Analyse

Männer mit Eiern

Kerle mit der Energie von Kernkraftwerken, Spielzüge wie beim FC Barcelona, Fairness über alles: Rugby rockt!

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Ich bin verliebt. Mit allem, was dazu gehört: nervöser Magen, pochendes Herz, grosse Gefühle.

Die ersten Anzeichen spürte ich am 17. September, so gegen halb elf Uhr morgens. Da sass ich zu Hause auf dem Sofa und schaute am Fernsehen den Rugby-WM-Match zwischen Australien und Irland. Als dieser vorbei war, sagte ich ganz zu mir allein: «F***, so geil!» Wie es dann in diesem Zustand so ist, wollte ich natürlich mehr davon. Eine Woche später war es so weit. Die Partie war brisant, trafen doch die unberechenbaren Franzosen auf die All Blacks, den Gastgeber Neuseeland, den ewigen Favoriten, der meist dann scheitert, wenn es wirklich zählt. (All das und vieles mehr hatte ich mir in der Zwischenzeit angelesen.) Beim Haka, dem Ritualtanz der Neuseeländer nach alter Maori-Tradition, mit dem der Gegner eingeschüchtert werden soll, bekam ich Hühnerhaut. Einfach so. Und als die All Blacks nach einer brillanten Passfolge, die an die grandiosen Spielzüge des FC Barcelona erinnerte, den eiförmigen Rugbyball zum ersten «Try» hinter die französische Grundlinie wuchteten, wars um mich geschehen.Wer frisch verknallt ist, dem fällt es bekanntlich oft schwer, wenn er plötzlich erklären soll, was genau zu dieser emotionalen Turbulenz führte. Ich will es aber wenigstens versuchen.

Muskelpakete wie Popeye

Zum einen, glaube ich, liegt es an der Fitness und Athletik, welche dieser Sport verlangt. Ausnahmslos jeder Akteur, den ich bislang in Aktion sah – ob von kleiner und bulliger Postur, ob stämmig und schwer wie eine Eiche –, hatte Muskelpakete wie der bis oben mit Spinat gefüllte Popeye; kurzatmige «Hängebauchschweinchen» wie im American Football, die sich nach einem 10-Meter-Sprint an die Sauerstoffflasche hängen müssen, um den Kollaps abzuwenden, würden im Rugby wohl keine Partie überleben.

Diese Wucht und Dynamik überträgt sich natürlich aufs Spiel. Bei den «Scrums», zu Deutsch: Gedränge, bei welchen je acht Spieler beider Teams bei einer Art Kräftemessen um den Ball aufeinanderprallen, werden Energien freigesetzt, mit welchen man problemlos eine Kleinstadt beleuchten könnte. Dass in solchen Situationen nicht nur Adrenalin, sondern auch Blut fliesst, ist unvermeidlich. Doch das scheint diese Kerle nur noch stärker zu machen. Irgendwie logisch, schliesslich lautet das Credo: «No helmets, just balls and a ball!» Salopp übersetzt heisst das ungefähr: Wir Rugbyspieler brauchen keinen Helm – wir sind Männer mit Eiern im Kampf um ein Ei.

Am Ende umarmt man sich

Fast noch mehr beeindruckt hat mich jedoch die exemplarische, gentleman-like Fairness dieses rauen Sports. Anders als im Fussball sieht man beim Rugby keine lächerlichen «sterbenden» Schwäne, keine dreckigen Fouls, kein Gespucke, keine Ausfälligkeiten gegen die Schiedsrichter; man hört auch niemals Pfiffe während der Nationalhymnen. Und egal, wie erbarmungslos sich zwei Kontrahenten in den 80 Spielminuten bekämpft haben, am Ende schütteln sie sich voller Respekt die Hand oder nehmen sich in den Arm – sogar (oder eben gerade) nach einem Erzrivalen-Halbfinal wie jenem zwischen Neuseeland und Australien.

Gewonnen haben übrigens entgegen allen Prognosen die All Blacks. In ihr Powerrugby, das einfährt wie ein Rocksong, hab ich mich am meisten verguckt. Ja, und nun machen wir am Sonntag im Final die Franzosen zum zweiten Mal platt – natürlich total fair.

Final Neuseeland - Frankreich, 23. 10., ab 10 Uhr im Schweizer Sportfernsehen

Erstellt: 17.10.2011, 19:04 Uhr

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