dafür andere Stärken (lacht).

Welche Werte wollen Sie als Schwingerkönig künftig repräsentieren?
Erst einmal möchte ich so bleiben, wie ich bin. Der Schwingsport liegt mir sehr am Herzen, ich setze mich dafür ein, dass unser Sport die Traditionen beibehält. Es ist mir auch wichtig, gut mit dem Schwingerverband zusammenzuarbeiten.

Vor welchen Dingen haben Sie Respekt?
Ich zählte bereits in den letzten Jahren zu den Gejagten, insofern wird sich in sportlicher Hinsicht nicht viel verändern. Aber es ist klar: Ich muss erfolgreich sein, sonst gerate auch ich rasch einmal in die Kritik.

Das «auch» dürfte sich auf Kilian Wenger beziehen. Wie haben Sie ihn als Schwingerkönig erlebt?
Er hat seine Sache extrem gut gemacht. Ich weiss genau, wie hart er trainiert hat, manchmal vielleicht sogar zu hart. In seinem Alter muss man den Körper erst noch kennen lernen. Wenger hat noch viele gute Jahre vor sich. Unsere Situation ist auch eine andere: Er wurde mit 20 Jahren Schwingerkönig, ich bin 27 Jahre alt. Mein Leben wird sich nicht von 0 auf 100 ändern.

Können Sie auch mal Nein sagen?
Ich werde mir erlauben, ab und zu einmal Nein zu sagen.

Demnächst dürften sich viele Sponsoren melden.
Die Verträge mit meinen bisherigen Sponsoren laufen bis 2016. Alles andere wird sich weisen.

Wie wollen Sie Ihr Arbeitspensum und das Schwingen künftig aufteilen?
Was das Training anbelangt, habe ich das Potenzial ausgeschöpft: Viermal pro Woche Schwingen, dreimal Krafttraining, dort gibt es nichts mehr zu intensivieren. Dieses Pensum möchte ich weiterziehen und versuchen, daneben im 50-Prozent-Anstellungsverhältnis zu arbeiten.

Sie gelten als Perfektionist, der einem Ziel alles unterordnet. Haben Sie sich bereits neue Ziele gesteckt?
Also zurzeit fehlt mir die Motivation fürs Training (lacht). Ich brauche eine Pause und werde mir diese auch nehmen. Es ist jetzt an der Zeit, die Batterien aufzuladen. Im November reise ich mit meiner Freundin für drei Wochen in die Ferien nach Argentinien. Und die kommende Saison verspricht mit dem Kilchberg-Schwinget als Höhepunkt viel Spannung.

Angenommen, König Matthias Sempach könnte für einen Tag die Schweiz regieren: Für welche Dinge würde er sich einsetzen?
Erstens, dass Langnau im Eishockey automatisch aufsteigt. Zweitens für die Förderung von Schweizer Lebensmitteln. Drittens, dass jeder zu unserer schönen Schweiz Sorge trägt.

Erstellt: 03.09.2013, 09:35 Uhr

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Das Schwingerdorf Alchenstorf

Das Schwingerdorf Alchenstorf Am Montagabend findet in Alchenstorf der Empfang für Matthias Sempach statt. Die Schwinger-Hochburg hat bereits Erfahrung im Feiern von Schwingerkönigen.

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