Mal Superman, mal Kleinkind

Das Race Across America gilt als härtester Ausdauerwettkampf der Welt. 4800 Kilometer müssen in 12 Tagen zurückgelegt werden. Ein zehnfacher Teilnehmer erklärt die Faszination am Leiden.

Titelverteidiger Christoph Strasser ist auch in diesem Jahr wieder Topfavorit auf den RAAM-Sieg.

Titelverteidiger Christoph Strasser ist auch in diesem Jahr wieder Topfavorit auf den RAAM-Sieg. Bild: Keystone

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Einmal quer durch die USA. Von Oceanside, Kalifornien, bis Annapolis, Maryland, an der Ostküste. Was nach einem anspruchsvollen Roadtrip klingt, der sich über mehrere Wochen mit dem Wohnmobil erstreckt, ist vor allem die ultimative Herausforderung für jeden Extremsportler. Mehr als 4800 Kilometer auf dem Rennrad, in einem Zeithorizont von maximal zwölf Tagen, mit total rund sechs Stunden Schlaf. Einer, der sich das ab Dienstagnacht Schweizer Zeit zum zehnten Mal antut, ist Gerhard Gulewicz. «Wo stehe ich? Wo ist meine Grenze? Und wie weit kann ich sie verschieben?»: Das sind Fragen, denen sich der Österreicher stellen wollte, irgendwann stellen musste.

Das Race Across America (RAAM) ist ohne Frage das härteste Radrennen der Welt und wurde vom «Outside Magazine» auch schon zum herausforderndsten Ausdauerwettkampf der Welt gewählt – sieben Positionen vor dem berühmten Ironman auf Hawaii (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km Laufen). Das RAAM ist auch Gulewicz' Leidenschaft, seit August 2014 bereitet er sich wieder auf die Tortur vor. Gegenüber der «Welt» gab der 48-Jährige, der je zwei zweite und dritte Plätze belegt hat, Einblicke in ein Rennen, das durch 50'000 Höhenmeter, verschiedene Zeitzonen und extremste Wetterbedingungen führt. Bis zu 24 Liter Flüssigkeit und 12'000 bis 15'000 Kalorien wird er täglich zu sich nehmen. Unterbrechen wird Gulewicz seine Fahrt gelegentlich für 15-minütige Nickerchen in seinem Campingbus, wo sein neunköpfiges Team mitreist. «Diese Powernaps dienen nur dazu, das Gehirn zu regenerieren, das ist lebensnotwendig. Körperlich kannst du während des Rennens ohnehin nicht regenerieren», so Gulewicz und ergänzt: «Das Wichtigste ist, nie stehen zu bleiben, denn jede Bewegung ist besser als Stillstand.»

Sauna als Vorbereitung

Erstmals teilnehmen wird der Schweizer Martin Schlatter. Auf seiner Webseite dokumentierte der Beringer die Vorbereitung auf die Renntage durch Wüsten, Berge, Gewitter und Hitze. Beispielsweise mittels Saunatraining hinsichtlich der Strecke durch die amerikanische Wüste. «Nebst der Temperatur und der Kühlung ist auch der Flüssigkeitszufuhr eine hohe Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe in diesem Training wohl zu viel Wasser (4,2 Liter) getrunken», bilanzierte Schlatter nach zwei Stunden Radfahren in der Sauna bei Temperaturen von 50 bis 65 Grad Celsius. Gegenüber dem Schaffhauser Fernsehen sagte der Landwirt, mit der Teilnahme am RAAM erfülle er sich «einen Traum».

Einen Albtraum hingegen erlebte Gulewicz bei seiner Teilnahme im Vorjahr, als er nach viereinhalb Tagen aufgrund einer Lebensmittelvergiftung aufgeben musste. Ein Jahr zuvor war es eine Lungenentzündung, die den Motivationstrainer stoppte. Gulewicz' Koordination war derart gestört, dass er einen tödlichen Unfall riskierte. Zwei Fahrer wurden im seit 1982 ausgetragenen Rennen getötet: 2003 stiess der Teamteilnehmer Brett Malin mit einem LKW zusammen, 2005 wurde der amerikanische RAAM-Pionier Bob Breedlov von einem entgegenkommenden Fahrzeug erfasst – Breedlov hatte die Kontrolle verloren und war auf die Gegenfahrbahn geraten.

«Menschen haben ein riesiges, ungenutztes Potenzial»

Auch deshalb vermeidet es Schlatter strikt, von einer anvisierten Zeit oder Platzierung zu sprechen, schliesslich bricht im Schnitt die Hälfte der 41 Solostarter das Rennen ab. «Ich will einfach ins Ziel fahren», so der Schweizer. Der Gewinner stehe mit dem Österreicher Christoph Strasser ohnehin schon fest, ergänzt Schlatter. Strasser war es auch, der drei der letzten vier Ausgaben gewinnen konnte – dazwischen triumphierte übrigens im Jahr 2012 der Schweizer Reto Schoch.

Seit jeher beschäftigt sich Schlatter mit der Frage «Was ist möglich?». Dies ist der Grund, wieso er den Weg zum Extremsport gefunden hat. Ähnlich denkt Gulewicz: «Wir Menschen haben ein riesiges Potenzial, das wir nicht nutzen – weder physisch noch mental. Als Extremsportler nutzen wir zumindest einen Teil dieser Fähigkeiten wieder.» Es gehe auch darum zu zeigen, zu was Menschen fähig seien, führt Gulewicz weiter aus.

Danach wird der körperliche Verfall den Rennfahrern deutlich anzusehen sein – oder wie Gulewicz es beschreibt: «In guten Phasen fühlst du dich wie Superman, in schlechten wie ein Kleinkind, das am liebsten seine Mutter neben sich hätte.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 19:22 Uhr

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