Letzte Ausfahrt: tiefste Provinz

Robert Swift wollte die NBA erobern und verlor auf ganzer Linie: Er verfiel Alkohol und Drogen. Jetzt kämpft er sich zurück – in der fünfthöchsten spanischen Liga.

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Wer in seiner Verzweiflung beim eigenen Drogendealer einzieht, kann kaum tiefer fallen. Doch bei Robert Swift war die Fallhöhe besonders gross. Der Rotschopf, nicht weniger als 2,16 Meter hoch, war einst ein vielversprechendes Basketballtalent, in dem die Seattle ­SuperSonics ihren künftigen Star sahen. Mit 18, am 3. November 2004, debütierte er in der National Basketball Association.

Aber Swift wurde kein Star wie seine Jahrgangskollegen Dwight Howard oder Andre Iguodala. Sondern zerbrach an Verletzungen, am Leistungsdruck und am vielen Geld, das ihm schon in jungen Jahren zuflog. Er flüchtete sich in Alkohol und Drogen. Marihuana, Kokain, Crystal Meth, zuletzt Heroin – Swift ging aufs Ganze. Und verlor. Mittellos und verwahrlost griff ihn die Polizei im Haus seines Dealers auf.

«Es war die Hölle»

Ende 2014 war das. Und der Polizist, der ihn erkannte, fragte entsetzt: «Was ist bloss mit dir passiert?» Das Magazin «Sports Illustrated» zeichnete sein Schicksal 2016 in einem eindrücklichen Porträt nach. Swift war im Teufelskreis, gefangen: «Die Verletzungen zogen mich runter, eines führte zum anderen, und am Ende konnte mich nicht einmal mehr Basketball erheitern.» Erst am Tiefpunkt, während einer dreiwöchigen Haftstrafe, kam er mit kaltem Entzug von den Drogen los.

«Es war die Hölle», erinnert er sich, «wie die schlimmste Grippe, die du je hattest – hoch zehn. Doch ich wollte einfach nicht mehr süchtig sein. Ich wollte wieder Basketball spielen. Und irgendwann liessen die Schmerzen nach.»

Eingerostet, aber treffsicher

Dreieinhalb Jahre später, mit 32, hat Swift den Schlamassel endgültig hinter sich gelassen. Oder hofft es wenigstens. Und schreibt wieder positive Schlagzeilen. Oder Schlagzeilchen: Vor wenigen Wochen unterschrieb er bei Circulo Gijón in Spanien wieder einen Vertrag als Profibasketballer und bestritt nun die ersten Spiele. Schon bei der Premiere gelang ihm ein sogenanntes Double-double: eine zweistellige Zahl der Punkte und Rebounds. «Auch wenn ich mich etwas eingerostet fühlte», sagte Swift hinterher im Gespräch mit dem Blog «Hoops Hype» und befand: «Es war einer meiner besten Tage seit langem.»

Es sind die kleinen Schritte, an denen sich Swift freut. Mit denen er sich zurückkämpfen möchte. Erst trainierte er einmal pro Woche, dann dreimal. Jetzt wieder täglich. «Ich will mich und meinen Körper langsam wieder an mein früheres Niveau herantasten, mich mit harter Arbeit konstant verbessern – und dieses Mal auch wirklich alles verdienen», sagt er und erinnert mit dieser Aussage daran, dass ihm 2004, vor seiner ersten Profikarriere, alles zugefallen war.

Seinerzeit war die Wucht seines Aufstiegs die Ursache für die Probleme gewesen: Swift, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, war vom plötzlichen Geldsegen seines ersten NBA-Vertrags überfordert. Und mit ihm seine Familie und Freunde: Jeder begann, dem werdenden Superstar die hohle Hand hinzuhalten.

Siesta und Videospiele

Círculo Gijón dagegen ist keine grosse Nummer, noch nicht einmal in Spanien, der Club spielt in der fünfthöchsten Liga (die interessanterweise Primera División heisst). Gegründet erst vor einem Jahr, ist er aber äusserst ambitioniert: Neben Swift verpflichtete Gijón auf diese Saison hin zwei weitere Amerikaner sowie zwei Serben; sie alle besitzen Profiverträge. Die spanischen Teamkollegen aber sind Amateure und gehen einem Beruf nach. Der Hauptgrund, weshalb die Trainings erst abends um halb zehn beginnen. Auch an die Siesta muss sich Swift in seiner neuen Heimat erst gewöhnen. Und so verbringt er seine Freizeit meistens vor der Videokonsole.

Bis nächstes Jahr will Swift in der nordspanischen Küstenstadt bleiben, mindestens, «denn ich liebe diese Stadt, und idealerweise ist mein Engagement langfristig». Das soll sich lohnen für den neuen Star im Team: Schafft Tabellenführer Gijón Anfang April den Aufstieg, verdreifacht sich Swifts Gehalt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2018, 17:02 Uhr

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