Im Dopingrausch

Der Sportmanager Stefan Matschiner war das Zentrum des grössten Dopingskandals in der jüngeren Geschichte des österreichischen Spitzensports. Trotz Verurteilung sieht er sich nicht als Betrüger.

Verurteilter Drogendealer und beachteter Buchautor: Stefan Matschinger wurde 2010 vom Straflandesgericht in Wien zu 15 Monaten Haft verurteilt.

Verurteilter Drogendealer und beachteter Buchautor: Stefan Matschinger wurde 2010 vom Straflandesgericht in Wien zu 15 Monaten Haft verurteilt. Bild: Keystone

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Es klingt wie eine schlechte Pointe. «Pilze» sagt Stefan Matschiner in seinem Auto auf der Fahrt vom Wiener Flughafen in die Innenstadt. Mit Morcheln und Eierschwämmen aus den USA handelt der Österreicher inzwischen. In seinem früheren Leben dopte sich der heute 35-Jährige erst selber als Leichtathlet. Dann half er als Manager prominenten Sportlern beim Dopen oder lieferte ihnen verbotene Substanzen. Zum Beispiel dem Österreicher Bernhard Kohl, dessen dritter Rang an der Tour de France 2008 aberkannt wurde. Matschiner war der Strippenzieher des grössten Dopingskandals in Österreichs jüngerer Sportgeschichte mit internationalen Auslegern (siehe Kasten).

An einem Morgen im März 2009 läuteten Polizisten an seiner Haustür in Laakirchen, um ihn zu verhaften. Fünf Wochen sass Matschiner in Untersuchungshaft und wurde im Oktober 2010 nach dem Anti-Doping- und dem Arzneimittelgesetz Österreichs zu 15 Monaten Haft verurteilt; 14 davon auf Bewährung. Matschiner schrieb ein Buch über seine kriminelle Vergangenheit. «Grenzwertig. Aus dem Leben eines Dopingdealers» heisst es. Ende Januar stellte er seine persönliche Aufarbeitung in Wien vor. Er ist damit abermals zu einer öffentlichen Person in seinem Land geworden. Er scheint kein bisschen darunter zu leiden.

Zum ausführlichen Einblick in seine Vergangenheit schlägt er das traditionelle Café Sacher nahe der Staatsoper vor. Als die Serviceangestellte ihm seine Suppe bringt, sagt sie: «Bitte, Herr Matschiner.» Er hat sie noch nie gesehen. Stefan Matschiner ist gross, trägt sein dunkles Haar kurz und einen Bart. Er ist eloquent, argumentstark, selbstbewusst. Zumindest gibt er sich so.

«Nur mit Schokolade besteht man nicht gegen die Konkurrenz»

Wenn Matschiner zum Thema Doping sprechen soll, beginnt er zu referieren, ist Widerspruch nahezu zwecklos. Und doch ist er ein weiteres Beispiel dafür, dass die Anti-Doping-Kämpfer den Betrügern keineswegs so weit hinterherhecheln, wie Matschiner behauptet. Er ist schliesslich aufgeflogen. Dieser Widerspruch führt zur ewigen Frage, inwieweit überführten Sündern überhaupt zu glauben ist. Zumal er Ausdauersportlern generell misstraut, wie der folgende Dialog zwischen dem Schweizer Besucher und Matschiner zeigt.


Matschiner: «Glauben Sie ernsthaft, dass ein Schweizer Langläufer gegen den Rest der Welt bestehen kann, nur weil er Schokolade isst?»
Journalist: «Wollen Sie damit sagen, dass Dario Cologna gedopt ist?»


Matschiner: «Das ist jetzt Ihre Interpretation meiner Aussage. Das sage ich nicht. Ich stelle nur eine Frage. Glauben Sie, dass jemand in diesem Umfeld bestehen kann, ohne irgendetwas zu machen? Ich bezweifle es stark.»
Journalist: «Das ist noch immer ein Unterschied zum Wissen und dem Beweisenkönnen.»


Matschiner: «Klar, darum kann ich nicht sagen:‹Der und der und der haben gedopt.› Das weiss ich nicht. Aber ich bin genug Insider, dass ich gewisse Dinge zu interpretieren weiss.»

Ergiebiger sind seine gelebten Erfahrungen, weil sie die Mechanismen dieses Geschäfts und die Absurditäten auf exemplarische Weise freilegen. Beispiel dafür bildet seine Reise an die Leichtathletik-WM von 2005 in Helsinki. Als Matschiner einem seiner ausländischen Läufer zwei Blutbeutel zum Eigenblutdoping mitbringen soll, ruft er erst bei der Airline an. Er will wissen, ob er sie ins Flugzeug mitnehmen kann. Er sei Arzt und fliege zu einer Schulteroperation, begründet er. «Kein Problem», bekommt er zu hören. Als er das Flugzeug betritt, sagt Matschiner zur Stewardess: «Legen Sie die Beutel bitte in den Kühlschrank.» Sie antwortet: «Gerne.»

«Ich bin von einem Dummen verraten worden»

So raffiniert er seine Kunden mit Eigenblutdoping präpariert oder präparieren lässt und dabei phasenweise gar auf die Hilfe eines renommierten Transfusionsmediziners zurückgreifen kann: Sowohl Matschiner wie seine Mitstreiter handeln mitunter kühn oder schlicht dumm. Etwa bei den Winterspielen von 2006 in Turin. Walter Mayer, gesperrter österreichischer Langlauftrainer, lädt Matschiner zum Besuch der Wettkämpfe ein. Dabei dürfte Mayer gar nicht vor Ort sein. Matschiner kommt nicht mit leeren Händen, bringt Mayer zwei Blutbeutel mit. Für die österreichischen Langläufer und Biathleten endet der Anlass in Grossrazzien der italienischen Polizei und führt zu Sperren. Doch Matschiner kehrt noch einmal an den Tatort zurück. Nach seinem fluchtartigen Verlassen der Spiele stellt er zu Hause fest, dass in einem Koffer seines Kollegen Mayer ein Blutbeutel liegt, den sich ein Langläufer eigentlich noch verabreichen wollte. Also reist Matschiner ein weiteres Mal an. Das Risiko wird für ihn zum Kick.

Einfach dumm agiert sein prominentester Schützling, der Radfahrer Bernhard Kohl. Beispiel 1: Nach seinem dritten Rang an der Tour de France ist er in Österreich ein gefeierter Star. Als Kohl, damals beim Team T-Mobile unter Vertrag, sich 2005 erstmals zum Blutabzapfen in ein Labor in Wien begibt, parkt er den Wagen mit der Aufschrift seiner Equipe direkt vor dem Eingang. Beispiel 2: Kohl hantiert an seiner Erfolgstour angeblich ohne Wissen seines Managers mit einem EPO-Mittel (Cera), das er wie weitere Fahrer für unauffindbar hält. Er täuscht sich und reisst Matschiner mit sich. «Ich bin von einem Dummen verraten worden», sagt dieser, weil Kohl nebst einer weiteren Kundin Matschiners in den Verhören den Namen seines Lehrmeisters nennt.

Dabei hat sich sein Leben längst in einen Albtraum verwandelt. Selbst im eigenen Kühlschrank lagert er Blutbeutel. Seine Frau sowie die engsten Freunde wissen von seinen Machenschaften. Er erzählt ihnen zwar keine Details, verschweigt ihnen sein Handeln aber auch nicht. «Ich habe ihr von Beginn unserer Beziehung an verklickert, das sei das Normalste der Welt.» Er involviert seine Partnerin gar direkt: Sie begleitet ihn bei seinen Kurierdiensten an die Wettkämpfe. Einmal muss sie einen Blutbeutel an ihrem Körper wärmen, was eine angenehmere Temperatur bei der Infusion bewirkt.

«Nein, ich bereue es nicht»

Er empfindet auch heute noch keine Reue ihr gegenüber: «Sie wusste von Anfang an, was ich tat.» Die Beziehung zerbricht, auch wegen seiner Machenschaften. Diese beginnen, seine ganze Konzentration zu absorbieren. Wie durch einen Filter blendet er Privates aus, entfremdet sich von seiner Frau. Die Dämone im Kopf vermag er nur noch mit viel Alkohol zu vertreiben. Seine Verhaftung empfindet er als Erlösung und sagt doch: «Die Lebensqualität: furchtbar. Aber: die Frage, die mir immer wieder gestellt wird: Bereuen Sie es? Nein, ich bereue es nicht. Ich habe aus freien Stücken getan, was ich gemacht habe.»

Am Abend des Besuchs ist er von Rotariern zu einem Referat samt Buchlesung eingeladen. Regelmässig präsentiert ein Gast ein aktuelles Thema. Zwei Frauen und zu Beginn acht Männer hören ihm zu. Er eröffnet pointensicher mit seinem Gefängnisaufenthalt, während dem er seine Zelle mit einem bekannten österreichischen Financier teilte. Matschiner berichtet von seinen fünf Wochen hinter Gittern, als handle es sich um einen Ferienausflug in eine rustikale Jugendherberge.

Die Athleten kamen von sich aus

Wobei er sich trotz Verurteilung keineswegs als Schuldiger sieht. In seiner Logik hat er sich in einer (Sport-) Welt von Dopern schlicht wie jeder andere verhalten. Ein Unrechtsbewusstsein gebe es in dieser Parallelgesellschaft nicht, erklärt er seinen Zuhörern. Darum würden betrügende Sportler auf die Frage, ob sie dopten, auch problemlos mit «Nein» antworten können. Sie seien vom Wahrheitsgehalt ihrer Aussage überzeugt. In ihrer Welt gebe es den Begriff des Manipulierens nicht. Und ganz grundsätzlich: Er habe nie einen Kunden zu sich locken müssen. Die Athleten seien von sich aus zu ihm gekommen. Gerade wegen seines Wissens.

Diese Ausführung hält einer der Zuhörer für grotesk. Er sei ein früherer Spitzenbasketballer, was sein stattlicher Bauchumfang und seine durchschnittliche Grösse nicht gerade auf den ersten Blick verraten. Manipulationsabsichten seien zu seiner Zeit primär vom Umfeld der Sportlern ausgegangen, sagt er. Die Diskussion wird emotional, ehe sich die Gemüter beruhigen und der Sektionspräsident schliesst: «So lange wie heute haben wir noch nie debattiert.»

Stefan Matschiner bietet den Zuhörern inzwischen sein Buch zum Verkauf an. Mit dem Spitzensport hat er keine Berührungspunkte mehr, sagt er. Er will seine Kraft in ein neues Leben investieren, also in Morcheln und Eierschwämme.

Erstellt: 17.02.2011, 18:23 Uhr

Stefan Matschinger: Grenzwertig. Aus dem Leben eines Dopingdealers. Aufgezeichnet von Manfred Behr. Riva Sportverlag. Januar 2011. 248 Seiten

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