Solange die Knochen halten

«Forever young» gilt heute auch für ältere Menschen. Sogar 90-Jährige laufen inzwischen Marathon.

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Jon Mendes war der etwas andere Star des diesjährigen New York Marathon. 93-jährig ist Mendes, er kann auf ein schillerndes Leben zurückblicken. Im Zweiten Weltkrieg diente er im US-Militär als Bomberpilot, nach dem Koreakrieg verdiente er als Investmentbanker Millionen. Bis 46 rauchte er Kette und begann erst nach Bildern seiner siechenden Lungen mit Sport. Am letzten Sonntag befand sich Mendes auf einer Mission: Er wollte im Big Apple ältester Finisher an diesem prestigeträchtigsten Rennen über die 42,195 km werden.

Und doch war der 1,60 m kleine Ausdauerfreund zu jung für den absoluten Altersrekord. Diesen hält der England- Inder Fauja Singh. 2011 schaffte er die Strecke, welche viele Durchschnittssportler selbst zu ihren besten Zeiten nicht zu bewältigen vermögen, als 100-Jähriger. Diese Leistung entging auch einem Sportartikelgiganten nicht, der seinen Slogan – «Impossible is Nothing» – erst recht bestätigt fand. Singh galt damit als Paradebeispiel einer Generation von Menschen, die sich bis ins Greisenalter sportlich betätigen können und wollen.

Mit 75 ein Marathon in 3:04

Die Zahl dieser vitalen Senioren aus Erstweltländern wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Schliesslich gehen immer mehr Menschen der Babyboomer-Jahrgänge in Pension. In Amerika beträgt der Anteil der mindestens 50-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ab 2017 rund 50 Prozent. Viele von ihnen haben die zwei grössten hemmenden Faktoren, sich intensiv Hobbys zu widmen, hinter sich gebracht: das Kinderaufziehen und das Arbeiten.

Also suchen sie sich neue Lebensschwerpunkte. Der Sport bietet sich da nur schon aus Gesundheitsgründen an. Viele moderne Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht lassen sich mit ausreichender Bewegung mindestens eindämmen. Zudem hat sich die Wissenschaft in den vergangenen Jahren mit dem Thema «Sport im Alter» zu beschäftigen begonnen. Die Resultate sind eindeutig: Zwar schwindet das Leistungsvermögen mit fortschreitendem Alter, die Trainierbarkeit aber bleibt erhalten. Studien zeigen zudem, dass Untrainierte ab 40 sukzessive an Kraft, Schnelligkeit und Feinmotorik einbüssen. Dieser Leistungsknick lässt sich mit gezieltem Training hingegen weit hinausschieben, mitunter bis ins 6. Lebensjahrzehnt. Danach sind unübersehbare Leistungseinbussen nicht mehr zu verhindern.

Trotzdem erreichen Veteranen unglaubliche Leistungen. Der Kanadier Ed Whitlock zählt zu ihnen. Mit 75 schaffte er den Marathon noch in 3:04 Stunden. Die Durchschnittszeit beträgt an grossen Städterennen rund vier Stunden. Mit 80 lief Whitlock die 42,2 km in 3:15 Stunden. Was ihn und seine vifen Kollegen und Kolleginnen eint: Sie sind höchst ehrgeizig. Ein bisschen Sporttreiben genügt ihnen nicht. Aus medizinischer Sicht ist diese Haltung fragwürdig. Für alle Altersstufen gilt: Ab mehr als fünf bis sechs Trainingsstunden pro Woche lässt sich kein gesundheitlicher Nutzen mehr erzielen. Viele dieser Seniorenathleten, die intensiveres Sporttreiben oft erst in fortgeschrittenerem Alter entdeckten, wissen um diesen Fakt.

Dopingkontrollen inklusive

Die Mehrheit von ihnen ist gut ausgebildet und solvent. Wie eine Studie anhand der Teilnehmer der World Masters Games von 2009 ergab, wiesen 51 Prozent ein Haushaltseinkommen pro Jahr von mindestens 75 000 Dollar auf. Diese Masters Games existieren seit 1985 und bilden die Olympischen Spiele der jung gebliebenen Veteranen, Dopingkontrollen inklusive. Sogar 100-Jährige kämpfen da in ihren Altersklassen um Meriten. Die Jüngsten könnten ihre Urenkel sein, zählen doch schon 35-Jährige zu den Masters. 29 000 versammelten sich bei der Rekordaustragung von 2009 in Sydney zu diesen globalen Titelkämpfen. Das sind über zweieinhalbmal so viele Teilnehmer wie bei den «richtigen» Spielen. Das Motto von Sydney lautete übrigens: «Fit, fun and forever young».

Es mag darum sein, dass der eine oder andere Senior durchaus krankhaft versucht, seiner Jugend hinterherzuhecheln. Vielleicht aber halten gerade die verbleibenden sportlichen Ziele sie vital. Zumal die positiven Aspekte des Trainings unbestreitbar sind: Krafttraining beispielsweise erhält die Muskelmasse auch bis ins höhere Alter. Ausreichende Beinkraft ist eine Voraussetzung für Selbstständigkeit von Senioren, hilft ihnen folglich nicht nur beim Treppensteigen. Denn eine weiterhin grosse Mobilität stimuliert die Psyche. Studien zeigen zudem, dass der Testosteronspiegel mittels Krafttraining lange erhalten werden kann. Ein hoher Spiegel dieses Sexualhormons wiederum wirkt sich positiv auf die Psyche und damit das Befinden aus und erklärt mit, warum sich sportliche Veteranen durch ihr Treiben oft vitalisiert fühlen.

Rücktritt mit 102 Jahren

Der Endlichkeit aber können selbst die besten Altersathleten nicht davonrennen. Marathonläufer Singh, wegen seines Turbans liebevoll «Turboturban» getauft, fand diesen Frühling, dass es kurz vor seinem 102. Geburtstag doch Zeit zum Aufhören sei, und erklärte seinen «Rücktritt». New-York-Starter Jon Mendes ist zwar noch nicht ganz so weit. Der Zahn der Zeit aber nagt auch an ihm: Bereits nach 5 Kilometern musste er seinen Rekordversuch abbrechen – und will doch nicht so schnell klein beigeben: Er plant, im nächsten Jahr wieder an der Startlinie zu stehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2013, 07:42 Uhr

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