Nachruf

Smokin’ Joe nimmt seinen Hass mit ins Grab

Joe Frazier war einer der erfolgreichsten Boxer, aber kein feiner Mensch. Das zeigte auch sein ewiger Kampf gegen Muhammad Ali. Ein Nachruf.

Thrilla in Manila: 1975 lieferten sich Ali und Frazier im und neben dem Ring einen der brutalsten Boxkämpfe der Geschichte. (Quelle: Youtube)


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Joseph William «Joe» Frazier, erst Billy Boy genannt, dann Smokin’ Joe, starb im Alter von 67 Jahren an Leberkrebs. Smokin’ Joe war einer der erfolgreichsten Schwergewichtsboxer aller Zeiten, vor allem bekannt wegen seiner unerbittlichen Rivalität mit Muhammad Ali alias Cassius Clay, den er bis ins Grab hasste.

Smokin’ Joes Beispiel verdeutlicht, zu welchen Unwahrheiten und Lügen Legenden führen. Wenn geschrieben steht, dass Joe Frazier ein grossartiger Boxer war, Stilist, ein feiner Mensch, der stets die Versöhnung suchte, dann sind das reine Wunschvorstellungen.

Ziemlich primitiv, brutal – und echt

Smokin’ Joe war kein feiner Mensch. Er war ganz Wille, er war die Sturheit in Person, er war ziemlich primitiv, brutal, vom Überlebenswillen gezeichnet und er war erfolgreich. Dabei war er stets echt. Er heuchelte nicht, log nicht, beklagte sich nicht. Er arbeitete hart. Und er kam zu Geld. Weil er stur und unbelehrbar blieb, verlor er das Geld wieder. Er starb bettelarm.

Ich habe Joe Frazier ziemlich gut gekannt. Ich habe vor Ort über alle seine grossen Kämpfe geschrieben, doch persönlich lernte ich ihn nicht beim Boxen kennen. Er und seine Rock-and-Swing-Band spielten in Kuala Lumpur während den Vorbereitungen zum Kampf Muhammad Ali gegen den Ungarn-Engländer-Australier Joe Bugner auf, wir verbrachten Stunden damit, über Ali zu streiten.

Nicht zum Schwergewichtler geboren

Joe Frazier wurde als Sohn eines armen Vaters aus einer Sklavenfamiilie in Beaufort, South Carolina, geboren. Aufgrund der Familiengeschichte war es stets schwierig, mit Joe zu sprechen. Er wurde diesen klebrigen, schweren Slang des tiefen Südens trotz der 50 Jahre Philadelphia nicht mehr los.

Frazier hatte nicht viele gute Voraussetzungen, ein guter Schwergewichtler zu werden. Mit 1,81 Metern war er zu klein, mit 90 Kilos zu leicht. Und mit einem fast steifen linken Arm hätte niemand gross auf ihn gewettet. Der Arm war ihm von einem bösen männlichen Schwein als Kind zerfetzt worden – die Familie hatte in den späten 50er Jahren kein Geld, die Verletzungen richtig behandeln zu lassen. Er litt sein Leben lang an zu hohem Blutzucker, zu hohem Blutdruck und schlechter Gesundheit.

Im Schatten des Überboxers

Als Frazier 1964 Olympiasieger wurde – mit einem gebrochenen Daumen im Viertelfinal –, wusste die Boxwelt, dass da ein ernsthafter Anwärter für die Weltmeisterschaft heranwuchs. Nur: Die Jahre galten dem Überboxer, dem verherrlichten Messias und Obama der 60er- und 70er-Jahre: Muhammad Ali. Und Joe Frazier kam über dieses Phänomen nie hinweg.

Ende der 60er Jahre wurde Ali, dem Weltmeister aller Klassen, die Lizenz entzogen. Er habe sich aus ideologischen Gründen geweigert, in Vietnam zu kämpfen, hiess es. Joe Frazier war wie viele seiner Landsleute von der anderen Version überzeugt: Dass Muhammad Ali dafür einfach zu feige war.

Keine Liebe, und noch weniger Respekt

Die Verbände schrieben zur Suche des Nachfolgers von Ali ein Turnier aus, doch Frazier weigerte sich stur, daran teilzunehmen. Stattdessen liess er US-Präsident Richard Nixon eine Petition zukommen, man solle Cassius Clay wieder boxen lassen, damit er, Joe Frazier, ihm das grosse Maul stopfen könne.

Die fehlende Liebe und der noch mehr fehlende Respekt zwischen den beiden Boxern wurde in den Medien natürlich beschrieben, eine tiefe Feindschaft war geboren. Ali bekam die Lizenz wieder. Am 8. März 1971 kam es zum «Kampf des Jahrhunderts» im New Yorker Madison Square Garden (siehe Bildstrecke).

Der Kampf des Jahrhunderts

Für den Kampf hatte Yank Durham, Fraziers langjähriger, legendärer Trainer, mit Eddy Futch den grössten Ringfuchs aller Zeiten engagiert, eine Taktik auszuarbeiten. Futch war aufgefallen, dass Ali zur Vorbereitung seines linken Kinnhakens kurz die Faust etwas sinken liess. Also trainierte Joe Frazier während Wochen auf diesen Augenblick. Er sollte, sobald Ali die linke Faust etwas senkte, seine beste Waffe, den linken Haken (er konnte den linken Arm nicht strecken!), auf ein Ziel etwas hinter Alis Kopf abfeuern ...

Das geschah. Immer wieder. Joe Frazier, Sieger über 15 Runden, und Muhammad Ali, der Besiegte, landeten nach dem mörderischen Kampf im Spital. Ich bin überzeugt, beide boxten nicht sauber, beweisen wird dies niemals jemand können. Ali erholte sich wieder, Frazier wahrscheinlich nicht mehr richtig. Der Stolz, die Sturheit hatten ihn zu lange auf den Beinen gehalten.

Sie sahen den Tod im Ring

Eine entsetzliche Niederlage gegen George Foreman in Jamaika (sieben Niederschläge!) folgte, dann eine Niederlage über zwölf Runden in einer langweiligen Revanche gegen Ali in New York. Und dann der Fight, der Joe Frazier den Rest gab: der wirklich beste Schwergewichtskampf aller Zeiten am 1. Oktober 1975 in Manila. Als Frazier und Ali den Tod im Ring sahen, wie beide nach dem Kampf zugaben, als sie Tage später im Krankenhaus wieder bei einigermassen klarem Kopf waren. Ali wurde der Sieg zugesprochen, als Fraziers Betreuer in der 14. Runde das Handtuch warfen.

1996 durfte Muhammad Ali in Atlanta das Olympische Feuer entzünden. Der Grösste war von seinem Parkinsonleiden schwer gezeichnet. Sie fragten Joe Frazier in Philadelphia, ob ihn der Moment auch berührt hätte. «Nein», sagte Smokin’ Joe, «ich hoffte, Cassius Clay wäre in dem Höllenfeuer verbrannt.»

Als Joe Frazier Ende der 60er Jahre die Petition an Präsident Nixon schrieb, man solle Cassius Clay die Lizenz wieder geben, sagte Letzterer: «Aus diesem Onkel Tom mache ich Hackfleisch, er ist mehr Gorilla denn Mensch.»

Joe Frazier vergass das nie.

Erstellt: 08.11.2011, 13:29 Uhr

Mario Widmer, der Doyen des Schweizer Sportjournalismus, leitete 30 Jahre lang den Sport beim «Blick» und steuerte danach als Manager die Karriere von Martina Hingis. (Bild: Keystone )

Bildstrecke

«Jahrhundertkampf» Ali vs. Frazier

«Jahrhundertkampf» Ali vs. Frazier Am 8. März 1971 trafen Muhammad Ali und Joe Frazier aufeinander.

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