Neue Höhen und ein nächster Goldplan

Wieder Gold am Sprung, dazu Bronze am Boden– die EM-Medaillen treiben Giulia Steingruber nur noch weiter an. Was liegt noch drin?

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Kunstturnen ist nicht nur eine gewaltige Schinderei, sondern manchmal auch ein Dauerstress. An einem Tag wie dem gestrigen zum Beispiel. Drei Geräte­finals hatte Giulia Steingruber am letzten Tag der Frauen-EM in Sofia zu bestreiten. Und, weil sie sich dabei besonders erfolgreich angestellt hatte, auch noch zwei Siegerehrungen. Gut: Es waren von ihr wenige Klagen zu vernehmen. Vielmehr trug sie ein ständiges Lächeln im Gesicht. Nach zwei EM-­Medaillen am Sprung und Boden war Steingruber im siebten Himmel.

Russische oder rumänische Ausnahmeturnerinnen sind sich das eher gewohnt, sie verfolgen den Anspruch, in möglichst allen vier Gerätefinals präsent zu sein. Für Steingruber, die 20-jährige Ostschweizerin, ist es neu. Mit erneutem Gold am Sprung und mit der sensationellen Bronze am Boden flog sie in ganz neuen Höhen. Eine zweifache Europameisterin gab es vor ihr im Schweizer Frauenkunstturnen nicht. Und es war ein Steigerungslauf dahin. 2012 Bronze am Sprung. 2013 Gold am Sprung und Rang 6 am Boden. 2014 Gold nun am Sprung und Bronze am Boden.

Alles im Hinblick auf Rio

Selbstverständlich ist der Erfolg aber nicht. Vor acht Wochen hatte sie sich seit langem wieder einmal verletzt, am Knie, krank war sie ausserdem geworden. Drei Wochen Training hatte Steingruber daher nur in den Beinen, als sie nach Bulgarien reiste, und eine gewisse Müdigkeit setzte ihr zu. Eine Willensleistung war es, in der Quali­fikation am Sprung zu gewinnen, am Boden souverän Dritte zu werden und am Balken Achte – und auch noch das Team in den Final der besten Acht zu führen. Einmal mehr war sie da der zuverlässige Captain des Nationalteams, als es sie brauchte. Doch als irgendwann am Sonntagnachmittag die letzten Fragen beantwortet und Autogramme geschrieben waren, da dachte sie nur noch an eins: an die paar freien Tage, die nun folgen.

Die Gefahr, dass der Schlendrian einzieht, ist gering, nur schon wegen Cheftrainer Zoltan Jordanov. Aber auch Steingruber blickte in Sofia schon in die Zukunft, da stand sie noch immer in ihrem roten Turndress mit den Schweizer Kreuzen beim Hallen­ausgang. «Die Übungen aufstocken», «mich weiter verbessern», «steigern» – das waren Ausdrücke, die sie dabei benutzte. Sie wird keine Zeit verlieren, an ihrem Vierkampf zu feilen, und sie hat keine Zeit zu verlieren. Auf Olympia in Rio 2016 ist alles ausgerichtet. In Steingrubers Karriere ist das der Höhepunkt. Alles andere sind Zwischenschritte.

Und jetzt ein Männersprung

Dass diese aber sehr wohl einträglich sein können, hat Sofia gezeigt. Und weist darüber hinaus: Die kräftige Turnerin mit dem widerstandsfähigen Körper hat an allen Geräten die Möglichkeiten, den Schwierigkeitswert weiter zu steigern. An weiteren Elementen am Boden etwa feilt sie schon längst. Diese Bronze oder Rang 8 am Balken – das muss es nicht gewesen sein. Steingruber hat das Potenzial, ihre Karriere zu einer echten Ära wachsen zu lassen.

Ja, selbst am Sprung liegt noch mehr drin, «hat sie Luft nach oben», wie Trainer Jordanov sagt. Und im Umfeld der EM verriet er erstmals, was sein Plan für Rio ist: Er will, dass Stein­gruber eine Weltneuheit lernt: den Tschussowitina mit einer zusätzlichen halben Schraube. Das gilt als Männersprung, keine Frau hat ihn je homologieren lassen. Zudem soll ihr zweiter Sprung, der Jurtschenko, künftig zweieinhalb Schrauben umfassen. Steingruber bestätigt das enorm anspruchsvolle Vorhaben, spricht aber nicht besonders gerne darüber. Sie will nicht zuletzt sich selbst keine vorschnellen Hoffnungen machen. Aus gutem Grund: Dieser Weg ist steil.

Jordanov aber ist überzeugt: «Sie kann das.» Und kann sie es wirklich, ist es ein Frontalangriff auf die Amerikanerinnen, bei denen der Jurtschenko mit zweieinhalb Schrauben – genannt Amanar – ein Pflichtsprung ist.

Anders gesagt: Es wäre der Schlüssel zu Olympiagold.

Erstellt: 18.05.2014, 22:38 Uhr

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