Hintergrund

Olympia zu Hause – Fluch oder Segen?

Andy Murray (gegen Roger Federer) und Bradley Wiggins (gegen Fabian Cancellara) gehören zu den Goldanwärtern Britanniens. Mit dem Publikum im Rücken fliegen sie zum Erfolg – müsste man meinen. Es gibt aber auch berühmte Gegenbeweise.

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Der Chinese Liu Xiang hätte der grosse Star der Olympischen Sommerspiele 2008 werden sollen. Doch sein Traum von der Goldmedaille über 110 Meter Hürden zerbrach noch vor dem ersten Hindernis – 91'000 Menschen im Stadion und Abermillionen vor den TV-Bildschirmen sahen zu. Statt als Triumphator über die Ziellinie zu schiessen, riss sich Liu Xiang die Startnummer 1356 von der Hose und humpelte zurück in Richtung Start. Der Weltrekordler habe wegen einer überaus schmerzhaften Entzündung am Achillessehnenansatz aufgeben müssen, lautete die offizielle Version der Chinesen. Liu Xiang sei nicht fit gewesen und die chinesischen Offiziellen hätten ihn deshalb zum Forfait gedrängt, besagten Gerüchte, die kurz darauf aufkamen.

Wie auch immer es zum Drama um Liu Xiang kam, ob er nun einfach zu hart trainiert hatte, um den Erwartungen des 1,3-Milliarden-Volkes gerecht zu werden, oder ob er tatsächlich zum Verzicht gezwungen wurde: Seine Geschichte zeigt wie keine zweite, welch immenser Druck bei Olympischen Spielen im eigenen Land auf den grossen Sportstars einer Nation lastet. Gibt es bei Olympia also jenen sogenannten Heimnachteil, den der Schweizer Eishockey-Nationaltrainer Ralph Krueger an der WM 2009 in Bern heraufbeschwor, um Kritik an den Leistungen seiner Equipe entgegenzuwirken? «Nein», sagt ausgerechnet Liu Xiang, der gefallene Star von 2008. «Natürlich hatte ich in Peking mehr Druck als ich nun in London haben werde. Aber ich habe immer versucht, diesen Druck als Motivation und nicht als etwas Negatives zu sehen.»

Die Gastgebernation legt stets gehörig zu

Die Statistik liefert auch keinen Hinweis auf die Existenz des Krueger'schen Heimnachteils. Die Gastgebernationen der letzten fünf Olympia-Veranstaltungen verzeichneten jeweils signifikant bessere Ergebnisse als vier Jahre zuvor. Die Chinesen steigerten sich nach Athen 2004 (32-mal Gold, 17-mal Silber, 14-mal Bronze) in Peking 2008 (51/21/28) am extremsten. Doch auch die Fortschritte der Griechen (6/6/4 statt 4/6/3), Australier (16/25/17 statt 9/9/23), US-Amerikaner (44/32/25 statt 37/34/37) und Spanier (13/7/2 statt 1/1/2) lassen sich nicht nur mit gesteigerten Förderprogrammen erklären.

An den Sommerspielen in London, die am Freitag feierlich eröffnet werden, stehen vor allem zwei Athleten im Fokus: Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins, der sich unter anderem mit Fabian Cancellara um den Sieg im Zeitfahren streiten wird, und Andy Murray, der nach dem verlorenen Wimbledon-Final gegen Roger Federer goldenen Trost sucht. «Ich rate ihnen, sich auf die Vorbereitung und den technischen Aspekt zu konzentrieren und nicht zu sehr ans Resultat zu denken», sagte Liu Xiang gegenüber dem «Independent».

Murray fühlt sich als einer unter vielen

Für Murray ist London 2012 im Vergleich zum Grand-Slam-Turnier von Wimbledon mental sogar einfacher zu bewältigen. Gewöhnlich lasteten im All England Club die Erwartungen der ganzen Nation nur auf ihm, führt er aus. An den Olympischen Spielen sei er dagegen einer von vielen Athleten mit Aussichten auf eine Medaille. Der Schotte ist deshalb optimistisch, dass ihm die Revanche gelingen wird, zumal er das Publikum nach seinen Tränen bei der Wimbledon-Siegerehrung mehr denn je auf seiner Seite weiss. «Ich habe zuerst viel geweint, schliesslich habe ich versucht, mich abzulenken», blickt er auf die Zeit nach der Niederlage gegen Federer zurück. Olympia sei nun mehr als eine Ablenkung. «Wenn ich die Wahl zwischen der Goldmedaille und einem Major-Titel hätte, würde ich mich für die Medaille entscheiden», so Murray. Ein Nachteil für ihn könnte nur die Absenz seines Trainers Ivan Lendl sein. Dieser weilt in den USA, um sich seiner Familie und dem Golfsport zu widmen. Lendl muss sich auf TV-Analysen und Coaching per Telefon beschränken.

«Jetzt muss es Gold sein»

Bradley Wiggins, der erste britische Gewinner der Tour de France, geht mit der Erwartungshaltung in der Heimat sehr offensiv um – vielleicht auch deshalb, weil im Radsport die Nerven keine so entscheidende Bedeutung zu haben scheinen wie etwa in gewissen Disziplinen der Leichtathletik, wo eine falsche Bewegung schon das Ende bedeutet. «Ich kann nicht sagen, dass ich mit Silber oder Bronze zufrieden wäre. Jetzt muss es Gold sein», verkündet der 32-jährige Wiggins, der auf der Bahn schon dreimal Olympiasieger wurde. Mit seinen Leistungen in den beiden Zeitfahrprüfungen an der Tour habe er einen Standard gesetzt, an dem er sich nun messen lassen müsse. Klare Worte – und eine Kampfansage an den Schweizer Titelverteidiger Fabian Cancellara, der es nun mit einem Gegner zu tun bekommt, der wie er selbst seine Ziele ganz klar benennt. Wer am Ende Gold in den Händen halten wird, Wiggins, Cancellara oder ein lachender Dritter, zeigt sich am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag. Dieser Tag könnte dann auch endgültig den Begriff vom Heimnachteil aus der Welt räumen.

Erstellt: 25.07.2012, 12:42 Uhr

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