Sie überragt alle

Simone Biles hat in ihrer Disziplin Grosses geschafft. Ihre Strahlkraft reicht aber weit über den Sport hinaus.

Sie ist mit 142 Zentimetern die grösste Turnerin der Gegenwart: Die Amerikanerin Simone Biles am 8. Oktober in Suttgart. Foto:

Sie ist mit 142 Zentimetern die grösste Turnerin der Gegenwart: Die Amerikanerin Simone Biles am 8. Oktober in Suttgart. Foto:

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Normal ist so ein Lärmpegel bei Turnwettkämpfen nicht. Schon als Simone Biles bei dieser Weltmeisterschaft in Stuttgart erstmals in die Halle kam, wurde es laut. Als der Sprecher ihren Namen nannte, musste man nicht auf die Tribünen schauen – man hörte auch so, dass die Teenager den Ton angaben. Dann legte Simone Biles auf der Bodenmatte los, und es war wie bei einem der Beatles-Konzerte in den Sechzigern: Kreischen nach ihrem neuen Doppelsalto mit Dreifachschraube, Kreischen bei jeder gelungenen Landung.

Es schien perfekt zu laufen. In Wirklichkeit aber war auch Simone Biles eines der Opfer von Teamarzt Larry Nassar, Source

Kunstturnen ist ein Sport der Selbstbeherrschung, Präzision und Balance. Es wird zwar auch angefeuert und gejubelt, aber in Massen. Biles ist nun eine Turnerin, die sich und ihrem Sport Neuland erschliesst. 22 Jahre ist die Texanerin alt, 1,43 Meter gross. In Stuttgart hat sie am Dienstag mit dem US-Team ihren 15. WM-Titel errungen. Falls alles normal läuft, kommen bis Sonntag mindestens vier, wenn nicht fünf weitere Goldmedaillen hinzu. Und weil sie zwar schon als 16-Jährige mit dem Gewinnen begann, aber noch genügend Wettkämpfe vor sich hat, wird ihre Titelsammlung sehr lange nicht übertroffen werden, vielleicht nie. Simone Biles ist einer der grössten Stars des olympischen Sports, sie strahlt aber noch weit über ihren Sport hinaus.

Simone Biles zeigt in Stuttgart ihren einzigartigen Sprung. Video: Internationaler Turnverband

Zudem hat sie eine Kindheitsgeschichte, die vom Leben ganz unten erzählt, was jede Unnahbarkeit bricht. Sie steht ganz oben und trotzdem auf dem Boden – eine Mischung, mit der sich die Fans identifizieren. Als Biles vier Jahre alt war, nahmen die Grosseltern sie zusammen mit der jüngeren Schwester in Obhut und adoptierten sie wenig später. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, ihre Mutter war drogenkrank. Die Grosseltern ertrugen es auch, dass Biles schon im Kindergartenalter Salti drehte, sodass irgendwann nur noch die Anmeldung im Turn-Gym half.

Sechs Jahre war sie da alt. Schnell wurde sie besser. Es schien perfekt zu laufen, wie bei allen Athletinnen hinter der Fassade des erfolgreichen US-Turnverbands. In Wirklichkeit aber war auch Simone Biles eines der Opfer von Teamarzt Larry Nassar, der über 15 Jahre hinweg Hunderte von Turnerinnen missbrauchen konnte, auch weil der Verband nicht einschritt.

Die Sprünge tragen jetzt ihren Namen

Bei den US-Meisterschaften im August erhob Biles zum wiederholten Mal schwere Vorwürfe gegen die Funktionäre: «Ihr hattet buchstäblich diesen einen Job, aber ihr habt uns nicht beschützt.» Sie ist entsetzt über die schleppende Aufarbeitung des Skandals. Vom Turnsport wendet sie sich aber nicht ab. Nach den Olympischen Spielen 2016 legte sie eine Pause ein. Als sie zurückkam, war sie noch besser. Und wenn einem die Gegnerinnen ausgehen, kann man immer noch die Grenzen des eigenen Körpers bezwingen, Übungen meistern, die noch keiner Frau zuvor gelangen. Simone Biles sagt, es mache ihr zunehmend Spass, Neues zu erproben.

Der am Boden gesprungene Triple-Double – ein Doppelsalto gehockt mit Dreifachschraube – trägt nun ihren Namen, auch der doppelt geschraubte Doppelsalto als Abgang vom Schwebebalken heisst jetzt: «Biles». Sie hat ihn in Stuttgart zur internationalen Uraufführung gebracht, begleitet von Schreien und Gekreisch.

Erstellt: 09.10.2019, 18:25 Uhr

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