«Nur noch eine Qual»

Lucas Fischer hat genug gelitten: Nach vielen Tiefschlägen geht eine hoffnungsvolle Turnkarriere jäh zu Ende.

Hoch über dem Barren im einmaligen Karrierehoch: Lucas Fischer gewinnt 2013 EM-Silber. Foto: Sergei Ilnitsky (EPA, Keystone)

Hoch über dem Barren im einmaligen Karrierehoch: Lucas Fischer gewinnt 2013 EM-Silber. Foto: Sergei Ilnitsky (EPA, Keystone)

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Es ist das letzte Kapitel, doch irgend­etwas an der Geschichte ist falsch. Eine Heldenerzählung hätte es sein können, doch es wurde zum traurigen Drama. Und am gestrigen Dienstag endet es. Mit Tränen, viel zu früh. Lucas Fischer, einst das grösste Talent im Schweizer Kunstturnen seit langer Zeit, tritt kurz nach seinem 25. Geburtstag vom Spitzensport zurück. Eine Warze in der rechten Handfläche zwingt ihn dazu. «Es war der schwierigste Entscheid meines Lebens», sagt er an einem Medientermin in Aarau.

Geplagt von Verletzungen und Rückschlägen, hat Fischer in den vergangenen Jahren stets gegen diesen Lauf des Schicksals gekämpft. «Aber irgendwann ist man einfach müde», erklärt der Schweizer Nationaltrainer Bernhard Fluck. Der Zürcher verliert mit Fischer einen Turner mit immensen Qualitäten, die dieser nur allzu selten beweisen konnte. Eigentlich: nur einmal. An der EM 2013 in Moskau errang er an seinem Lieblingsgerät Barren die Silbermedaille, und wie Fischer glaubte auch Fluck an eine bessere Zukunft, an einen endlich verletzungs- und sorgenfreien Weg nach Rio de Janeiro. Es war klar: Mit Fischer ist sein Team besser dran als ohne.

Die Epilepsie, ein Risiko

Der fragile Körper des Aargauers war für weitere Höhenflüge aber nicht gemacht. Fünfmal musste sich Fischer im Laufe seiner Karriere am Fuss operieren lassen, zweimal am Knie. Die Bänder ­waren lädiert und der Rücken geschunden. Und war einmal etwas Euphorie angebracht wie nach der EM 2013, holte ihn garantiert ein Tiefschlag zurück auf den Boden. Gut drei Monate nach dem ­Gewinn der Silbermedaille erlitt Fischer schon wieder einen epileptischen Anfall, den insgesamt siebten. Die Krankheit, drei Jahre zuvor aus dem Nichts ­gekommen, hatte Fischer fest im Griff.

Es war ein Schock gewesen, am 14. August 2010, als er seinen ersten Anfall erlitt. Wenige Tage später kam noch einer, und im Jahr darauf sackte Fischer sogar in aller Öffentlichkeit zusammen: während eines Wettkampfs in Deutschland. Die Epilepsie wurde zum Risiko – auch für Fischers Trainer.

Mit starken Medikamenten bekam er die Krankheit in den Griff, und er akzeptierte sie zusehends, nannte sie «meinen Rucksack», und besser wurde es tatsächlich, als er ausserdem mit Singen ­begann. Der musisch begabte Fischer nahm Gesangsstunden, und im Februar 2014 erschien seine erste Single, «Back Right Now». Endlich zurück. Die Musik wird Fischer über die Karriere hinaus bleiben. Er hat bereits Kontakte mit mehreren Managements geknüpft.

So sehr er aber an den Titel seines ­Liedes glaubte – als Turner gelang ihm die Rückkehr nicht mehr. So sehr sein Traum von der Olympiateilnahme lebte – er war angesichts seines Trainingsrückstandes nicht mehr realistisch. Gespräche mit Bernhard Fluck ergaben im vergangenen Januar: Fischer sollte sich ganz dem ­Barren widmen, auf die EM 2017 hin­arbeiten und da wieder eine Medaille ­anstreben. Davon wussten die wenigsten. Das Schweizer Fernsehen porträtiert ihn diesen Sommer in der wöchentlichen ­Serie «Mein Weg nach Rio».

Schon wieder eine Operation?

An der Team-SM vom kommenden ­Wochenende in Lenzburg wollte Fischer sein Comeback geben, doch das nächste Unheil hatte sich angekündigt. Die hartnäckige Warze an der Handfläche, herrührend von Blasen aus dem Training, erforderte medizinische Massnahmen. «Die Schmerzen wurden unerträglich», berichtet Fischer und fügt mit stockender Stimme an: «Die letzten Monate ­waren nur noch eine Qual.» Und als ihm der untersuchende Arzt die nächste mehrmonatige Pause in Aussicht stellte, da war ihm klar: «Ich kann nicht mehr.»

Einen «Entscheid der Vernunft» nennt Fischer seinen Rücktritt, «so bitter» er sein mag nach einer 21-jährigen Turnerlaufbahn. Aber auch Fluck findet: «Es war der richtige Schritt.» Trotzdem spricht sowohl der Nationaltrainer wie die Privatperson aus Fluck, wenn er sagt: «Ich werde Lucas vermissen.»

Erstellt: 15.09.2015, 23:13 Uhr

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