Plötzlich Profi – und auf der Millionentour

Albane Valenzuela ist erst 21 und ihr Aufstieg im Golf imposant. Bevor die Genferin aber auf der Tour der Weltbesten spielt, will sie noch ihr Studium in Stanford abschliessen.

Grosse Ziele und viele Veränderungen im Jahr 2020: Albane Valenzuela (Foto: Getty Images)

Grosse Ziele und viele Veränderungen im Jahr 2020: Albane Valenzuela (Foto: Getty Images)

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Als alles vorbei war und sie es geschafft hatte, konnte es ­Albane Valenzuela kaum fassen. «Ich habe das Gefühl, als ob ich morgen noch eine Runde spielen müsste», sagte sie, «alles ist surreal.» Hinter ihr lag die nervenaufreibende Qualifikation für die weltbeste Profi-Tour der Frauen, den amerikanischen LPGA-Circuit. An 32 Turnieren werden dort über 70 Millionen Dollar Preisgeld ausgeschüttet, weshalb selbst die stärksten Kandidatinnen noch zwei Wochen geprüft werden, bis nur noch 45 übrig sind.

844 Schläge und drei Wochen bis zum grossen Ziel

Die Genferin, eine der weltbesten College- und Amateur-Spielerinnen, hatte zuerst ein Vorturnier in Venice (Florida) über vier Runden zu überstehen, was ihr mit 9 unter Par auf Rang 8 souverän gelang. Doppelt so lange dauerte dann die finale Qualifikationsstufe («Q-Serie»): In Pinehurst (North Carolina) waren über zwei Wochen gleich acht weitere Runden zu absolvieren, bis die begehrten Spielberechtigungen für die LPGA-Tour 2020 endlich verteilt wurden.

«Ich hätte mir keinen besseren Weg vorstellen können, das zu erreichen.»

Valenzuela, eine der wenigen Europäerinnen, spielte konstant wie ein Uhrwerk und hielt sich permanent in der Spitzengruppe. Nach den 144 Spielbahnen lag sie als beste Amateurin auf Rang 6 – dank 99 Pars, 26 Birdies und nur 19 Bogeys. «Für mich wird ein Traum wahr, auf der LPGA-Tour spielen zu können», sagte sie. «Ich hätte mir keinen besseren Weg vorstellen können, das zu erreichen.» 844 Schläge hatte sie in drei Wochen spielen müssen, bis der Coup geglückt war. «Ich spielte wirklich gut und konstant. Ich musste nicht einmal einen Doppelbogey hinnehmen.»

Die Genferin, die am 7. Dezember ihren 22. Geburtstag feiert, studiert seit 2016 an der Eliteuniversität Stanford im Silicon Valley Politische Wissenschaften und steht in ihrem letzten Jahr. Für sie war sofort klar, dass sie das Studium abschliessen wird. «Dass ich in Stanford studieren konnte, ist etwas vom Coolsten, das mir je passiert ist, und ich freue mich auf den Abschluss.» Die LPGA lässt Studentinnen wie ihr die Möglichkeit, den Einstieg auf die Profitour bis nach der Graduierung zu verschieben.

Zehn Tage nach der erfolgreichen Qualifikation gab Valenzuela vergangenen Dienstag aber bekannt, sogleich den Profistatus anzunehmen, trotzdem aber bis zum Abschluss im Juni Studentin zu bleiben. Das Golfteam Stanford Cardinals so abrupt zu verlassen, sei eine der schwierigsten Entscheidungen ihrer Karriere gewesen, erklärte sie in einem emotionalen Statement gegenüber der Kommunikationsabteilung ihrer Universität.

«Ich werde mein Leben lang ein Cardinal sein»

«Stanford war das grösste Geschenk, das ich je erhalten habe, denn es lehrte mich Lektionen, die über das Schulzimmer und den Golfplatz hinausgehen», sagte Valenzuela. Sie habe gelernt, was Teamwork, Freundschaft und Engagement wirklich bedeuteten, und sei ihren Coachs, vor allem Anne Walker, unendlich dankbar. «Ich werde mein Leben lang ein Stanford Cardinal sein.» Wann und wo sie ihr erstes Profiturnier bestreiten wird, ist gemäss ihrer Mutter Diane noch unklar.

Seit Jahren eine der weltbesten Amateurinnen

Valenzuelas sofortiger Aufstieg in den höchsten Circuit – ein Erfolg, von dem Tausende vergebens träumen – kommt nicht völlig unerwartet. Seit fünf Jahren gehört sie zu den weltbesten Amateurinnen, momentan belegt sie Rang 2. Wiederholt konnte sie sich in der Weltklasse behaupten, beispielsweise mit dem 21. Rang an den Olympischen Spielen von Rio oder dem 37. Rang am Majorturnier in Evian 2019, wo sie die beste Amateurin war.

Valenzuela wird auf der LPGA-Tour 2020 eine von 19 «Rookies» sein. Zu diesen Debütantinnen gehört auch eine Teamkollegin aus Stanford, die Amerikanerin Andrea Lee, die in Pinehurst den 30. Rang belegte. Eine Garantie, auf dieser Tour gleich zu reüssieren, hat aber auch Valenzuela, Tochter eines früheren mexikanischen Spitzenamateurs und einer Französin, nicht.

Das zeigt das Beispiel der Chinesin Muni He, die das Qualifikationsturnier in Pinehurst mit 21 unter Par gewann – aber zuvor 2019 auf der LPGA-Tour an 11 von 19 Turnieren den Cut verpasst und dadurch ihre Spielberechtigung wieder verloren hatte. Das Niveau in der von Koreanerinnen dominierten Tour ist unübertroffen, genau wie die Preisgelder. Über 40 Spielerinnen holen in einer Saison mehr als eine halbe Million Dollar – eine Summe, die auf der Europatour in der Regel selbst die Beste nicht erreichen kann.

Für Valenzuela, deren Vater Alberto sie in Pinehurst als Caddie begleitete, steht 2020 neben dem Profidebüt und dem Studienabschluss noch ein anderer Anlass im Vordergrund – das olympische Golfturnier. «Es ist ein grosses Ziel von mir, mich wieder zu qualifizieren.» Weil sie in der Weltrangliste als Nummer 425 etwas schlechter klassiert ist als 2016 vor Rio, wäre sie momentan noch auf Absagen angewiesen, um in Tokio antreten zu dürfen. Massgebend wird aber die Weltrangliste vom 29. Juni 2020 sein, weshalb sie noch viel Zeit hat, sich ihren Platz zu sichern. Und sie war noch nie eine, die viele Chancen benötigt.



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Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 17.11.2019, 12:03 Uhr

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