Muttertag in New York

Mary Keitany gewinnt den grössten Marathon der Welt. Sie zeigt: Auch ein 2-faches Mami kann noch schnell sein.

Als hätte sie einen angenehm-herbstlichen Longjog hinter sich: Mary Keitany kommt nach 2:24:25 durchs Ziel. Fotos: Keystone

Als hätte sie einen angenehm-herbstlichen Longjog hinter sich: Mary Keitany kommt nach 2:24:25 durchs Ziel. Fotos: Keystone

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Klein und leicht sind fast alle weltbesten Marathonläuferinnen. Mary Keitany unterbietet ihre Konkurrentinnen spielend. 42 kg wiegt sie bei 1,58 m bloss. Wer schon neben ihr stand, kann sich darum nur die Augen reiben. Dieses Persönchen zählt zu den Besten der Szene, ist hinter Weltrekordhalterin Paula Radcliffe gar die Zweitschnellste über die Prestigestrecke dank 2:18:37 Stunden.

Hinzu kommt: Die 33-jährige Kenianerin ist zweifache Mutter – die Kinder sind acht und zwei Jahre alt –, was die Mama aber kein bisschen in ihrer Rolle als Vorläuferin zu bremsen scheint. ­Gestern dominierte sie den Marathon von New York. Sie lief nach 2:24:25 Stunden im Central Park ins Ziel ein, als hätte sie gerade einen angenehm-herbstlichen Longjog hinter sich. Da musste ihr Landsmann Stanley Biwott härter ar­beiten, der in 2:10:34 Stunden solo ankam. Beste Schweizer Teilnehmer waren die Rollstuhlfahrer Manuela Schär (2.), ­Sandra Graf (3.) und Marcel Hug (3.).

 ­Ingrid Kristiansen gewann in den 80er-Jahren auch nach der Geburt ihres ersten Kindes weiterhin Marathons.

Dass Spitzenathletinnen auch als Mütter zu den Besten zählen können, ist eine neuere Entwicklung im Hochleistungssport. Lange galt das erste Kind für Sportlerinnen als Karriereknick – auch weil sich das Leben in der Doppelrolle als zu kräfteraubend erwies.

Eine der frühen Ausnahmen hiess ­Ingrid Kristiansen. Die Norwegerin ­gewann in den 80er-Jahren auch nach der Geburt ihres ersten Kindes weiterhin Marathons – und kommt kaum zufällig aus einem Land, das betreffend Gleichberechtigung der Geschlechter zur Avantgarde zählt.

Bei Frauen aus Kenia, die oft jung Kinder gebären, verzögerte sich diese Entwicklung aus kulturellen Gründen. Zumal die Männer der afrikanischen Top­läuferinnen erst akzeptieren mussten, dass ihre Partnerinnen für den Unterhalt sorgen, sich damit eine grosse Unab­hängigkeit verschaffen und die gängigen Rollenmodelle verändern. Dass diesen Pionierinnen ab den 90er-Jahren europäische Manager zur Seite standen, half ­ihnen im schwierigen Prozess.

Die Männer der Top­läuferinnen mussten erst akzeptieren, dass ihre Partnerinnen für den Unterhalt sorgen.

Das Erfolgsmodell, nicht nur Frau und Weltklasse, sondern auch Mutter zu sein, verkörpert Keitany beispielhaft. Ihr Mann Charles Koech, einst ein Halbmarathonläufer mit Bestzeit von 61 Minuten, hat erkannt, dass er von den schnellen Beinen seiner Frau besser leben kann, als wenn er das Geld heimbringen würde. Als ihr Trainingspartner kann er seinen Teil zum Erfolg trotzdem beitragen.

Dennoch stellt sich die Frage, wie Keitanys Karriere ohne die Geburten verlaufen wäre. Immerhin steht sie auch für eine andere Entwicklung im Frauen­marathon: Während der Männerrekord in den letzten Jahren sank, stehen Paula Radcliffes 2:17:18 Stunden nun schon seit 13 Jahren. Nach der Geburt ihrer Kinder kam die Britin trotz weiterer Siege an wichtigen Rennen nie mehr annähernd an ihre Bestleistung heran.

Der Zusammenhang zwischen Marathonlaufen und Kinderkriegen harrt noch der wissenschaftlichen Auf­arbeitung. Was man weiss: Vier der schnellsten Marathonläuferinnen stellten ihren Rekord als Mami auf. Trotzdem bleibt die Frage, wie sich ihre Laufbahnen ohne Geburten entwickelt hätten – und ob sie mit dazu führten, dass die ­Spitzenleistungen bei den Frauen stagnieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2015, 23:15 Uhr

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