Mit Taktik statt Kamikaze

In wenigen Stunden steht Giulia Steingruber in der Qualifikation der Turn-WM in Antwerpen im Einsatz. Ihr Ziel: der Sprungfinal vom Samstag. Dafür hat die Ostschweizerin ein neues Element gelernt.

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Der Sprung ist ein seltsames Gerät. Ungefähr sechs Sekunden dauert der Auftritt, ein Bruchteil der schwungvollen Minute am Stufenbarren also oder der zittrigen 90 Sekunden auf dem Balken. Nur, wer in den Final will, muss ein zweites Mal ran.

Giulia Steingruber will in den Final, darum stehen heute Abend nach 20 Uhr im Sportpalast von Antwerpen ihre zwölf wichtigen Sekunden an. Europameisterin ist sie schon, dieses Gold hatte sie im vergangenen April in Moskau errungen. Kann sie nun auch Weltmeisterin werden?

81 verschiedene Sprünge

Es liegt nicht in ihren Händen und Füssen allein. 81 verschiedene Sprünge umfasst der Code de Pointage, das Regelbuch des internationalen Turnverbandes FIG. Die Elemente unterscheiden sich in ihrer Art und Schwierigkeit und sind vor dem Kampfgericht entsprechend mehr oder weniger wert. Und darüber hinaus sind der Fantasie der Turnerinnen fast keine Limiten gesetzt: Wer einen neuen Sprung erfindet, nach dem wird – sofern von der FIG akzeptiert – dieser auch benannt und in den Code aufgenommen.

Zwei dieser Sprünge heissen Amanar und Tschussowitina und sind benannt nach der Rumänin Simona und der Usbekin Oksana. Es sind Höchstschwierigkeiten im Frauenturnen, aber eben auch Pflichtelemente für Finalkandidatinnen: ohne hohe Wertigkeit keine Aussicht auf den Final. Während Steingruber sich wie vor ihr auch Ariella Kaeslin für den Tschussowitina entschieden hat, turnen beispielsweise die Amerikanerinnen den Amanar. Sein Ausgangswert liegt noch einen Zehntelpunkt über dem gestreckten Vorwärtssalto mit anderthalb Schrauben, den Steingruber inzwischen blind beherrscht. Im Training übt sie den Tschussowitina nicht einmal mehr täglich.

Sicherheit oder Risiko?

Denn der Schlüssel zum Erfolg am Sprung liegt im zweiten Sprung. Dieser ist in aller Regel etwas weniger schwierig und wert, er ist das Supplement zum Paradeelement sozusagen. Da aber der Notenschnitt beider Sprünge die Endnote ergibt, muss der Wert trotzdem möglichst hoch sein – der zweite Sprung trennt die Weltspitze von der Laufkundschaft. Gewisse Turnerinnen versuchen, diese Gesetzmässigkeit mit einem irrwitzig schwierigen ersten Sprung auszuhebeln. Und gehen beim Versuch, halbwegs auf die Füsse zu kommen, ein grosses Verletzungsrisiko ein. Zoltan Jordanov, Steingrubers Trainer, nennt diese Taktik «Kamikaze».

Er wählte eine andere. Auf die WM in Antwerpen hin hat er mit der 19-jährigen Ostschweizerin einen neuen zweiten Sprung einstudiert, mit dem früheren tat sich Steingruber unerwartet schwer. Es ist einer aus der Jurtschenko-Gruppe – statt vorwärts springt sie nach einer Radwende rückwärts auf den Sprungtisch. Anschliessend dreht sie einen Salto mit einer oder zwei Schrauben. «Ich brauche weniger Kraft, um Schwung zu gewinnen», erklärt Steingruber. Ausserdem kann sie den Jurtschenko wegen des Ablaufs sauberer turnen, eine höhere Note ist die Folge. Jordanov berichtet, im offiziellen Podiumstraining habe ihn Steingruber «beeindruckt».

Trotzdem stellt sich vor der Qualifikation heute Abend die Frage: Sicherheit oder Risiko? Einfache oder doppelte Schraube? Den WM-Titel wird sie mit einfacher Ausführung nicht gewinnen, aber für den Finaleinzug kann sie reichen. Und da Steingruber als allerletzte Sprungspezialistin an dieses Gerät geht, will sich Jordanov das Taktieren leisten. Erst beim Aufwärmen werde er sich entscheiden, wie Steingruber zu turnen habe, sagt er.

Erstellt: 02.10.2013, 15:24 Uhr

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