Spielt er 2018 gegen Tiger Woods?

Vor vier Jahren quittierte Dan McLaughlin seinen Job und begab sich auf die Mission, mit 10'000 Stunden Golftraining zum Profi zu werden.

Die Mission des Selfmadegolfer Dan McLaughlin. Quelle: Youtube


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Der Mann wirkt kleiner, als man es aufgrund seines gigantischen Projekts erwartet hätte. Selbstverständlich trägt er das Outfit eines Golfers, ebenso selbstverständlich kommt er direkt von einer Runde jenes Sports, der seinem Leben eine völlig andere Flugbahn gab – und ihn plötzlich bei allen global relevanten Medien von B wie BBC bis T wie «Time»-Magazine zum Thema machte.

Der Mann heisst Dan McLaughlin. Er ist 35, lebt in Portland im US-Bundesstaat Oregon, und befindet sich seit vier Jahren auf einer Mission, die beim Start als «impossible» galt und die heute, da ihre Vollendung plötzlich realistisch scheint, immerhin noch wohltuend verrückt klingt. Deshalb will man natürlich zuerst wissen, welchen Teufel ihn 2010 geritten hatte, als er seinen Job als Marketingfotograf hinschmiss, um fortan nichts anderes mehr zu tun, als Golf zu lernen und zu spielen.

Er nimmt einen Schluck Kaffee und beginnt zu erzählen. Von der ersten Golf­runde seines Lebens im Juni 2009, zu der ihn sein Bruder überredet hatte. Wie blöd er sich dabei vorgekommen sei, als die Bälle überall hin rollten und sprangen, bloss nie dahin, wo er wollte. Wie sie sich dann bei der Suche nach den Bällen spasseshalber gefragt hätten, ob es wohl mit unfassbar viel Training möglich wäre, dass aus einem golfenden Antitalent wie Dan eines fernen Tages ein Golfprofi werden könnte. Und wie aus dem Spass tatsächlich Ernst beziehungsweise die besagte Mission wurde, die er auf den sinnigen Namen «The Dan Plan» taufte. Die Kernaussage: Dan McLaughlin will mit 10'000 Stunden Golftraining so gut werden, dass er mit den Profis auf der PGA-Tour spielen kann. «Und zwar bis am Wochenende, wenn es wirklich zählt und nur noch dabei ist, wer den Cut geschafft hat», wie er mit sehr seriösem Gesichtsausdruck betont. Das würde bedeuten, dass sich McLaughlin im besten Fall mit Stars wie Tiger Woods, Rory McIllroy, Jim Furyk oder Sergio Garcia messen könnte – was endgültig einem «American Dream 2.0» gleichkäme.

Von null ins Everest-Basislager

Aber zurück zum Stand der Mission. ­Zentrales Instrument dabei ist die Website Thedanplan.com: Akribisch führt McLaughlin da Buch über seine vielen Fort- und immer selteneren Rückschritte, berichtet über neue Trainingsmethoden und Lerntechniken, zeigt ­Videostudien, bewertet gespielte Plätze und bloggt über Aktivitäten und Reisen.

Die tolle Plattform hat ihm nicht nur zur erwähnten Medienpräsenz verholfen – sie hat ihm auch eine globale Fangemeinde beschert. Zu dieser Community gehört Linus Geiges, Geschäftsführer der Zürcher Sportbar Le Calvados sportif und selbst leidenschaftlicher Amateurgolfer. Als Geiges auf der Website erfuhr, dass McLaughlin im Oktober für rund eine Woche in Zürich weilen werde – primäres Ziel war der Besuch seines Bruders, der seit drei Jahren hier lebt und arbeitet –, zögerte er nicht und schlug spontan eine Runde gemeinsames Golfen vor. McLaughlin war begeistert, und weil Geiges zufällig grad noch einen Journi kannte, kam zum Golf halt noch ein Interview hinzu.

Das Spiel fand Aanfang Woche im Golfclub Schloss Goldenberg statt. Als Geiges den Amerikaner am späten Nachmittag vor dem Tagi-Gebäude absetzt, ist er zutiefst beeindruckt (was sonst bloss bei einem überragenden Match von Manchester United passiert), er schwärmt: «Wow, Dan spielt grandios.» Der Gelobte beurteilt seine erst zweite Runde auf europäischem Golfboden mit «it was okay» etwas nüchterner. Wichtiger als die Momentaufnahme sei ihm sowieso sein gesamter Weg. Und dessen Analyse stimmt ihn zufrieden: «Ich will es mit einem Bergsteigervergleich sagen: Als ich 2010 anfing, wusste ich nicht, wie man die Schuhe schnürt. Und jetzt habe ich das erste Basislager des Mount Everest erreicht und kann den Gipfel sehen.»

In Zahlen übersetzt: Sein bisher tiefstes Handicap – das ist der (Mittel-)Wert der Schläge, die man mehr braucht, als für den Platz vorgesehen sind – war 2,6, derzeit steht es bei 3,1. Und auf seiner bis dato besten Runde bewältigte er einen 18-Loch-Platz, dessen Richtwert bei 72 Schlägen (Par 72) liegt, mit 70 Schlägen, lag also 2 unter Par. Für sein aktuelles Niveau sei das eine grossartige Leistung gewesen, erklärt McLaughlin. «Einen Spitzengolfer würde das Resultat jedoch kaum happy machen.»

Um es selbst an diese Weltspitze zu schaffen, bleiben ihm – Stand 30. Oktober – 4376 Stunden. Er geht davon aus, dass er im Herbst 2018 bei null angekommen sein dürfte. In diesem Zusammenhang erstaunlich ist, dass all die Zeit, die er im Fitnessraum, bei Videoanalysen, Gesprächen mit Sportpsychologen oder beim Freizeitgolf mit Kumpels verbringt, für den 10'000-Stunden-Countdown nicht mitberücksichtigt: «Dafür zählt ausschliesslich das gezielte Golftraining, also Abschläge auf der Driving Ranch, das Putten oder das Sandbunkerspiel.»

Wieso eigentlich gerade Golf?

So viel zur sportlichen Seite des Projekts, reden wir noch übers Geld. Obwohl der Golfsport in den USA weniger kostspielig ist als hierzulande, nimmt es natürlich Wunder, wer McLaughlins Langzeitprojekt finanziert. Er antwortet mit der ironischen Gegenfrage, ob ich zufällig gute Kontakte zur Chefetage der UBS hätte und lacht. Es sei vor allem eigenes Geld: «Ich sparte früher für ein Studium, da kamen 100'000 Dollar zusammen. Ich hoffe, sie werden ausreichen.»

Eine gewisse Absicherung bieten die Nebeneinkünfte – mal ist es der Obolus eines Supporters, der über die «Donation»-Funktion auf der Website spendet, mal ein Unternehmen, dass auf derselben Plattform Werbung schaltet. «In guten Wochen kommen 400 bis 500 Dollar zusammen, damit kann ich beinahe die Platzmiete für sieben Tage bezahlen», so McLaughlin. Zudem wird ihm die Ausrüstung gesponsert, vom Schlägerset über die Pullover, die Shirts und Schuhe, bis zur Mütze und Regenjacke.

Die genüssliche Plauderstunde neigt sich dem Ende zu. Haben wir etwas vergessen? McLaughlins Antwort kommt mit dem Highspeedtempo eines perfekt getroffenen Abschlags: «Ja! Du hast mich nicht gefragt, weshalb ich mich gerade für Golf entschieden habe.»

Also Dan, warum Golf? «Dieser Sport ist technisch extrem anspruchsvoll und entsprechend schwierig zu erlernen, es gibt nicht ohne Grund weltweit nur rund 270 absolute Topspieler. Deshalb war mir klar: Würde ich es im Golf von null bis an die Spitze schaffen, würde das wahrscheinlich für eine Menge mediales Aufsehen sorgen. Und dadurch würde ich vielen Menschen beweisen können, dass der Griff nach den Sternen keine Utopie bleiben muss, dass man das vermeintlich Unmögliche mit viel Disziplin und Wille tatsächlich möglich machen kann. Und nur darum gehts, das ist nämlich die eigentliche Philosophie dieser ganzen Sache.» Allerdings, fügt er hinzu, sei ein gewisser Realitätssinn nicht ganz unwesentlich: «Im American Football oder Basketball wäre ich mit meiner Pos­tur nur ein schlechter Witz gewesen.»

Dann muss er los, die Koffer packen, für die Weiterreise ins südschwedische Göteborg. Dahin hat ihn eine norwegische TV-Station für einen Beitrag eingeladen – weil alle heimischen Golfplätze zu dieser Jahreszeit schon gefroren sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2014, 17:46 Uhr

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