Siegertypen in Opferpose

Die New England Patriots sind zurück in der Superbowl. Trotz der Liga, dem bösen Feind.

Tom Brady wirft den Ball auch mit 39 noch präzis zu seinen Mitspielern. Foto: Getty

Tom Brady wirft den Ball auch mit 39 noch präzis zu seinen Mitspielern. Foto: Getty

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Unerfreulich kalt war es im Norden, und darum war Roger Goodell schon zu verstehen. Der Mann ist Commissioner der National Football League (NFL), und als solcher macht es sich nicht schlecht, zumindest in einem Halbfinal dem Sieger für die Teilnahme an der Superbowl zu gratulieren. Goodell entschied sich diesen Sonntag für die Partie Atlanta - Green Bay, vielleicht ja tatsächlich aus meteorologischen Gründen: Im Gegensatz zu den New England Patriots mit ihrem kaum windgeschützten Stadion spielen die Atlanta Falcons in einer wohltemperierten Halle.

Nun hat aber auch das imposante Gillette Stadium in Foxborough, einem kleinen Vorort von Boston, warme ­Logen, in denen Goodell nicht hätte zu frieren brauchen. Wenn er denn wirklich dahin gewollt hätte. Aber die Höhle des Löwen war für den 57-Jährigen wohl doch etwas zu heiss. Der Löwe heisst in diesem Fall Tom Brady und ist Spielmacher der Patriots. Ein überaus erfolgreicher dazu: Mit einem 36:17-Sieg über die Pittsburgh Steelers führte Brady sein Team zum 7. Mal in 16 Jahren ins grosse Endspiel. Am 5. Februar kann Brady in Houston seine fünfte Trophäe gewinnen. Gegner sind die Atlanta Falcons.

«Wo ist Roger?»

Dass Ligaboss Goodell beim Halb­finalsieg nicht anwesend war, um die Hand zu schütteln, erheiterte die Fans jedoch vielmehr, als dass es sie kränkte – sie hatten auch gar nicht nach ihm ­gerufen. «Wo ist Roger?», stand auf Schildern geschrieben, und diese Frage machte sich bald als Schlachtruf breit im Gillette Stadium. Einmal stimmte sogar der Speaker mit ein. Nein: Sie mögen ihn nicht in Neuengland, den Commissioner. Das ist verständlich, aber doch ­bemerkenswert.

Grund für die Ablehnung ist die Sperre von Quarterback Brady zu Beginn dieser Saison. Vier Spiele war er suspendiert worden, weil er im «Deflategate»-Skandal Bescheid gewusst haben soll. Dabei ging es um ungenügend gepumpte Bälle beim Playoffspiel gegen die Indianapolis Colts im Januar vor zwei Jahren. Brady wurde von der NFL aufgrund von Indizien gesperrt und blieb es trotz seines Rekurses und eher martialischer Rhetorik, die fortan aus Boston beim Liga-Hauptquartier in New York ankam. Der knurrige Cheftrainer Bill Belichick zeigte sich ähnlich ent­rüstet wie der einfluss- und steinreiche Teambesitzer Robert Kraft.

Wie geflissentlich sich die Patriots in dieser Affäre in Opferpose warfen, kam wiederum andernorts nicht gut an. Fakt war ja: Den Bällen hatte die Luft gefehlt, und irgendjemand hatte das angeordnet, gebilligt, verschwiegen. Oder einfach davon gewusst – und wer, wenn nicht der Quarterback kann den Druck von Bällen fühlen? Auch wäre es nicht das erste Mal gewesen, dass Trainer Belichick das Feld der Regeln zu seinen Gunsten ausreizte. Einst war er dabei erwischt worden, wie er die Signale der gegnerischen Trainer filmte. Eine halbe Million Dollar betrug seine Busse, die Patriots verloren des­wegen den Pick in der ersten Runde des drauffolgenden Drafts.

«Sie sind Betrüger», sagte der frühere Spitzenspieler Plaxico Burress, 2007 ­Superbowl-Champion mit den New York Giants – gegen die Patriots. Legendär schliesslich sind die Vorgänge im ­Dezember 1982, als im Heimspiel gegen die sonnenverwöhnten Miami Dolphins plötzlich ein Schneepflug auffuhr, um just in jenem Bereich des Spielfelds den Schnee zu räumen, wo die Patriots gleich zum entscheidenden Kick ansetzen sollten. Die Patriots verwerteten, gewannen mit dem minimalen Ergebnis von 3:0, und die NFL erklärte, es gebe nun einmal keine Regel, die den Einsatz eines Schneepflugs verbiete. Im Jahr ­darauf wurde sie eingeführt.

Tom Brady, das Phänomen

Den Patriots wurde stets eine gewisse Nähe zur NFL nachgesagt, weshalb spätestens beim Rekurs in Sachen «Deflategate» gemeinhin davon ausgegangen wurde, dass Tom Brady schon noch vom Versuch des Betrugs freigesprochen werden würde. Was jedoch nicht ­geschah und so die Fans in und um Boston in ihrem Zorn auf den Commissioner einte. Als die Patriots auch ohne Brady die ersten drei Saisonspiele und trotz der verkürzten Saison ihres Superstars ihre Conference gewannen, hielt die gewohnte Überheblichkeit wieder Einzug. «Deflate this Roger», stand auf einem weiteren Transparent im Gillette Stadium: Lasst diesem Roger die Luft raus.

Brady trat im Halbfinal gegen Ben Roethlisbergers Pittsburgh jedenfalls alles andere als luftleer auf, ja: Er zeigte einmal mehr eine Leistung, die seinem Ruf als grösster Spielmacher in der Geschichte der NFL gerecht wurde. Der Spielstil des 39-Jährigen mag manchmal antiquiert wirken, weite Pässe bringt er kaum an den Mann, und zu Fuss ist er längst nicht so gut wie die Quarterbacks der jüngeren Generation. Aber: Er siegt und siegt.

Länger als die Patriots prägte keine Franchise den US-Football der Moderne. Nicht die Pittsburgh Steelers in den Siebzigern, nicht die San Fancisco 49ers mit dem ­legendären Spielmacher Joe ­Montana in den Acht­zigern, nicht die Dallas Cowboys in den Neunzigern. In den letzten 14 Saisons qualifizierten sich die ­Patriots 13-mal fürs Playoff, erreichten 11-mal den Conference-Final, bestritten 7 Superbowls und gewannen 4. In den USA nennt man das eine Dynastie. Einen weiteren Sieg benötigt Brady gar nicht, um selbst als Legende zu gelten. Er nähme ihn aber gern – schliesslich ist es an Roger Goodell, dem Sieger die ­Trophäe zu überreichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2017, 22:44 Uhr

Atlanta: Spektakulärer Gegner

Spielen die Atlanta Falcons, ist Spektakel garantiert. Das Team aus dem Süden punktete in dieser Saison wie kein zweites und hat mit Quarterback Matt Ryan und Receiver Julio Jones ein Duo, das seinesgleichen sucht. Ryan ist der zweitbeste Werfer der Liga und Jones der zweitbeste Empfänger – nicht selten gelingen Jones Fänge wie am Sonntag gegen Green Bay, als er, bedrängt von zwei Gegenspielern, auf unmögliche Weise Kontrolle über den Ball behielt. 1999 qualifizierten sich die Falcons erstmals in der Clubgeschichte für die Superbowl, unterlagen jedoch den Denver Broncos. Nach einem überzeugenden Lauf durchs Playoff und einem klaren 44:21 gegen Green Bay im Halbfinal gelten sie in der Superbowl als gefährlicher Aussenseiter. Dass die beste Offensive aber nicht immer den Titel gewinnt, zeigte sich im Vorjahr, als Atlantas Divisionsrivale Carolina im Final der starken Denver-Defensive unterlag. (wie)

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