Treibt der russische Anti-Doping-Chef ein doppeltes Spiel?

Juri Ganus verblüfft mit harten Attacken gegen den eigenen Sport. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass dies zu einem Plan der russischen Führung gehört.

Juri Ganus, 55: Die Sphinx im internationalen Dopingkampf. Foto: Vladimir Gerdo (Getty Images)

Juri Ganus, 55: Die Sphinx im internationalen Dopingkampf. Foto: Vladimir Gerdo (Getty Images)

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Juri Ganus hat die bullige Figur eines Ringers. Diese Physis kann der 55-jährige Russe zurzeit gut gebrauchen. Der Chef der nationalen Anti-Doping-Agentur befindet sich seit Monaten im Infight, weil er russische Funktionäre, Sportler und Politiker in einer Deutlichkeit kritisiert, wie es in diesem riesigen Sportland einmalig ist – gerne in öffentlichen Briefen oder an internationalen Konferenzen. Gar den unantastbaren Wladimir Putin ging er in Video und Schreiben an und erbat dringende Hilfe.

«Dieses Desaster wird erst enden, wenn wir zugeben, dass wir bestraft gehören und sich keiner der Verantwortung entzieht», schmetterte Ganus jüngst in Anspielung darauf, dass russische Funktionäre und Politiker das systematische Dopen leugnen. Dabei konnte es von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada für 2011 bis 2015 belegt werden.

Zwei  Vorgänger von Juri Ganus 
starben unvermittelt an Herzversagen.

In den vergangenen Tagen hat Ganus noch an Schärfe zugelegt. Der Grund: Seiner Agentur (Rusada) droht die Suspendierung. Denn eine der wichtigsten Auflagen, diese aufzuheben, bestand in der Übergabe der Datenbank des Moskauer Anti-Doping-Labors. 20 Millionen Datensätze sind darin enthalten und dokumentieren das systematische Betrügen des russischen Sports – im Minimum rund um die Jahre 2011 bis 2015. Nur: Die Russen manipulierten die Daten vor der Übergabe an die Wada im Januar 2019, wie diese feststellte.

Ganus sagte darum dem «Spiegel» zu den offensichtlichen Betrügereien: «Es ist, als ob man ein Auto direkt gegen die Wand gesteuert hätte.» Weil die Daten unter Kontrolle des Staates sind bzw. eines Untersuchungsausschusses, beantwortet Ganus die Frage nach den Urhebern so: «Diese Person besitzt eine wirklich hohe Machtposition.» An einer anderen Stelle spricht er davon, dass «Schattenkräfte die Daten manipuliert haben». Gleichzeitig entlastet er sowohl das zuständige Sportministerium wie Putin – und redet nebulös von einer Verschwörung.

Eisbrecher auf einer Mission

Zugleich berichtet er davon, dass sein Telefon abgehört werde, sein E-Mail-Account angezapft sei und sich Gestalten vor seinem Haus herumtrieben. Kurz: er in Gefahr sei und sich um seine Sicherheit sorge. Das ist insofern wenig erstaunlich, als zwei seiner Vorgänger, die öffentlich zu reden begannen, unvermittelt an Herzversagen starben. Nie hat man in diesem Zusammenhang eine Manipulation beweisen können, nie aber auch die Gerüchte entkräften, dass die beiden keineswegs eines natürlichen Todes gestorben seien.

Ganus sagt zu seinen Beweggründen, auf «einer Eisbrecher-Mission zu sein». Denn «wir (die Rusada) brechen das Eis des alten Systems . . . und arbeiten für die aktuelle und zukünftige Generation von Sportlern».

Ganus will also nach eigener Aussage nichts weniger als einen Mentalitätswandel in seinem Land bezüglich Doping hinbekommen – auf allen Ebenen. Erstaunlich dabei: Als er sich vor zwei Jahren gegen 700 Bewerber für den Job durchsetzte, war er ein Branchenfremder ohne jegliche Verbindungen zum Sport.

Der Jurist hatte primär in der Privatwirtschaft gearbeitet, war Geschäftsführer und Krisenmanager für verschiedene internationale wie nationale Firmen. Konnte er sich darum als Quereinsteiger erlauben, den dopingverseuchten russischen Spitzensport mit seinen Strukturen aufzubrechen?

Alles nur abgesprochen?

Es ist die logische Leseart anhand von Ganus’ Aussagen und auch Vorgehen. Die internationale Anti-Doping-Szene lobt darum die Fortschritte der russischen Agentur. Trotzdem misstraut sie ihr, weil sie sich fragt: Ist Ganus wirklich der mutige Aufräumer – oder allenfalls gar ein smarter Falschspieler in einer sehr viel grösser angelegten Operation?

Die Zweifel führen zurück in den April 2018. Damals änderte die Welt-Anti-Doping-Agentur ihr Regelwerk, gerade wegen des breiten staatlichen Dopens in Russland. Suspendiert die Wada seither eine nationale Anti-Doping-Agentur, fällt auch das entsprechende Sportland. Ihm wird dann der Zugang zu Grossanlässen wie Olympia entzogen.

Hier beginnt das Mutmassen der Kritiker: Wenn also Ganus bzw. seine Agentur tatsächlich nichts mit den Manipulationen der Daten zu tun hat, was unbestritten ist, können die internationalen Dopingjäger den russischen Zweig wirklich bestrafen? Die Antwort ist fundamental. Lautet sie Nein, wäre der russische Sport schwerlich von der Weltbühne fernzuhalten.

Russisches Schachspiel

Ergo sagen Ganus’ Kritiker: Er habe in diesem grossen Plan von der russischen Politik das Okay erhalten, vordergründig gegen Politiker und Sportfunktionäre zu wettern und sich an die Auflagen der internationalen Dopingbekämpfer zu halten. Kommt es dann zum Rechtsstreit, sind die Regelhüter machtlos, weil die russischen Kollegen schliesslich tadellos arbeiteten – bzw. die Manipulationen auf Staatsebene vorgenommen wurden und der Sport da über keinen juristischen Hebel verfügt.

Cleverer noch: Mit manipulierten Daten kann der russische Staat dann auch keine eigenen Athleten verurteilen, weil ihm dafür schliesslich die Beweise fehlen würden. Insgesamt wäre der russische Sport weiter munter an Grossanlässen dabei – und alle Doper früherer Jahre juristisch nicht zu packen.

Die Russen hätten den internationalen Sport mit anderen Worten ausgetrickst und ­Ganus könnte treuherzig behaupten, nie falschgespielt zu haben. Klar ist darum nur: Fortsetzung in dieser Causa folgt.

Erstellt: 24.10.2019, 16:16 Uhr

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