Steingrubers Coach: «Sie ist eine Maschine»

Nationaltrainer Fabien Martin arbeitet seit elf Jahren mit Giulia Steingruber. Am Samstag gibt sie an der WM in Stuttgart ihr internationales Comeback.

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Wann ist Giulia Steingruber anstrengender: Wenn sie gesund ist oder verletzt?
Fabien Martin: Während einer Verletzung. ­(lächelt) Sie ist eine Löwin.

Und Löwinnen lassen sich nicht zähmen.
...oder einsperren. Jedenfalls nicht lange. Sie brauchen Platz und Auslauf.

Wie anstrengend war es nun mit dem Kreuzbandriss? Sie war 14 Monate ohne Wettkampf.
Das Schwierige während dieser Zeit war, dass sie extrem ungeduldig war. Extrem. Ich musste sie bremsen, ihren Rhythmus fast bewusst stören, sie wollte viel zu schnell vorwärts.

Wie bringt man ihr bei, dass es bei einem Kreuzbandriss nicht so schnell gehen kann?
Ob nun verletzt oder gesund – im Training ist es wichtig, das Gleichgewicht zu finden. Die Aufgabe war heikel: Wir konnten sie nicht so belasten wie sonst und mussten sie trotzdem machen lassen. Denn nur so konnte sie im Trainingsalltag Be­friedigung finden. Die Frage war also: Höre ich nur auf sie und lasse sie das Maximum tun? Oder beziehe ich alle Faktoren mit ein, ihren Willen, die Wünsche der Doktoren und Physiotherapeuten und auch ihre schulischen Aufgaben, und treffe so einen Entscheid? Klar, was ich als Cheftrainer tun musste.

«Ich wusste, sie würde nicht aufhören.»

Haben Sie die Phasen auch wahrgenommen, in denen sie zweifelte, ob Kunstturnen noch das Richtige sei für sie?
Ja, sicher, und es ist verständlich, dass sie manchmal die Motivation verlor. Interessanterweise geschah das in Zeiten mit weniger Intensität, während der Erholung. Oder kurz nach der Verletzung, als sie zweifelte, ob sie je zurückkommen kann.

Was taten Sie jeweils?
Es war wie bei einem Gewitter. Es kommt und geht auch wieder. Ich wusste, sie würde nicht aufhören.

Haben Sie mehr als sonstmit ihr gesprochen?
Nicht mehr, nicht weniger, im Rahmen der Trainings, wie mit den anderen Turnerinnen auch. Giulia und ich arbeiten seit elf Jahren miteinander, sie weiss, dass die Tür zu meinem Büro immer offen steht. Ich suche nicht krampfhaft das Gespräch.

Hat sie je an die Tür geklopft?
Nein.

«... doch dann zeigte sie einen Sprung – oh là là!»

Ist sie schon wieder die alte Giulia Steingruber?
Fast. Es fehlt nicht mehr viel. (überlegt) Vielleicht die Anzahl Repetitionen ihrer schwierigsten Elemente. Dem Knie geht es sehr gut, ihrem Kopf sogar hervor­ragend, aber für mich als Trainer ist die entscheidende Frage: Hat sie ihre Übungen genug oft wiederholt, damit wir im Wettkampf kein unnötiges Risiko eingehen müssen?

Und?
Ihr erster Sprung, der Tschussowitina, war nie ein Problem. Vor zwei Wochen bestritten wir einen Länderkampf, Giulia war vorher nicht gut drauf. Ich ahnte das Schlimmste, doch dann zeigte sie einen Sprung – oh là là! Sie hätte fast die Decke touchiert. Sie ist aussergewöhnlich.

Also schafft es Steingruber auch nach elf Jahren noch,Sie zu überraschen?
Und wie! Ihre Physis ist beeindruckend, und sie ist solch ein Wettkampftyp – es gibt wenige Länder, die eine Turnerin haben wie sie. Sie zählt jetzt zu den Top 5 der Welt.

«Ich bremse, sie zieht.»>

Hätten Sie gedacht, dass sie schon vor der WM 2019 wieder so weit sein könnte?
Ja, das war die Idee. Sie hat den Zeitplan perfekt einhalten können. Deshalb ist es ja verständlich, dass sie jetzt mehr machen will. Der zweite Sprung zum Beispiel war in der Tat nicht vorgesehen. Nun haben wir für die WM beide Sprünge vorbereitet.

An den Schweizer Meisterschaften Anfang September sagte sie noch, sie mache sicher keinen zweiten Sprung. Etwas später dann, dass sie es wohl mit einfacher Schraube probieren werde. Nun will sie mit der Doppelschraube doch wieder nach den WM-Medaillen greifen. Wer ist hier am Drücker – Turnerin oder Trainer?
Sie. (lacht) Ich bremse, sie zieht, aber ich bremse nicht gut genug. (lacht wieder) Wie gesagt, es geht um das Gleichgewicht. Wenn sie findet, sie könne die Olympiaqualifikation auch mit etwas mehr Risiko erreichen, voilà – ich kann nicht ständig bremsen, sondern muss auch loslassen. Sie ist 25 und weiss selbst am besten, was gut für sie ist.

An der WM streben Sie nicht nur die Olympiaqualifikation von Steingruber als Einzel­athletin an, sondern möchten sich auch mit dem Teamfür Tokio 2020 qualifizieren.Ist dieses Ziel realistisch?
Ja. Objektiv gesehen hat es zwölf Teams, die 160 Punkte machen können. Wir schaffen mindestens 156, und wenn wir stabil turnen, können es mehr sein. Wie viel mehr? Das werden wir sehen. Alle müssen erst turnen. 2015 hatte Frankreich den 8. Rang als Ziel, doch dann: Katastrophe, sie wurden 15. Das kann ihnen wieder passieren. Oder die Deutschen: An der EM sind sie sechsmal gestürzt. Wir haben inzwischen viel Erfahrung, sind stabil und wettkampferprobt.

«Es wird sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr hart.»

Sie haben aber auchVerletzungspech.
Voilà, ja, uns fehlen Leonie Meier und Anina Wildi, doch das Leben geht weiter, das Ziel bleibt. Aber einverstanden: Es wird sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr hart.

Das waren jetzt sieben «sehr».
Ja, ja, (lacht) und trotzdem müssen wir daran glauben. Oder sollen wir uns etwa den 15. Platz zum Ziel setzen? Wenn nicht diesmal, so klappt es hoffentlich im nächsten Zyklus. Die Liste der Namen mit Turnerinnen für Olympia 2024 habe ich bereits erstellt, und ich bin sehr optimistisch, wenn ich sie lese.

Steht der Name Giulia Stein­gruber auch dort drauf?
Ich hoffe es. Ich habe kurz mit ihr darüber geredet, doch wir haben uns entschieden, erst einmal Schritt für Schritt zu nehmen. Zuerst die WM und Olympia. Dann die EM 2021 in Basel – hoffentlich, das wäre cool, für mich als Trainer ist eine Turnerin wie sie ein Glücksfall. Und vielleicht will sie danach sogar weitermachen. Die Türe ist jedenfalls offen, sie muss da nur durchgehen.

Glauben Sie, dass der Wille nochmals vier Jahre hält?
Nach Rio dachte ich, sie könnte die Motivation verloren haben. Doch sie kam stärker zurück denn je. Nun war sie schwer verletzt, ist wieder da und nicht mehr wegzudenken. Sie inspiriert uns alle.

2024 wäre sie 30. Trauen Sie es ihr und ihrem Körper zu?
Ohne jeden Zweifel. Sie ist eine Maschine.

Erstellt: 05.10.2019, 14:36 Uhr

Fabien Martin

Am 6. Februar 1975 in Nordfrankreich geboren, arbeitet Martin seit 2005 im Verbandszentrum des Schweizerischen Turnverbandes. Erst assistierte er dem umstrittenen Nationaltrainer Eric Démay, dessen Umgang mit den Turne­rinnen 2007 im Eklat endete. Er blieb auch unter Zoltan Jordanov Assistent und trug seinen Teil dazu bei, zunächst Ariella Kaeslin und ab 2008 Giulia Steingruber zu Spitzenturnerinnen zu formen. Anfang 2017 ersetzte er Jordanov nach dessen Pensionierung und stieg selbst zum Cheftrainer auf. Er führt das Nationalkader mit seiner Frau Natalia und seinem Bruder ­Jérôme. Zusammen mit Natalia wohnt Martin in Évilardbei Magglingen, das Paar hatzwei Kinder (3 und 7). (wie)

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