Müde oder matt?

Schachblindheit: Wie kann es sein, dass Weltmeister Carlsen ein peinlicher Fehler unterläuft? Und sein Gegner ihn nicht ausnutzen kann?

«Dramatische Ereignisse auf dem Schachbrett»: King im Element. Video: PowerPlayChess / Youtube

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Jeder, der ein wenig Schach spielt, kennt die Situation. Verliebt in die eigene Stellung setzt man zu einem vermeintlich unwiderstehlichen ­Angriff an. Und verliert umgehend eine Figur – oder sogar die Partie. Man hat gepatzt wie ein Anfänger und fühlt sich entsprechend sehr allein.

Doch es gibt Trost. Selbst Welt­meister Magnus Carlsen (23) passieren Anfängerfehler. Schlimmer noch: Gegner Wiswanathan Anand (44) nutzte ihn für einmal nicht aus. Er übersah Carlsens Malheur schlicht. In der sechsten Partie des WM-Matchs am Wochenende in Sotschi hatte sich Anand mit Schwarz einschnüren lassen, als der norwegische Weltmeister im 26. Zug seinen König diagonal ein Feld vorrückte, um die Figur in seine Würgestrategie miteinzubeziehen. Im Normalfall hätte ihm dieser Zug zwei Bauern und womöglich die Partie gekostet. Anand erkannte rasch, welch grosse Chance er ausgelassen hatte. Er verlor den Faden und ging unter.

Solche Aussetzer werden Schachblindheit genannt. Es gibt Bücher und Artikel über sie, Wikipedia widmet ihr einen eigenen Eintrag, in dem einige prominente Beispiele aufgeführt sind. Kaum ein Spitzenspieler ist gefeit vor groben Übersehern. Carlsen unterlief er aufgrund einer gewissen Non­chalance in besserer Stellung, Anand, weil er sich als Verteidiger einen Plan zurechtgelegt hatte und stur auf seinem Denkpfad blieb. Der Welt­meister fühlte sich zu sicher, der ­Herausforderer zu unsicher; beide verstiessen gegen die Grundregel, die jedem Anfänger eingebläut wird: «Prüfe vor jedem Zug, ob nicht eine Figur hängt.»

Die Profis heute sind topfit

Der studierte Mediziner und deutsche Schachgrossmeister Siegbert Tarrasch diagnostizierte Ende des 19. Jahr­hunderts «das Wesen der Krankheit in einer konzentrischen Einengung des Bewusstseins» aufgrund «hochgradiger Erregung». Sein Landsmann Jacques Mieses sah eher «die Ermüdung des Gehirns» als Grund für Schachblindheit. Im Vergleich zu früher, als durchaus rauchend gespielt worden ist, sind Schachprofis heute sportlich allerdings topfit, insbesondere ein Carlsen.

Das spricht für die These Tarraschs, zumal Weltmeisterschaften Spieler vor allem psychisch enorm fordern. Garri Kasparow, einst so dominant wie heute Carlsen, behauptete sogar, dass in einem WM-Match letztlich die Psychologie über Sieg oder Niederlage entscheide. Sein Kampf 1987 gegen Anatoli Karpow illustriert, was er damit meinte. Er musste die letzte Partie gewinnen, um sich den Titel zu sichern, spielte untypisch und provozierte so Herausforderer Karpow, bis dem eine Art «Fingerfehler» unterlief, weil er bei seinen Voraus­berechnungen gedanklich eine Figur falsch platziert hatte.

In Sotschi ist Ähnliches zu beobachten. Da trifft – salopp ausgedrückt – ein lümmelhaftes Naturell mit genialischem Intellekt auf einen gesitteten Gentleman, dessen Denkfähigkeiten nicht weniger beeindruckend sind. Anand nimmt die Emotionalität seines Gegenübers stoisch hin. Mit etwas Boshaftigkeit hätte er Carlsens Missgriff vielleicht erkannt. Dem stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, als er seinen Fehler erkannte.

Erstellt: 19.11.2014, 07:00 Uhr

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