Pflegt den inneren Schweinehund!

Die (Sport-)Welt ist von diesem seltsamen Tier durchdrungen, die Herrschaft über sich selber im Trend. Doch woher kommt dieser Schweinehund – und soll man ihn bekämpfen?

Karikatur: Felix Schaad

Karikatur: Felix Schaad

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Linus ist ein Philosoph in der Gestalt ­eines daumenlutschenden Buben. Darum wusste der kleine Grosse aus der Comicserie «Peanuts» schon vor einiger Zeit: «Kein Problem ist so gross oder kompliziert, dass man nicht davor weglaufen kann.» Man kann mit anderen Worten und einer Metapher aus dem Sport also sagen: Linus lässt ­seinem ­inneren Schweinehund ganz viel Auslauf. Das macht ihn in unserer Zeit zu ­einem ­Aussenseiter. Die Herrschaft über sich selber, die permanente Selbstoptimierung ist zum Leitmotiv der modernen Gesellschaft geworden. Da werden ­Supermodels gesucht, die ausserordentlichsten Stimmen gekürt und die bestperformenden Manager ausgezeichnet. Leistung ist sexy.

Die Helden dieser Selbstdisziplinierung, des Zwillings der Leistung, sind die Weltklassesportler. In ihrem (Denk-)System bestehen nur die Stärksten. Also diejenigen, welche den eigenen inneren Schweinehund am ­besten zu zähmen vermögen. Legendär ist in diesem Zusammenhang der Motivationsversuch des Radfahrers Udo Bölts, als er seinem Teamcaptain Jan Ullrich 1997 nach langer Führungsarbeit während der Tour de France zurief: «Quäl dich, du Sau!» So viel Kraft hatte er dann doch noch. Weil er sich aber auch in vielen anderen Lebensbereichen offenbart, kennt ihn fast jeder. Und fast jeder betrachtet ihn als seinen Feind.

Hund mit eigenen Forschern

Wobei man genau genommen gar nicht weiss, ob dieser Schweinehund existiert. Nachweisen lässt er sich nicht. Wir erkennen ihn bloss an seinen Auswirkungen, etwa indem wir uns nicht zu Dingen durchringen, obwohl wir sie eigentlich schaffen möchten oder sollten, und darum ein schlechtes Gewissen bekommen. Aus dieser Unkenntnis über den inneren Schweinehund gibt es durchaus ein paar Legenden, die es auszuräumen gilt. Das beginnt schon bei seinem Aussehen – sofern man sich mit seiner Gestalt auseinandersetzt. Gerne wird er mit Schweinekopf und Hundekörper gezeichnet (oder umgekehrt). Das ist falsch. Man muss den inneren Schweinehund gemäss seinen Forschern – ja, das gibt es – als «Genitivus subiectivus» lesen. Der Hund ist mit anderen Worten das Subjekt, das abwertend als Schwein bezeichnet wird. So mancher Halter unseres liebsten tierischen Freundes wird sich nun vielleicht fragen, warum aus­gerechnet der Vierbeiner ein Schwein sein soll. Aber diese Frage können sich auch als «Schweine­backen», «Schweine­priester» oder «Saukerle» titulierte ­Menschen stellen.

Die Angst der Vorväter

Klar ist: Der Schweinehund, wir reden jetzt vom äusseren, ist einzigartig und eine allgemeine Bezeichnung für einen Jagdhund, der Wildsauen vor sich her treibt. Ende des 19. Jahrhunderts sprang er vom Körperlichen ins ­Metaphorische über. In jener Zeit sorgte sich Europa nämlich um seine jungen Männer, wie die Zürcher Historiker Jakob Tanner und Philipp ­Sarasin nachwiesen. Die ­Jugend leide unter ­einer Willens- und Nervenschwäche, sei also nicht mehr Manns ­genug, glaubte man damals. Frauen ­kamen in diesem Zusammenhang nicht vor.

Diese Angst vor der männlichen Verweichlichung passte so gar nicht in das Männerbild dieser Epoche: Zackig, energisch, fit sollte der Mann sein, letztlich also kriegstauglich. Die deutsche Militärsprache propagierte darum fleissig die Überwindung des inneren Schweinehunds. Er hat es nie über die Sprachgrenze hinaus geschafft. Keine andere Sprache kennt ihn – aber immerhin seine Auswirkungen. Besonders beliebt war die Ausmerzung des Hundes in der Nazizeit. Das hat seine Parallele. Den Feind im Innern – Andersdenkende, ­Juden – galt es ja auch in der sichtbaren Welt zu bekämpfen.

Es lässt sich Geld verdienen mit dem Schweinehund

Nazideutschland fiel, nicht aber der innere Schweinehund. Im Nachkriegsdeutschland führte ihn so mancher Turnlehrer (und Altnazi) fort. Das Tier hatte damit seine zweite, weitaus harmlosere Stufe erreicht. Denn wer als Soldat im Ersten oder Zweiten Weltkrieg seinen inneren Schweinehund überwinden sollte, musste also auch töten – und ­damit rechnen, getötet zu werden. Im Jahr 2015 befinden wir uns nun in der dritten Stufe der inneren Schweinehund-Evolution: Er hat sich in allen ­Lebensbereichen breitgemacht.

Es lässt sich darum gutes Geld mit seiner Austreibung verdienen: Seien es ­Fitnessprogramme, um knackig auszusehen, Anleitungen zur Rauch-Entwöhnung – oder um ganz allgemein glück­licher zu leben. Selbst die Kunst befasst sich mit ihm: Zumindest widmete ihm die deutsche Sängerin Annett Louisan ein Lied: «Er geht niemals Gassi und schläft, wo er frisst. Dort scheisst er auf alles, was ­anstrengend ist», weiss sie.

Nur ist es mit diesem inneren ­Schweinehund nicht ganz so einfach. Denn ­allein kann er nicht in uns hausen. Verführt er uns nämlich zum Aufgeben, muss uns ja irgendein anderes Wesen von ihm befreien, damit wir uns über ihn hinwegsetzen. Von diesem Wesen – allenfalls auch einem Hund? – reden wir nie. Dabei wäre es gerade für Leistungsoptimierer besonders interessant.

Vorbild «Big Lebowski»

Überhaupt muss man sich fragen, ob der innere Schweinehund sein mieses Image verdient hat. Er mag nicht dem Zeitgeist entsprechen. Bei näherer Betrachtung aber weist er auch positive Züge auf. Man könnte in Anspielung auf den Film «Big Lebowski» mit dem ­Königsabhänger «Dude» als Protagonisten sogar sagen, dass er der «Dude» in uns ist. Er verweigert sich nämlich dieser fast schon zwanghaften Herrschaft über uns selber, lädt zur Entschleunigung ein und hinterfragt aktuelle, ­gängige Denkweisen.

Denn wohin die Ausrottung unseres inneren Schweinehundes führen kann, belegt gerade der Spitzensport: in eine Welt, in der Leistungsbetrug schon fast zum Alltag gehört. Wer also den inneren Schweinehund derart restlos besiegt, kreiert eine sehr hässliche Welt. Darum kann es durchaus besser sein, sich an ­Linus den Weisen zu halten und das ­Unperfekte zu mögen. Es macht uns menschlicher.

Erstellt: 20.05.2015, 23:22 Uhr

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