Mit Fuchs, Katze und dem Geist der Samurai

Die Viertelfinals der Rugby-WM vom Wochenende bieten Sport auf höchstem Niveau, besondere Brisanz und spezielle Figuren.

Geschmeidiger Name, hart im Nehmen: Camille Chat. Foto: Keystone

Geschmeidiger Name, hart im Nehmen: Camille Chat. Foto: Keystone

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Neuseeland - Irland:Furcht vor dem Taktiker

Es ist ja schon eine Kunst, die All Blacks aus Neuseeland einmal zu bezwingen. In der ganzen Geschichte internationaler Rugby-Spiele – und die Geschichte der All Blacks ist 588 Spiele lang – ist das lediglich sieben Mannschaften gelungen. Am häufigsten schaffte es Australien (44-mal), am seltensten ­Irland. Doch die beiden Niederlagen in den 31 Duellen gegen die Iren liegen den Neuseeländern noch auf dem Magen: Sie passierten erst 2016 und 2018. Noch schlimmer: Beim letzten Duell vor elf Monaten blieben die All Blacks sogar ohne einen Try.

In die WM war Irland als Weltranglistenerster gegangen, inzwischen wurde es durch Neuseeland wieder verdrängt – aber der neuseeländische Respekt bleibt. Denn mit Joe Schmidt wird der Viertelfinalgegner von einem Taktikfuchs trainiert, einem aus den eigenen Reihen sogar: Schmidt stammt aus Neuseeland, doch erst mit seinen Engagements in Irland erregte er Aufsehen. Die Regionalauswahl aus Leinster führte er zu drei Europacupsiegen, ehe er 2013 Irlands Nationalteam übernahm und mit diesem dreimal die Six Nations gewann. Mittlerweile ist er auch irischer Staatsbürger.

Nach der WM wird Schmidt zurücktreten und seine Trainerkarriere mit 54 beenden. Am liebsten natürlich mit dem Titel. Dafür dürfte er im heutigen Viertelfinal wieder in die Trickkiste greifen. Wie vor einem Jahr in Dublin, als seine Iren die All Blacks mit einer geschickten Finte nach einem Einwurf in die Falle lockten und so den einzigen Try des Spiels legten.

Wales - Frankreich:Maurer mit dickem Hals

Die Drecksarbeit ist seine Arbeit. Er steht ganz vorne im Gedränge, der dicke Hals und runde Kopf am Körper des Gegners verrenkt, maximaler Druck auf Wirbelsäule und Gelenke. Und Ohren wie Blumenkohl. Unter all den Schwerarbeitern im Rugby ist der Hooker oder Hakler, Rückennummer 2, der Akkordmaurer.

Aber Camille Chat ist sich ja einiges gewohnt – so geschmeidig der junge Mann aus Auxerre heisst, so sehr weiss er auszuteilen. Als Jugendlicher hat sich Chat, die Katze, im Kickboxen einen Namen gemacht, wurde als Elfjähriger sogar französischer Meister. «Ich habe es immer geliebt, zu kämpfen», sagt er. Mit 15 setzte Chat ganz auf Rugby, mit 20 unterschrieb er bei Racing 92 seinen ersten Profivertrag. Der Pariser Club gehört dem Schweizer Unternehmer Jacky Lorenzetti.

Mit 1,78 Metern und 98 Kilogramm ist Chat klein und leicht, vergleichsweise jedenfalls: Der handelsübliche Hooker ist zehn Zentimeter grösser und zehn Kilo schwerer. Ob er morgen im Viertelfinal gegen Wales spielt, ist offen – eigentlich ist er Ersatz von Captain Guilhem Guirado. Doch wenn er spielt, dürfen wir uns freuen. Denn wie hat einmal «Le Parisien» über ihn geschrieben: «Unermüdlich, explosiv und extrem schnell bohrt und schneidet er durch die gegnerischen Linien und legt Trys mit seiner natürlichen Wildheit und seinem Kämpferherzen.» So poetisch kann Drecksarbeit sein.

England - Australien:Duell der Freunde

Eddie Jones und Michael Cheika kennen sich seit Jahrzehnten. In Australien spielten sie zusammen Rugby: Jones, der Sohn einer Japanerin, die in den USA geboren wurde, und Cheika, der Sohn eines Libanesen. «Als wir spielten, war das ein sehr weisses Australien», erzählte Jones einmal, «wenn man wie wir war, musste man erst recht beweisen, dass man etwas wert war. Wir mussten uns auch auf dem Platz verteidigen.»

Die Freunde stehen sich heute als Trainer gegenüber, wenn in Oita der erste Viertelfinal der WM stattfindet: England gegen Australien, der Weltmeister von 2003 gegen den Weltmeister von 1991 und 1999. Jones hat es geschafft, England nach dem katastrophalen Abschneiden beim Heimturnier vor vier Jahren frischen Glanz zu verleihen. Cheika führte Australien 2015 in den Final (gegen Neuseeland).

Jones gibt dem Duell eine dramatische Note: «Jedes Mal, wenn die Samurai kämpften, überlebte einer, und der andere starb. So ist das auch am Samstag.»

Japan - Südafrika:Spätzünder mit Goldzahn

Yu Tamura ist der Star, keiner hat an dieser WM mehr Punkte erzielt als Japans Fly-half, 48. Kenki ­Fukuoka, ein Schlaks von 1,75 m, hat gegen Schottland zwei Trys gelegt und damit entscheidend geholfen, dass sein Team morgen gegen Südafrika im Viertelfinal steht, zum ersten Mal überhaupt.

Tamura und Fukuoka sind wahre Japaner bei den Brave Blossoms, die sonst bunt zusammengewürfelt sind und ursprünglich auch aus Neuseeland, Südafrika oder Polynesien stammen. Keiner verbindet die vielen Welten besser als Isileli Nakajima.

Verbindet Tonga mit Japan: Isileli Nakajima. Foto: Getty

Er heisst eigentlich Isileli Vakauta und stammt aus Tongatapu, Tonga. Der Coach einer japanischen Universität entdeckte ihn, als er 18 war. Isileli folgte ihm nach Japan, und er ist geblieben und naturalisierter Japaner geworden. Die Verbundenheit zu seiner zweiten Heimat drückt er dadurch aus, dass er den Namen seiner Frau angenommen hat. Das hat er noch aus einem anderen Grund getan: um das Ansehen der Frau allgemein zu stärken.

Nakajima ist ein Spätzünder bei den «mutigen Blüten», erst kurz vor der WM erhielt er ein erstes Aufgebot. Jetzt ist er mittendrin und als 120-Kilo-Prop unübersehbar mit blondiertem Haar und Bart. Und wenn er lacht, springt sein Goldzahn ins Auge. Auf Tonga ist ein Lachen nicht echt, wenn es nicht mit Gold geschmückt ist. (ths./wie)

Erstellt: 18.10.2019, 23:13 Uhr

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