Sie sind die Hoffnung für ein ganzes Land

Südafrika kann am Samstag in Yokohama gegen England zum dritten Mal Weltmeister werden – der Titel käme für die Nation genau im richtigen Moment.

Sie sollen Südafrika am Samstag zum Rugby-Weltmeister machen. Der Titel könnte in ihrer Heimat einiges bewegen. (Bild: The Asahi Shimbun via Getty Images)

Sie sollen Südafrika am Samstag zum Rugby-Weltmeister machen. Der Titel könnte in ihrer Heimat einiges bewegen. (Bild: The Asahi Shimbun via Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist es nur ein Spiel, zweimal 40 Minuten lang, 15 gegen 15, England gegen Südafrika. Und doch ist es viel mehr. Um das zu verstehen, reicht ein Telefon nach Johannesburg.

Hier lebt Shaun Bartlett, und er sagt: «Der Sport kann unser Land verändern, ohne Zweifel. Am Samstag halten alle zusammen, unabhängig von Rasse und Gesellschaftsschicht.» Südafrika braucht Veränderung, die Wirtschaft ist schwer angeschlagen.

Vor zwanzig Jahren war Bartlett noch in Zürich daheim und spielte für den FCZ. 1998 kam er aus Kapstadt und sah die Schweiz als Sprungbrett in eine grössere europäische Liga. Nach knapp zweieinhalb Jahren schaffte er den Wechsel zu Charlton in die Premier League.

Stürmer Shaun Bartlett wurde 2000 Cupsieger mit dem FCZ. Am Samstag drückt er den Rugby-Spielern seiner Heimat die Daumen. (Bild: Andreas Meier/freshfocus)

Diesen Donnerstag hat er seinen 47. Geburtstag gefeiert. Am Samstag hat er viel zu tun. Am Nachmittag trifft er mit den Kaizer Chiefs, bei denen er als Assistenztrainer arbeitet, im nationalen Cup auf die Orlando Pirates. Das ist nicht nur das grosse Derby der Clubs aus dem Grossraum Johannesburg, sondern des südafrikanischen Fussballs überhaupt. Das Stadion mit seinen 90'000 Plätzen ist ausverkauft.

«Das ganze Land schaut den Final»

Die Zeit nimmt sich Bartlett trotzdem, um am Morgen vor dem Fernseher zu sitzen und das WM-Endspiel im Rugby zu schauen. Rugby ist nun nicht sein liebster Sport, das ist natürlich Fussball, und auch Cricket ist ihm näher, weil er es früher selbst spielte. Aber er sagt: «Das ganze Land schaut den Final. Da muss ich es auch.»

Die Springboks, kurz Boks, sind in ihrem Sport eine Weltmacht und die grössten Gegenspieler der sagenumwobenen All Blacks aus Neuseeland. Sie können am Samstag zu ihnen aufschliessen und ebenfalls ihre dritte WM gewinnen. 1995 holten sie den ersten Titel, 2007 den zweiten, und jetzt ist 2019. Die Zwölferreihe geht weiter, wenn die Springböcke ausgerechnet dem Gegner widerstehen, der ihnen im Halbfinal die All Blacks mit einer überragenden Leistung aus dem Weg geräumt hat.

«Wenn der Erfolg fehlt, sind immer die Spieler schuld.»Shaun Bartlett

Fussball ist in Südafrika der Sport der Schwarzen, «seit den Zeiten der Apartheid», sagt Bartlett. 80 Prozent der 57 Millionen Einwohner sind schwarz. Trotz aller Leidenschaft für den Fussball wartet die Nationalmannschaft auf den durchschlagenden Erfolg. Einmal, 1996, ist sie mit Bartlett Afrikameister geworden, erst dreimal hat sie es an eine WM geschafft, letztmals 2010 im eigenen Land. Auch da schieden sie in der Vorrunde aus.

«Wenn der Erfolg fehlt, sind immer die Spieler schuld», sagt Bartlett, «dabei ist es die Führung, die nicht gut ist. Seit 25 Jahren besteht sie aus den gleichen Leuten.» Er vermisst ein Konzept, eine Struktur, um den Nachwuchs zu entwickeln. Er vermisst das, was er im Rugby sieht.

Mandelas Erbe

Rugby ist seit jeher der Sport der Weissen, die nur 9 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Nelson Mandela war es, der ausgerechnet das Spiel mit dem Ei entdeckte, um die Regenbogennation zu versöhnen.

Von den ersten beiden Weltmeisterschaften, 1987 und 1991, waren die Springboks wegen der Apartheid noch ausgeschlossen worden, 1990 wurde Mandela nach 27 Jahren Haft freigelassen, im Jahr darauf begann der Prozess, die Rassentrennung abzuschaffen. Drei weitere Jahre später wurde Mandela Staatspräsident. Und dann kam eben die WM in Südafrika, für die Mandela einen Plan hatte: Die Boks sollten den Titel gewinnen.

Sein Leben ist eine typische südafrikanische Geschichte, sagt er: Siya Kolisi. (Bild: Richard Heathcote/World Rugby via Getty Images)

15:12 besiegten sie im Final Neuseeland. Seit jenem Tag ist die Nummer 6 eine ikonische Nummer im südafrikanischen Rugby, Francois Pienaar trug sie als Captain und Mandela zum Zeichen der Verbundenheit mit der Mannschaft. Chester Williams war der einzige Schwarze.

2007 waren die Boks noch immer sehr weiss, nur zwei Spieler waren schwarz. Jetzt ist das Bild anders, sechs Schwarze standen letzten Sonntag beim Halbfinal gegen Wales in der Startaufstellung. Zu ihnen gehört Siya Kolisi, er trägt die Sechs und ist der erste schwarze Captain in der Geschichte der Springboks.

«Dass ich fähig bin, Leuten zu helfen, inspiriert mich.»Siya Kolisi

Kolisi ist am 16. Juni 1991 geboren worden, einen Tag vor der Abstimmung über das Ende der Apartheid. Er wuchs in Port Elizabeth in bitterer Armut auf, die Eltern waren noch Teenager, die Grossmutter kümmerte sich um den kleinen Siya und brachte als Putzkraft kaum das Schulgeld für ihn auf. Als Zwölfjähriger wurde er auf einem staubigen Platz beim Rugbyspielen entdeckt. Das war sein Glück. So kam er zu einer Schulausbildung.

«Mir ist bewusst», hat Kolisi vor einem Jahr dem «Guardian» erzählt, «dass meine Geschichte eine typisch südafrikanische Geschichte ist. Ja, Profisportler zu sein, ist hart. Und manchmal fragt man sich, ob es das alles wert ist. Aber dann denkt man an seine Herkunft und an die Leute, die zu einem hochschauen. Dass ich fähig bin, Leuten zu helfen, inspiriert mich. Das ist meine Motivation.»

«Ein Erfolg der Springboks hätte einen massiven Einfluss aufs Land.»Shaun Bartlett

Seit dem Juni vergangenen Jahres ist Kolisi Captain. Für Coach Rassie Erasmus war die Hautfarbe für die Wahl nebensächlich, für ihn zählte die Persönlichkeit des 28-Jährigen. Der Gegner bei Kolisis erstem Spiel in der neuen Rolle hiess England. Die Boks lagen 3:24 zurück, bevor er sie noch zu einem 42:39-Sieg führte.

Bartletts Schlusswort

Südafrika ist heute ein Land mit drängenden Problemen. Die Korruption ist gross, die Verschuldung hoch, die Arbeitslosigkeit auch.Darum schreibt Lyn Snodgrass, Professorin an der Nelson-Mandela-Universität, in der Zeitung «The Citizen»: «Viele Südafrikaner haben die Hoffnung, dass der Gewinn der WM zu einem prägenden Moment für das Land werden kann. Ich glaube, er würde für neue Geschichten von jugendlichem Mut und jugendlicher Widerstandskraft sorgen, die das Land dringend braucht.»

Shaun Bartlett sagt es kürzer und meint doch das Gleiche: «Ein Erfolg der Springboks hätte einen massiven Einfluss aufs Land.»

Erstellt: 01.11.2019, 17:27 Uhr

Rugby WM

Endrunde 2019 in Japan

Final: England - Südafrika
Samstag, 10 Uhr in Yokohama (live auf SRF 2)
SR: Jérôme Garcès (FRA)

Head to Head: 42 Spiele (1906 bis 2018)
England 15 Siege (höchster 53:3)
Südafrika 25 Siege (höchster 58:10)
Unentschieden 2 (1906/3:3 und 2012/14:14)

Um Platz 3:Neuseeland - Wales40:17 (28:10)

Bisherige WM-Finals

1987: Neuseelands. Frankreich 29:9

1991: Australiens. England 12:6

1995: Südafrikas. Neuseeland n. V. 15:12

1999: Australiens. Frankreich 35:12

2003: Englands. Australien n. V. 20:17

2007: Südafrikas. England 15:6

2011: Neuseelands. Frankreich 8:7

2015: Neuseelands. Australien34:17

Artikel zum Thema

Südafrika folgt England in den Rugby-WM-Final

Der zweite Finalist an der Rugby-WM in Japan heisst Südafrika. Die Springboks bezwingen im Halbfinal Wales. Mehr...

England schafft die Sensation gegen Neuseeland

Der erste Finalist an der Rugby-WM in Japan heisst England. Der Underdog eliminierte den Titelverteidiger. Mehr...

Wanderer zwischen den Welten

Ein Fünftel aller Rugby-Profis hat seine Wurzeln in Polynesien – trotzdem können Fidschi, Samoa und Tonga kaum davon profitieren. Ihre besten Spieler kämpfen lieber für die grossen Nationen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gemeinsam leben an zwei Orten

Geldblog Reisedetailhändler Dufry wächst wieder richtig

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...