Sie fliegen wieder übers Wasser – und sind fast 100 km/h schnell

Die ersten zwei Teams des 36. America's Cup haben ihre Boote gewassert. Die Jachten läuten eine neue Ära ein.

Die ersten Flugversuche gingen schief – doch nun ist das Team New Zealand auf Kurs. Foto: PD

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So sieht er also aus, der Delfin aus Carbonfasern. Zu bestaunen im Hafen von Auckland und im neuseeländischen Frühstücksfern­sehen.

In einer feierlichen Zeremonie wird an einem wolkenverhangenen, regnerischen Septembermorgen das erste Boot der nächsten America’s-Cup-Ära gewassert. Das Team New Zealand tauft es auf den Namen Te Aihe, was in der Sprache der Maori so viel heisst wie «Der Delfin».

Der Delfin wird in Auckland getauft. (Video: Youtube/EmiratesTeamNZ)

Zwei Jahre ist es her, seit die Neuseeländer auf den Bermudas die älteste Segelregatta der Welt zum dritten Mal gewannen. Damals wurde noch mit Zweirumpfbooten, sogenannten Katamaranen, gesegelt. 2021 wird im Cup wieder auf Einrumpfbooten gefahren. Experten sind sich einig, dass die neue Bootsklasse AC75 bei optimalen ­Wind- und Wasserbedingungen imstande ist, die Marke von 50 Knoten zu durchbrechen, also eine Geschwindigkeit von über 93 Kilometern pro Stunde zu erreichen.

Der Alinghi-Chef mag die neuen Boote nicht

Patrizio Bertelli, Modezar und Mäzen des italienischen Teams Luna Rossa, hatte in Verhandlungen mit den Neuseeländern dafür gesorgt, dass die von ihm ungeliebten Katamarane in der kommenden Austragung ersetzt werden. Etwas haben die neuen, 23 Meter langen und 6,5 Tonnen schweren Boote mit jenen von 2017 jedoch gemein: Auch sie verfügen über Tragflächen. Bei ausreichend hoher Geschwindigkeit heben schwenkbare Flügel das Boot so weit an, dass der Rumpf das Wasser verlässt und die Jacht zu fliegen scheint. Auf diese Weise wird der Strömungswiderstand deutlich vermindert. 2013 war das erste Jahr, bei welchem die sogenannten Foils verwendet wurden.

Das Konzept der foilenden AC75 graphisch erklärt. (Video: Youtube/EmiratesTeamNZ)

Kein Fan der neuen Boote ist Ernesto Bertarelli. Der Genfer Milliardär, der mit dem Schweizer Syndikat Alinghi 2003 als erstes europäisches Team den Americas’s Cup gewann (und ihn vier Jahre später erfolgreich verteidigte), sagte gegenüber der NZZ: «Niemand weiss, wie sich dieses Boot verhalten wird. Und niemand weiss, ob es interessante Rennen geben wird.» Er kritisierte zudem, dass nun zum vierten Mal hintereinander ein neuer Schiffstyp eingeführt wurde. In einem Interview mit dem Segelmagazin «Skippers» hielt er fest: «Bei jedem Wechsel des Bootstyps wird der Wettkampf vom Wasser auf das Zeichenbrett verlagert.»

Die Niederlande und Malta mussten sich zurückziehen. Sie konnten die Kosten von über 100 Millionen Dollar nicht stemmen.

Der Titelverteidiger und die vier Herausforderer dürfen je zwei Boote bauen, Zeitpunkt des Stapellaufs: 31. März 2019 für die erste Jacht und 15. Februar 2020 für die zweite.

Team New Zealand versucht es mit Psychologie

Sowohl der Defender aus Neuseeland als auch die vier Challenger aus Italien, England (Ineos Team) und den USA (American Magic und Stars and Stripes Team) liessen die Frist im Frühling verstreichen.

Auch jetzt haben noch längst nicht alle Teams ihr erstes Schiff der Öffentlichkeit präsentiert. Die Neuseeländer aber setzen darauf, dass ihre Bootsenthüllung den Gegnern einen Entwicklungsvorsprung suggeriert und sie so einen psychologischen Vorteil haben. 30 Designer und 35 Bootsbauer steckten 100'000 Arbeitsstunden in die Entwicklung und den Bau der vollends am Computer entworfenen Hightech-Jacht. Alle anderen Teams hatten von der Regel Gebrauch gemacht, ein verkleinertes Testboot des AC75 zu bauen und so erste aerodynamische Erfahrungen und vor allem Daten auf dem Wasser zu sammeln.

Auch die ein verkleinerten Testboote des AC75 fliegen voller Anmut über die Wellen. (Video: Youtube/America's Cup)

Neben dem Umstand, dass sich die meisten Syndikate nicht zu früh in die Karten schauen lassen wollten, gab es einen weiteren Grund für die Verzögerungen im Bau der Boote. In einer ersten Testphase waren die vier Meter langen Arme für die Foils gebrochen – sie hatten den enormen Belastungen von über 20 Tonnen im Labor nicht standgehalten. Als standardisierte Elemente für alle Syndikate in einer italienischen Werft fabriziert, mussten die Teams mit der Fertigung ihrer Boote bis zur endgültigen Lieferung der Foils warten.

Wer fliegen will,braucht Geld

Und als sie endlich da waren, waren es nicht die Neuseeländer, die mit ihnen als Erste abhoben. Das Team American Magic verblüffte nur wenige Tage nach der Wasserung seiner ersten Cup-Jacht mit ersten Flugmanövern. Eindrücklich demonstrierte die Crew in Rhode Island das Resultat von zwei Jahren Arbeit. «Stabil und aufrecht» sei das 26,5 Meter hohe, futuristisch anmutende Schiff vor der amerikanischen Ostküste über den Atlantik geflogen, getragen von einem der beiden Foils, wie die Amerikaner in den sozialen Medien verkündeten.

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Wie erfolgreich die anderen Kampagnen verlaufen, ist schwer einzuschätzen. Die Italiener haben ihre Bootstaufe verschoben, die Briten üben sich in Geheimhaltung, und die Amerikaner von Stars and Stripes verfügen nur über das Geld für den Bau einer Jacht. Eine erste Testregatta diesen Oktober wurde abgesagt. Fehlendes Geld hat auch die Teams aus den Niederlanden und Malta im Sommer ihre Kampagnen zurückziehen lassen. Beide konnten die horrenden Kosten von über 100 Millionen Dollar für Jacht, Team und Crew nicht stemmen.

Während American Magic jubelte, machte sich im segelbegeisterten Neuseeland bereits erste Ernüchterung breit. Der Delfin sollte bei frühen Versuchen ohne Mast und Takelage im Schlepptau eines Motorboots zum Fliegen gebracht werden – ohne Erfolg. Die Sorge war jedoch unbegründet. Unter Segeln schafften es die Neuseeländer doch noch, ihrem Delfin das Fliegen beizubringen.

Nach ersten Flugschwierigkeiten hat es der Deflin doch noch geschafft, abzuheben. (Video: Youtube/EmiratesTeamNZ)

Erstellt: 27.09.2019, 10:39 Uhr

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Spätestens im kommenden Frühling wird sich zeigen, welches Syndikat in der Entwicklung seiner Jachten am weitesten ist. Vor Cagliari auf Sardinien wird vom 23. bis 26. April 2020 die erste Test­regatta der sogenannten «America’s Cup World Series» ausgetragen, an der alle fünf Teams teilnehmen. Für das nächste Jahr sind drei weitere Events geplant, allerdings noch nicht bestätigt. Die Resultate dieser Serie fliessen in den im Januar und Februar 2021 vor dem neuseeländischen Auckland stattfindenden Prada Cup ein. Bei diesem ermitteln die vier bis jetzt gemeldeten Herausforderer jenes Team, das gegen Titelverteidiger Neuseeland im eigentlichen America’s Cup antreten darf. Die Regatta um die älteste Sport-Trophäe der Welt wird dann vom 6. bis 21. März 2021 ebenfalls vor Auckland gesegelt. (erh)

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