Skandale ohne Ende: Boxverband vor dem olympischen Aus

Die Faustkämpfer sind seit 1904 olympisch. Nun stehen sie vor dem Ausschluss. Mit der Wahl eines mutmasslichen Heroinbarons zum Präsidenten provozierten sie zu sehr.

Nach den Spielen 2016 suspendierte der Boxverband alle 36 Juroren und Referees. Einige hatten in Rio betrogen.

Nach den Spielen 2016 suspendierte der Boxverband alle 36 Juroren und Referees. Einige hatten in Rio betrogen. Bild: Frank Franklin/Keystone

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Der Selfmademillionär wollte doch nur helfen. Also schickte er dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) am 28. März einen Brief. Thomas Bach heisst dieser, und dieser «Dear Mr Bach» wurde vom Russen Umar Kremlew unterrichtet, dass er die Schulden des Weltverbandes des olympischen Boxsports (Aiba) übernehmen werde – sofern sein Verband weiter olympisch bleibe. Rund 16 Millionen Dollar ist die Aiba im Minus.

Am Sitz der Olympier in Lausanne war man sich uneins, ob dieser seltsame, in der olympischen Geschichte wohl einmalige Vorschlag, eine Verzweiflungstat oder eine versteckte Drohung war. Denn Kremlew ist kein Nobody, sondern Generalsekretär des russischen Boxverbandes, also ein Insider in der Welt der Sportfunktionäre. Das IOK lehnte das Angebot ab, auch weil der Geldwedler schlicht nicht begriffen hatte, worum es den Hütern der Ringe geht.

Mann mit zweifelhaftem Ruf: Gafur Rachimow.

Der Usbeke Gafur Rachimow bringt sie zum Glühen. Im Spätherbst 2018 kürte ihn die Aiba zum Präsidenten, nachdem er das Amt interimistisch geführt hatte. Rachimow ist bekannt als «Pate von Taschkent», weil er in den weltweiten Heroinhandel ­involviert sein soll. Darum steht er seit 2012 auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums. Seine US-Konten sind einge­froren. Aber: Nie konnte dem 67-Jährigen eine Straftat nachweisen werden. Verleumdungsklagen in mehreren Ländern gewann er.

Thomas Bach allerdings wollte keinen Mann mit einem solchen Leumund an der Spitze eines olympischen Verbandes – und damit als Teil seiner Familie. Obschon Rachimow seit über 20 Jahren der Aiba-Spitze angehört. Aber weil er nie die Nummer 1 war, schien das IOK die Personalie maximal zum Stirnrunzeln zu bewegen. Aus gutem Grund: Es hat in den eigenen Reihen selber so manchen älteren Mann mit zweifelhaftem Ruf.

Als der Boxverband aber ausgerechnet Rachimow zu seiner Vorzeigefigur wählen wollte, griff Bach ein. Erst orakelte er in der Öffentlichkeit, dass ihn diese Wahl «sehr besorgen würde». Spätestens da hätten die Boxfunktionäre realisieren müssen, was der mächtigste Olympier ihnen eigentlich sagen wollte: «Diese rote Linie überschreitet ihr nicht!»

Sie foutierten sich darum, obschon ihnen das IOK vor der Präsidentenwahl verdeutlicht hatte, die Aiba allenfalls aus der olympischen Familie zu verstossen. Dabei ist Boxen seit 1904 olympisch. Olympiagold stand am Karriereanfang von Faustkämpfern wie «The Greatest», also Muhammad Ali.

Die eingefrorenen Millionen

Die IOK-Exekutive reagierte diesen Dezember mit Härte auf die Rachimow-Wahl: Sie entzog der Aiba das Recht, das Boxturnier an den Spielen von 2020 zu planen – und droht weiter, das Boxen hinauszuwerfen. Die Fördermillionen, von denen die Aiba fast komplett abhängig ist, hat das IOK eingefroren und eine Untersuchungskommission einberufen. Sie legte Ende März einen Zwischenbericht vor.

Spätestens im Juni an der IOK-Session wird über das Schicksal der Boxer entschieden. Rachimow, der bei seinem Antritt versprach, die Aiba in «eine glänzende Zukunft zu führen», hat sich mittlerweile selber entmachtet. Ein Marokkaner rückte interimistisch nach, gilt aber als Statthalter von Rachimow, der nach dem Ende der IOK-Recherche zurück auf den Posten will.

Das zweifelhafte Gebaren der Box Spitze zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Verband.

Derweil versuchen die Aiba-Funktionäre verzweifelt, die Auflagen des IOK zu erfüllen, die sich auf alle Verbandsbereiche beziehen. 4000 Seiten mit allen (Ver-)Änderungen, also Fortschritten, liess der Aiba-Direktor jüngst dem IOK zukommen. Trotzdem sagt er selber: «Das IOK hätte uns um 2014/15 hinausschmeissen müssen. Wir hatten unseren Laden schlicht nicht im Griff.»

Er bezog sich dabei auf die Regentschaft von Wu Ching-Kuo. Der Sportsfreund aus Taiwan, Architekt von Beruf, führte die Aiba von 2006 bis 2017, ehe ihn der Verband wegen Misswirtschaft lebenslang ausschloss. Im IOK sitzt der 72-Jährige munter weiter, was zur pikanten Situation führt, dass ihn die Olympier als Ehrenmann behandeln, die Boxer dagegen als Persona non grata. Wu stürzte über einen Deal von zehn Millionen Dollar mit einer aserbeidschanischen Firma.

Denn die Buchprüfer von PWC konnten fast die Hälfte der Summe nicht mehr finden und forderten den Verband auf, juristisch vorzugehen. Wu und sein Generalsekretär, die beide ihre Unschuld beteuern, wurden auf ewig verbannt. Den Bann über den Generalsekretär hoben der «Pate aus Taschkent» und seine Mannen mittlerweile auf.

Das zweifelhafte Gebaren bis Fehlverhalten der Aiba-Spitze zieht sich also wie ein Leitmotiv durch den Verband. Es offenbart, wie viel sich Topfunktionäre des Weltsports über Jahrzehnte leisten können – bis sie allenfalls abgestraft werden. Denn in den letzten 30 Jahren fiel praktisch jeder Präsident und Generalsekretär der Aiba wegen Verstössen auf.

Als «IM Möwe» sang

Vor Rachimow und Wu führte der Pakistaner Anwar Chowdhry über viele Jahre die Aiba. 2006 wurde er abgewählt, 2007 wegen Misswirtschaft ebenfalls lebenslang ausgeschlossen. Über den Professor, sein Übername bezieht sich auf seinen Unititel, ist sehr viel bekannt, weil sein langjähriger Berliner Generalsekretär daneben als Spitzel für die Stasi arbeitete.

Als «IM Möwe» zwitscherte er regelmässig. Unter anderem: «Chowdhry ist charakterlich ein absolutes Schwein, unaufrichtig, hinterhältig und verschlagen. Chowdhry ist ein absoluter Geschäftemacher und in jeder Beziehung korrupt.»

Das IOK zeichnete diesen Geschäftemacher mit einem Olympischen Orden aus, auch die Unesco oder Länder wie Pakistan, Thailand, Aserbeidschan und Marokko feierten ihn. Ehrendoktortitel bekam Chowdhry von Nationen, die plötzlich erstaunliche olympische Boxerfolge zelebrierten.

Der Hochdekorierte starb 2010. Nachfolger Wu liess ihn in blumigen Worten hochleben und als Ehrenmann darstellen. Zusammen mit Gafur Rachimow hat der Taiwanese es seither geschafft, den zweifelhaften Ruf des Verbandes hochzuhalten und ihn zu dem Skandalverband zu machen, den er heute ist.

Erstellt: 05.04.2019, 12:53 Uhr

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