Money, Money, Money in der NFL

Keine Sportliga der Welt nimmt so viel Geld ein wie die National Football League. Nun geht sie in ihre 100. Saison – und die Bosse haben noch lange nicht genug.

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Was immer er anpackt: Ständig wirkt er dabei etwas verdächtig. Roger Goodell ist Chef der National Football League (NFL), so umstritten wie gut bezahlt, jedes Jahr erhält er 42 Millionen Dollar. Den hohen Lohn haben die Besitzer der 32 Clubs festgelegt, damit verbunden eine klare Erwartungshaltung: Er muss so viel wie möglich für sie reinholen. Und das tut er.

Wenn an diesem Wochen­ende die 100. NFL-Saison und damit die Jagd auf Serienmeister New England aufs Neue beginnt, geht es der Liga so gut wie nie. Seit Goodells Amtsantritt 2006 hat die NFL ihren Umsatz von 6,5 auf rund 15 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr gesteigert. Laufend konnte so mehr Geld an die Clubs ausgeschüttet werden, im letzten Jahr 8,8 Milliarden Dollar. Zufrieden gibt sich Goodell damit nicht: Bis in acht Jahren will er den Umsatz auf 25 Milliarden Dollar gesteigert haben.

Das Ziel ist ambitioniert. Was auch immer Goodell also macht, er muss es zu Geld machen.

«Hätte ich einen Sohn, würde ich es lieben, wenn er selbst spielt. Es gibt überall Risiken. Auch auf dem Sofa.»Roger Goodell
Commissioner der NFL

Nur: Wo im Budget trägt man Moral ein? In den USA spielt sie im Sport eine grosse Rolle. Seien es nun die Fussballerinnen, die den gleichen Lohn wollen wie ihre männlichen Kollegen. Seien es Spieler, die den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft anprangern. Oder sei es ein ­Trainer wie Basketballcoach Steve Kerr, der sich nicht scheut, auf die Bigotterie von Präsident Donald Trump hinzuweisen – in den USA engagieren sich Sportlerinnen und Sportler sehr viel mehr für soziale Gerechtigkeit als in Europa. Kaum jemand, der nicht seine eigene Stiftung ­betriebe.

Das Gesicht hinter der Geldmaschine NFL: Commissioner Roger Goodell. (Bild: Getty Images)

Klar, dass sich auch Roger Goodell nur ungern vorwerfen lässt, ihn gehe all das nichts an. Also ernannte die NFL vor wenigen Wochen den Rapper und Produzenten Jay-Z und dessen Label Roc Nation zum Botschafter und Berater, unter anderem in sozialen Fragen. 89 Millionen Dollar will die Liga aufwenden, um Projekte ihrer Spieler zu unterstützen. Jay-Z soll dabei als Scharnier dienen.

Er ist vor allem Businessman

Nun ist der 49-Jährige durchaus Afroamerikaner, aber als Unternehmer natürlich auch an Profit interessiert – und entsprechend schwerreich, mutmasslich Milliardär wie der Grossteil der NFL-Teambesitzer auch. Einst war Jay-Z am NBA-Team Brooklyn Nets minderheitsbeteiligt, er sitzt bei Heimspielen als Edelfan in der ersten Reihe.

Und: Noch ist es nicht lange her, dass er im Trikot von Colin Kaepernick auf der Bühne stand. Der ehemalige NFL-Quarterback der San Francisco 49ers hatte im Spätsommer 2016 begonnen, zur Nationalhymne zu knien, um auf Polizeigewalt und Rassismus gegenüber Schwarzen aufmerksam zu machen. Er zog damit den Zorn von Donald Trump auf sich, der sich in Tweets unflätig über Kaepernick und andere ­kniende Sportler äusserte und die NFL aufforderte, Spieler wie ihn zu feuern.

Kaepernick hat bis heute kein Team gefunden, im Gegenteil: Er verklagte die NFL und deren Eigentümer gar, weil er denkt, bewusst boykottiert zu werden – auch aus Furcht vor der NFL-Fan­basis, die zu über 80 Prozent weiss ist. Inzwischen haben sich die Parteien aussergerichtlich geeinigt. Aus Solidarität mit ­Kaepernick lehnte Rihanna trotzdem eine Anfrage der NFL ab, an der Superbowl die Halbzeitshow zu bestreiten. Betreut wird ­Rihanna von: Jay-Z.

Ein Bild, das um die Welt ging: Der kniende Colin Kaepernick. (Bild: Keystone/Marcio Jose Sanchez)

Diesem wird nun vorgeworfen, er habe sich mit dem Deal an die NFL verkauft. Und damit die Bewegung um Kaepernick ver­raten. Jay-Z rechtfertigte sich: «Colins Vorhaben war, die Aufmerksamkeit auf soziale Ungerechtigkeit zu lenken. Das hat er getan. Jetzt ist es Zeit für die nächste Phase.»

Abhaken und weitermachen – das kommt schlecht an bei Kaepernick und seinen Mitstreitern. «Diese Einstellung ist jämmerlich», kommentierte Eric Reid, der wie sein ehemaliger Teamkollege während der Hymne kniete, im Gegensatz zu diesem aber wieder aktiv ist. Auf Twitter schrieb der Verteidiger der Carolina Panthers: «Jay-Z braucht das Geld nicht, um auf soziale Ungerechtigkeit hinzuweisen. Er verdient Geld mit den Leuten, die Colin boykottieren. Und die NFL kann sich hinter seinem schwarzen Gesicht verstecken, um das weiterhin zu tun.»

«Lassen Sie Ihre Kinder auf gar keinen Fall Football spielen. Niemals!»Dave Pear
Ehemaliger Footballprofi

Und Roger Goodell? Der hat sich seit der Ankündigung nicht mehr gemeldet und scheint mit sich zufrieden – die NFL tut mit ­dieser Zusammenarbeit etwas gegen den sozialen Unfrieden in den USA. Nur sind 89 Millionen in einem 15-Milliarden-Budget nicht besonders signifikant. Sie entsprechen 0,6 Prozent.

Goodell schafft die Probleme gerne mit Geld aus der Welt. 2011 wurde die NFL von Tausenden ehemaliger Spieler und deren Familien verklagt, nachdem sie sich jahrelang geweigert hatte, Verantwortung für Spätfolgen wahrzunehmen. Dabei hatten Studien belegt, dass Depressionen, Alzheimer, Parkinson oder die Demenzerkrankung CTE mit Schlägen gegen den Kopf zu erklären sind, die im Laufe einer Footballkarriere unvermeidlich sind. Der Film «Erschütternde Wahrheit» («Concussion») von 2015 stellt das eindrücklich dar.

Aktive tragen Risiko selber

Im richtigen Leben dauerte der Rechtsstreit fünf Jahre, ehe das Oberste Gericht klarstellte, dass die NFL bis zu einer Milliarde Dollar Entschädigungen zahlen müsse. Unter anderem an Dave Pear, der heute bezüglich der NFL sagt: «Lassen Sie Ihre Kinder auf gar keinen Fall Football spielen. Niemals!» Die Summe gilt jedoch nur für ehemalige Profis, wer jetzt ­aktiv ist, trägt das Risiko selber. «Hätte ich einen Sohn, würde ich es lieben, wenn er selbst spielt. Es gibt überall Risiken im Leben. Auch wenn man auf dem Sofa sitzt», meinte Goodell flapsig dazu. Ausserdem weigerte sich seine NFL trotz ursprünglicher Zusage, Geld in einen Forschungsfonds einzuzahlen.

Den Fan scheint all das nicht zu vergraulen. Die TV-Ratings sind wieder dort, wo sie vor 2017 waren, als Trump den Laden mit seinen Tiraden gegen protestierende Spieler gründlich aufmischte. Das Geschäft brummt wieder, und Analysten von Bloomberg sind überzeugt, dass Goodell sein 25-Milliarden-Ziel sogar vor 2027 erreichen kann. Dann, wenn 2022 neue TV-Verträge verhandelt werden.

Löhne steigen immer weiter

Knapp 5 Milliarden Dollar erhält die NFL derzeit von ihren Fernsehpartnern. Für die nächste Vergabe, so Bloomberg, sei mit einer Steigerung von über 50 Prozent zu rechnen. Vor allem im Bereich der Streamingrechte liegt noch viel Potenzial brach.

Für die Clubs ist noch mehr TV-Geld natürlich eine gute Sache – schliesslich erhalten sie so jedes Jahr mehr Zuschüsse von der Liga. Es ist auch für die Spieler einträglich, denn dadurch erhöht sich die an diese Ausschüttungen gekoppelte Gehaltsobergrenze und folglich auch ihre Gehälter. Pittsburgh-Quarterback Ben Roethlisberger kassiert 2019 nicht weniger als 45 Millionen Dollar. Der Durchschnittslohn stieg im letzten Jahrzehnt um fast 100 Prozent auf fast 2 Millionen, der Medianlohn beträgt 860 000 Dollar.

Er darf sich freuen über den Geldregen in der NFL: Pittsburgh-Quarterback Ben Roethlisberger. (Bild: Keystone/Keith Srakocic)

Auf der anderen Seite denkt die Liga in ihrem Profitstreben immer lauter darüber nach, die Regular Season von 16 auf 18 Spiele zu verlängern. Noch wehrt sich die einflussreiche Gewerkschaft dagegen, und bevor im kommenden Jahr ein neuer Gesamtarbeitsvertrag ausgehandelt werden muss, droht sie vorsorglich mit einem Spielerstreik.

Die Lösung könnte sein, dass sich die Zahl der Einsätze für die einzelnen Spieler nicht ändert und sie jeweils zweimal aussetzen dürfen (oder müssen) und die Teams trotzdem zu einem zusätzlichen Heimspiel kommen.

Wer also zahlt dafür? Mal ­wieder der Fan, der weder eine Gewerkschaft hat noch einen Commissioner. Seit 2006 ist der ­Ticket-Durchschnittspreis von 62.38 auf 100.26 Dollar gestiegen – auf dem Zweitmarkt sind sie gar noch viel teurer. Auch das NFL-eigene Pay-TV erlebte auf diese Saison hin einen Aufschlag von 22 Prozent. Ein kleines Bier im Stadion kostet laut ­statista.com durchschnittlich 8.17 Dollar und der Hotdog 5.40 – vor 20 Jahren waren es keine 2 Dollar.

Erstellt: 07.09.2019, 14:02 Uhr

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