Hintergrund

«Kann ich Mami und Athletin sein?»

Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig will auch nach der Geburt ihres Sohnes Yannis die Weltbeste bleiben. Deshalb stellen sich seit der Schwangerschaft viele Fragen.

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Die Magen-Darm-Probleme wollten bei Nicola Spirig in der Nacht auf den 21. März nicht aufhören. Die Olympiasiegerin war im achten Monat schwanger – und interpretierte ihre Schmerzen nicht als mögliche Wehen. Als es am Vormittag nicht besser wurde, ging es schnell: Ihr Mann Reto fuhr sie ins Spital, 90 Minuten später kam Söhnchen Yannis auf natürliche Weise zur Welt, 50 cm gross, 3100 g schwer – und wohlauf. Acht Monate nach ihrem grössten sportlichen Erfolg war für die 31-jährige Zürcher Unterländerin auch das private Glück vollkommen. Und eine Zeit besonderer Ungewissheit vorbei.

Zwei unterschiedliche Pole hatten ihre Gefühlswelt bestimmt. Da war das werdende Mami, das nur eines sein wollte: die bestmögliche Mutter ihres Kindes. Und da war die Spitzensportlerin, die ebenfalls keine Kompromisse kannte: Sie wollte schon immer die schnellste Triathletin sein und fragte sich darum: «Kann ich Mami und Spitzenathletin sein?» Dass es wenige Topsportlerinnen mit Kindern gibt, erschwerte die Situation. In der Sportwissenschaft ist das Thema nahezu unbehandelt.

Es gibt bloss ein paar allgemeine Regeln für die Schwangerschaft. Kerstin Warnke, die Chefärztin der Schweizer Olympiadelegationen, fasst sie zusammen: Schläge oder Sprünge können das Ungeborene oder die Plazenta ab circa dem fünften Monat gefährden, unabhängig von Körpergrösse, Gewicht und Bauchumfang der Frau. Die Körperkerntemperatur sollte stabil bleiben, intensiveres Training vermieden werden.

Die grosse Schmerzfrage

Mit ihrem Mann Reto definierte Spirig das oberste Ziel: Priorität sollte das Wohl ihres Kindes haben. Dann besprach sie sich mit ihrem Coach Brett Sutton, wie sie den zweiten Anspruch erreichen wollte: Möglichst lange möglichst wenig von ihrer Leistungsfähigkeit einzubüssen, im Wissen, dass sich die Planung je nach Entwicklung ändern kann. Bei einem Treffen im Januar, sie war im fünften Monat schwanger, sagte sie: «Ich kann nicht damit rechnen, dass meine Schwangerschaft komplikationsfrei verläuft, und muss darum in kleinen Schritten denken.»

Für Spirig, die gerne bis ins Detail plant, war das eine neue Erfahrung und keine leichte Situation. «Bis jetzt kontrollierte ich meinen Körper. Nun aber gehört er nicht mehr mir allein.» Offen sagte sie: «Weil die sportwissenschaftlichen Grundlagen sehr dünn sind, bin ich sehr unsicher. Ich bin beispielsweise gut darin, Schmerzen auszublenden. Ab wann stufe ich ein Training folglich als hart ein? Beende ich es also zum richtigen Zeitpunkt, weder zu früh für die Sportlerin noch zu spät für das Kind?»

Sie gab sich für die Schwangerschaft bestimmte Regeln vor: Beim Schwimmen verzichtet sie mithilfe eines Styroporstücks (Pullboy) auf den Beineinsatz, um den Puls tief zu halten. Beim Rennen verkürzt sie Intensität und Dauer sukzessive. Zuletzt rennt sie 30 Minuten am Stück. Es ist mehr ein Joggen. Das Velotraining absolviert sie nur noch auf der Rolle, um nicht zu stürzen. Die Sitzposition muss sie anpassen, weil sie 15 kg zunehmen wird. Und doch verläuft die Zeit wegen der Frühgeburt anders als erwartet: Spirig trainiert bis zur Niederkunft. Zweimal ist sie pro Tag noch körperlich aktiv. Sie schwimmt, fährt Rad, rennt und kommt zu diesem Zeitpunkt auf Wochenumfänge von 12 bis 15 Stunden. Alle Einheiten legt sie im Grundlagenbereich zurück.

Zentrale Phase nach der Geburt

Als höchstdekorierte Schweizer Sportlerin der Gegenwart, die zudem gerade geheiratet und ein Haus komplett renoviert hat, bewegt sie sich auch in der Öffentlichkeit. Dabei wird ihre Doppelrolle als werdende Mutter und Spitzenathletin ebenso zum Thema. Neben vielen positiven Reaktionen erfährt Spirig in Mails auch, dass schwangere Spitzenathletinnen noch immer als schlechte Mütter betrachtet werden können. Dabei sagt Sportmedizinerin Warnke: «Schwangere Frauen sind nicht krank. Sie dürfen sich sportlich betätigen.» Die Schwangerschaft bildet nur den ersten wichtigen Zyklus im veränderten Trainingsalltag einer Spitzenathletin.

Die Phase nach der Geburt ist ebenso zentral. Sie ist mitunter noch schwieriger auszubalancieren, wie die erfolgreichste Schweizer OL-Läuferin und dreifache Mutter Simone Niggli erfahren musste. Das zusätzliche Gewicht mag dabei zwar rasch verschwunden sein, der Körper ist dennoch geschwächt.

Wiederbeginn nach 5 Wochen

Wieder bespricht sich Spirig mit ihrem Coach intensiv. Er rät zu einem sehr langsamen, behutsamen Aufbau. Da die Olympiasiegerin in diesem Jahr keine grösseren Wettkämpfe plant und dafür 2014 einen Einsatz an der Leichtathletik-EM in Zürich, kann sie sich diese körperschonende Herangehensweise leisten. Sie möchte aber möglichst schnell wieder Spitzenniveau erreichen. Nach fünf Wochen beginnt sie darum zu schwimmen und auf dem Laufband und im Wasser zu rennen, das Velofahren kommt drei Wochen später hinzu. Mittlerweile schafft sie Wochenumfänge von 17 bis 20 Stunden. Zu ihren Topzeiten kam sie auf rund 30 Trainingsstunden.

Das Planen ist in ihrem Leben noch wichtiger geworden. Manchmal trainiert sie schon um 5 Uhr morgens, wenn sich niemand zum Hüten von Yannis finden lässt. Dass sie ihren Sohn bis jetzt voll stillt, macht die Organisation noch ein wenig schwieriger. Ohne den grossen Einsatz ihres Mannes Reto, der als Leistungssport-Chef des Schweizer Triathlon-Verbandes relativ ortsunabhängig arbeiten kann, und beider Elternpaare würde sie die Doppelrolle kaum schaffen.Weil sie beides sein will, eine fürsorgliche Mutter und weiterhin starke Athletin, sind die Anforderungen und Belastungen hoch. Vor allem die Regeneration kommt zu kurz. Doch Nicola Spirig hat es so gewollt und akzeptiert den Kompromiss. Schliesslich ist sie überzeugt: «Ich bin ein besseres Mami, wenn ich meine Leidenschaft ausleben kann.»

Erstellt: 19.06.2013, 09:36 Uhr

Simone Niggli

Ermüdungsbruch nach dem ersten Kind
Die 20-fache OL-Weltmeisterin Simone Niggli ist die prominenteste Schweizer Spitzensport-Mutter. Die 35-Jährige schaffte, was vielen Topathletinnen misslingt, wenn sie Kinder bekommen haben: Weltklasse zu bleiben. Allerdings verlief die Rückkehr an die Spitze auch bei der Bernerin nicht problemlos.

2008 brachte sie Tochter Malin auf die Welt und begann zwei Wochen danach wieder mit dem Rennen. Nach einem Monat lief sie fast wieder täglich. Der Körper rebellierte. Erst mit Rückenschmerzen, dann mit einem Ermüdungsbruch im Schambereich. Als sie 2011 mit den Zwillingen Anja und Lars schwanger war, reduzierte sie den Laufumfang in der Schwangerschaft früher, wurde von einer Osteopathin begleitet und baute nach der Geburt die Form sanfter auf. Nach vier Monaten sei sie wieder auf einem guten Level gewesen, sagt Niggli. Und: «Ich war erstaunt, wie wenig ich im Grundlagenbereich eingebüsst hatte.»

Inzwischen bilanziert sie: «Bei standardisierten Tests war ich danach so gut wie nie zuvor.» Entsprechend stark lief sie an der WM 2012. Im Schnitt trainiert sie wegen der Doppelbelastung ein bis zweimal pro Woche weniger als früher, die Kerneinheiten aber sind geblieben. (cb)

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