Sie will den Atlantik überqueren – ganz allein

Gabi Schenkel nimmt als erste Schweizerin an der Atlantic Challenge teil. Die Ultramarathonläuferin wird 16 Stunden am Tag rudern, um so schnell wie möglich in Antigua anzukommen.

Gabi Schenkel Ruderin plant über den Atlantik zu rudern. (Bild: Debby Kloos)

Gabi Schenkel Ruderin plant über den Atlantik zu rudern. (Bild: Debby Kloos)

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Es ist eine kalte Nacht, halb vier Uhr morgens, irgendwo in Griechenland. Gabi Schenkel versucht, vorsichtig ihren Fuss zu belasten. Ein Schritt, zwei Schritte, es schmerzt, aber es muss weitergehen. Der Bus dürfte erst in drei Stunden kommen. Schenkel ist ganz allein, vor ihr liegen 90 Kilometer, genau so viele hat sie schon hinter sich gebracht. Sie will ins Ziel kommen, beim Olympiastadion. Warten ist keine Option, trotz Ermüdungsbruch.

Gabi Schenkel hat schon viele Ultramarathons absolviert, sie hat aufgehört, zu zählen. Ultra, das ist alles, was über die normale Marathonstrecke von 42,195 Kilometern hinausgeht. Den ersten bestritt sie mit 17, mit Strassenschuhen und Baumwoll-T-Shirt. Heute ist sie 42 und die Anekdote aus Griechenland – sie kam ins Ziel – dient ihr als Beweis. Für einmal wird die Frau, die sonst so viel lacht und scherzt, ernst und sagt bestimmt: «Ich kann beissen.»

Diese Eigenschaft soll ihr in den nächsten 30, 40, vielleicht auch 50 oder 60 Tagen helfen. Sie soll sie über den Atlantik bringen. Die Zürcherin nimmt an der Talisker Whisky Atlantic Challenge teil, fast 5000 Kilometer zwischen dem Start auf der Kanareninsel La Gomera und dem Ziel auf der Karibikinsel Antigua. 35 Boote legen am Donnerstag ab, 28 davon mit Teams von zwei bis fünf Personen. Sieben nehmen die Regatta allein in Angriff, eine von ihnen ist Schenkel, die erste Schweizer Solo-Teilnehmerin. Ihren Konkurrenten, Baumstämmen von Männern, ist sie körperlich unterlegen. Aber eben, das Beissen, die Ultramarathons.

«Was sind das für Typen?»

Angefangen hat dieses Unterfangen vor zwei Jahren. Schenkel las in den Zeitungen von vier wagemutigen Kerlen, die sich von der Schweiz aus aufmachten, den zweitgrössten Ozean zu überqueren. Marlin Strub, Luca Baltensperger, Yves Schultheiss und Laurenz Elsässer heissen die Freunde, sie beendeten die Regatta als drittes Team, brauchten dafür 30 Tage, 4 Stunden und 59 Minuten. Schenkel weiss noch, wie sie mit ihrer Schwester auf dem Smartphone die live gestreamte Ankunft der vier Männer verfolgte. Beinahe kamen ihr die Tränen, noch heute hat sie Hühnerhaut. Und sie stellte sich zwei Fragen: «Was sind das für Typen?» Und vor allem: «Kann ich das auch?»

Das Schweizer Männerteam bei der Ankunft in der Karibik. (Video: Facebook/Athletic Campaigns)

Schenkel erstellte ein Facebook-Profil, kontaktierte Captain Strub und fand in der Mutter von Baltensperger eine Mitstreiterin. Die Idee war, das Rennen ebenfalls in einem Viererteam in ­Angriff zu nehmen. Doch schon früh in den Vorbereitungen merkten die Abenteurerinnen: Das wird nicht klappen, zu unterschiedlich waren gewisse Vorstellungen. Schlechte Voraussetzungen, um danach über einen Monat auf 16 Quadratmetern zusammenzuleben. Schenkel verliess das Team im August 2018. Sie entschied sich, es allein zu versuchen.

«Ich konnte 180 km laufen, schaffte aber keine fünf Liegestützen.»Gabi Schenkel

Das Jahr 2019 war hart, Schenkel spricht von Horror. Die Teilnehmer sind selber dafür zuständig, alles nötige Material bei sich zu haben. Schenkel musste ein neues Boot auftreiben, Sponsoren suchen, das halbe Lebensersparte investieren und trainieren. «Ich konnte 180 km laufen, schaffte aber keine fünf Liegestützen», erzählt sie. Schenkel war oft im Kraftraum, sie schlief kaum mehr als fünf Stunden, hatte nur vier Ferientage. Sie wollte überhaupt an Masse zulegen, beim Gespräch in einem Restaurant bestellt sie eine Kalorienbombe, einen Avocado-Burger mit viel Pommes frites. Auf 60 kg Körpergewicht wolle sie noch kommen, bevor es losgeht, sagt sie. Zwei Wochen vor dem Start fehlen noch eineinhalb Kilogramm.

Auf alles vorbereitet

Schenkel, vorher noch ohne Rudererfahrung, trainierte erst auf dem Ergometer. Sie fand es öde wie ein Laufband im Fitnessstudio und schrieb sich für einen Anfängerkurs ein. Mit einem gewöhnlichen Ruderboot legte sie insgesamt 800 Kilometer auf dem Zürichsee zurück, auch nachts und an heissen Tagen. Einmal ruderte sie um 6 Uhr in Horgen los, um sich um 13 Uhr eine Pizza in den Hafen von Rapperswil bringen zu lassen, die sie danach auf dem Boot verspeiste.

Im Juli war das mit Kojen ausgestattete Boot bereit. Sie verbrachte gleich dreieinhalb Wochen darauf. In den Niederlanden bereitete sie sich vor, testete die Entsalzungsanlage, das Treibankerwerfen am Tag und in der Nacht, die Mahlzeiten, das Schlafen, das ganze Programm. Als sie in einen Sturm kam und die Besatzung eines vorbeifahrenden Bootes fragte, ob man sie abschleppen müsse, rief sie zurück: «Nein, nein, ich muss das lernen!» Heute ist ihre einzige Sorge, dass sie alles einpackt. Und ankommt, das ist das erste Ziel. Das zweite: Spass haben. Das dritte: So schnell wie möglich in Antigua sein.

Mit dem Projekt wird Schenkel kein Geld verdienen. Die Chance, dass sie einen Gewinn erzielt, ist schon klein, und wenn dieser Fall eintreten sollte, wird sie das Geld spenden. Schenkel unterstützt zwei Organisationen, die sich für die Säuberung der Ozeane einsetzen. Sponsoren können bei ihr noch immer Meilen kaufen und dafür ihren Namen auf das Boot drucken lassen. Auch dieses Unterfangen stellte sich als «grosse Geduldsprobe» heraus, für Merchandising fehlten Geld und Zeit.

Jetzt hat sie Ruhe. Jetzt muss sie nur noch rudern. 16 Stunden pro Tag. Ganz allein.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 11.12.2019, 22:02 Uhr

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