Sie nutzt selbst die leeren Tage optimal

Skifferin Jeannine Gmelin siegt immer. Nach einem souveränen Halbfinal greift sie nun erneut nach WM-Gold. Dabei mag die Zürcherin solche Wochen wie in Bulgarien gar nicht besonders.

Seit über zwei Jahren ist Jeannine Gmelin ungeschlagen – aber «Dominanz ist keine Garantie», sagt die Titelverteidigerin vor dem WM-Final. Foto: Robert Perry (Keystone)

Seit über zwei Jahren ist Jeannine Gmelin ungeschlagen – aber «Dominanz ist keine Garantie», sagt die Titelverteidigerin vor dem WM-Final. Foto: Robert Perry (Keystone)

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Kein Wunder, war Jeannine Gmelin nach dem Halbfinal zufrieden. Ein weiterer Sieg, wenig Energie verbraucht und die Gewissheit, dass die Form vor dem wichtigsten Rennen der Saison stimmt – eleganter kann man eine Pflichtaufgabe nicht erledigen. «Verglichen mit dem Vorlauf, war es eine gute Steigerung», sagt Gmelin.

Sie war dosiert gestartet, steigerte gegen Ende der ersten Rennhälfte die Kadenz, und damit nahm das Verhängnis für die Konkurrenz einmal mehr seinen Lauf. Gmelin kann als derzeit Einzige die Schlagzahl über die ganzen 2000 Meter hochhalten und distanziert die Gegnerinnen in der zweiten Rennhälfte meist kontinuierlich. So auch gestern: 1,56 Sekunden betrug der Vorsprung im Ziel auf die Amerikanerin Kara Kohler. Den zweiten Halbfinal dominierte die Irin Sanita Puspure, die Gmelin auf dem Rotsee alles abverlangt hatte. Die Ustermerin weiss um die Gefahr: «Ich erwarte von ihr hohes Tempo. Doch auch ich kann noch eine Schippe drauflegen.»

50 Wasserkilometer pro Tag

Drei Tage Pause hatte sie gehabt seit Montag. Den Vorlauf hatte sie wie erwartet dominiert, mit knapp sechs Sekunden Vorsprung auf die Australierin Madeleine Edmunds. Ein Auftakt wie geplant, kurz darauf ging das grosse Warten los. Strukturieren heisst das Zauberverb für diesen langen Unterbruch, und dies sei nur schon punkto Trainings­gestaltung schwierig: «Ich muss pro Tag zwei Einheiten unterbringen, aber aufgrund dervielen Rennen ist die Strecke nur eine beschränkte Zeit offen. Dazu hat es viele Boote, das Wasser ist schlecht, und die Shuttlebusse fahren nur einmal pro Stunde – da muss man genau schauen.»

Der rein sportliche Teil ist das eine, die leeren Stunden, die es daneben auszufüllen gilt, sind das andere. Sie sind deutlich länger als sonst, denn normalerweise verbringt Gmelin viel mehr Zeit auf dem Wasser. An einem Trainingstag während der Saison kommt sie auf gegen 50 Kilometer. Nun geniessen Regeneration und mentale Frische erhöhteBedeutung. Das bedinge auchAlternativen, sagt sie: «Ich gehe gerne ins Café, da sieht man andere Leute als Sportler. Manchmal lese ich, schaue einen Film. Wichtig ist, dass die Aktivität einen nicht komplett erschöpft.»

Die 28-Jährige ist eine intensive Person. Die Dinge, die sie macht, macht sie am liebsten hundertprozentig oder sonst nach Möglichkeit gar nicht. Sie verhehlt nicht, dass Tage wie in dieser Woche nicht nach ihrem Gusto sind: «Entweder will ich die Zeit ganz für mich brauchen oder dann widme ich sie voll dem Training. Einfach faul herumzuliegen, ist von Natur aus nicht so mein Ding.» Bei den weitaus meisten Rennen wie beispielsweise den Weltcups oder Europameisterschaften absolvieren die Schweizer die Wettkämpfe aus dem Training heraus und nehmen auch das Risiko in Kauf, einmal nicht in Bestverfassung anzutreten.

Ihre Siege erscheinen mittlerweile als Gewohnheitsrecht

Je grösser der Anlass, desto ausgeprägter wird das Training spezifisch auf diesen Wettkampf ausgerichtet, und wer Erfolg haben will, muss auch mit diesen Gegebenheiten umzugehen lernen. Das tat Gmelin: «Es war bei mir ein Teil eines Prozesses. Ich bin aber froh, ist es nur einmal pro Jahr so.»

Sie hat sich mit diesem notwendigen Übel bestens arrangiert. Letztmals wurde sie am 13. August 2016 im Olympia-­Final von Rio geschlagen. Platz 5 und der Gewinn eines Diploms waren aber mehr, als sie sich für den Epilog ihres ersten olympischen Zyklus erträumt hatte.

Seither gewann sie jedes Rennen, das sie bestritt. Ihre Siege erscheinen mittlerweile als Gewohnheitsrecht. Sie mag sich mit dieser gesteigerten Erwartungshaltung nicht anfreunden: «Es ist etwas schade, wir sind Menschen und funktionieren nicht auf Knopfdruck.» Sie weiss aber auch, dass sie durch ihre gewaltige Leistungssteigerung für diese Wahrnehmung mitverantwortlich ist. Sie will das Beste aus der Situation machen: «Grundsätzlich ist es auch ein Privileg, in dieser Ausgangslage zu sein, ich hatte das ja auch angestrebt. Ich nehme die Herausforderung gerne an.»

«Ich lebe im Hier und Jetzt»

25 Monate ist sie nun ungeschlagen, eine für jede Sportart ausserordentliche Überlegenheit. Sie rudert aber nicht für Einträge in die Rekordbücher: «Es ist nicht mein Ziel, so lange wie möglich ungeschlagen zu bleiben, sondern ich will mein Potenzial in den wichtigen Rennen ausschöpfen.» Sie denke über ihre Siegesserie nicht so oft nach, sagt sie: «Dominanz ist keine Garantie. Ich lebe im Hier und Jetzt, es liegt in der Natur des Sports, dass es irgendwann auch wieder anders kommen muss.» Wenn es nach ihr geht, sicher noch nicht morgen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 23:41 Uhr

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